Har­te Ar­beit fürs Ver­gnü­gen

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - SPORT IM RHEIN-KREIS - VON VOL­KER KOCH

NEUSS Ni­ki­as Arndt wä­re ger­ne noch ein biss­chen ge­blie­ben bei der Af­terRace-Par­ty des Neus­ser Rad­fah­rer­ver­eins im „Dru­sus1“. Doch es war noch kei­ne 23 Uhr, als sich der 25Jäh­ri­ge auf­mach­te ins hei­mi­sche Köln. „Der Trai­ner hat für mor­gen früh um zehn Uhr Kon­di­ti­ons­trai­ning an­ge­setzt“, er­klär­te der Pro­fi des Team Sun­web, der nach zwei zwei­ten Plät­zen bei der Tour de Neuss am Mitt­woch als Sechs­ter die Zi­el­li­nie über­quer­te.

Wohl­ge­merkt: Bis Sonn­tag hat­te Arndt erst­mals in sei­ner Kar­rie­re 3540 Ki­lo­me­ter der Tour de Fran­ce un­ter den Rei­fen, die er nach knapp ver­pass­tem Etap­pen­sieg am dritt­letz­ten Tag in Sa­lon de Pro­vence auf Rang 84 als viert­bes­ter Deut­scher im Ge­samt­klas­se­ment be­en­de­te. Am Mitt­woch­abend stan­den die 80 Ki­lo­me­ter der Tour de Neuss auf sei­nem Plan, heu­te fährt er in Kre­feld (20 Uhr, 60 Ki­lo­me­ter), am Sonn­tag dann die Lon­don&Sur­rey Clas­sics, das be­deu­tends­te Ein­ta­ges­ren­nen in Groß­bri­tan­ni­en, das über 200 Ki­lo­me­ter führt.

Und da­zwi­schen wird Kon­di­ti­on ge­bolzt. So ist sie, die „neue Ge­ne­ra­ti­on“der jun­gen deut­schen Rad­pro­fis, zu de­nen ne­ben Arndt auch die in Neuss ge­star­te­ten Rick Za­bel, Nils Po­litt (bei­de 23) und Rü­di­ger Se­lig (28) oder der als 15. bei der Tour de Fran­ce best­plat­zier­te Deut­sche Ema­nu­el Buch­mann (24) ge­hö­ren, der im Vor­jahr in Neuss Vier­ter wur­de. Sie sind ziel­stre­big, aber nicht ver­bis­sen, sie kom­men lo­cker da­her wie der net­te jun­ge Mann von ne­ben­an, nur dass sie ihr Geld nicht im Bü­ro, son­dern mit har­ter Ar­beit auf dem Rad ver­die­nen.

Ih­re Lo­cker­heit wirkt an­ste­ckend. Ei­nen An­dré Grei­pel, mit sei­nen 35 Jah­ren in­zwi­schen so et­was wie der Se­ni­or­chef un­ter den deut­schen Fah­rern, hat man sel­ten so lo­cker er­lebt wie am Mitt­woch­abend in Neuss – und das nicht erst nach sei­nem Sieg. Da spru­del­te es aus dem oft eher wort­kar­gen Ros­to­cker förm­lich her­aus.

Grei­pel ist ne­ben sei­nem Sprin­ter­kol­le­gen Mar­cel Kit­tel ein Welt­star des Sports, auch wenn das in Deutsch­land kaum so wahr­ge­nom­men wird. Vi­el­leicht ha­ben sich die Deut­schen all­zu sehr an ar­ro­gan­te, Wort­hül­sen ab­son­dern­de Fuß­bal­ler ge­wöhnt, wie sie das Fern­se­hen bei­na­he täg­lich ser­viert (und pro­du- ziert) und hal­ten de­ren Ei­gen­schaf­ten für zwin­gend not­wen­dig, um als Welt­star zu gel­ten. Rad­sport­ler sind da an­ders. Grei­pel er­füll­te ge­dul­dig, noch im ver­schwitz­ten Tri­kot im Sat­tel ho­ckend, al­le Au­to­gramm­wün­sche und ließ sich eben­so oft vors Fo­to­han­dy lo­cken wie Tour­teu­fel Di­di Senft.

Eben­so ge­dul­dig hat­te er ge­mein­sam mit Rick Za­bel vor dem Eli­te­ren­nen zwei Run­den mit den TourKin­dern ge­dreht, die (ih­re El­tern vi­el­leicht noch mehr) die­sen Abend si­cher nicht so schnell ver­ges­sen wer­den. Und das al­les, 80 Run­den mit ei­ner un­glaub­li­chen Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 48,7 St­un­den­ki­lo­me­tern in­klu­si­ve, für ei­ne Ga­ge, über die an­de­re „Welt­stars“nur mü­de lä­cheln wür­den. Mit dem Etat, mit dem der Neus­ser Rad­fah­rer­ver­ein zehn Tour de Fran­ce-Teil­neh­mer nach Neuss hol­te, kä­me ein Fuß­ball-Be­zirks­li­gist nicht mal bis zur Win­ter­pau­se.

Si­cher, auch im Rad­sport gibt es Groß­ver­die­ner wie Chris­to­pher Froo­me oder Pe­ter Sa­gan, die schon vor dem Kar­rie­re­en­de fi­nan­zi­ell aus­ge­sorgt ha­ben. Doch für den größ­ten Teil der Fah­rer ist ihr Sport har­te Ar­beit für an­der­leuts Ver­gnü­gen. Sie lei­den da­bei (in Deutsch­land) im­mer noch un­ter Sün­den und Feh­lern der Ver­gan­gen­heit, die sie nicht be­gan­gen und die sie nicht zu ver­ant­wor­ten ha­ben – und die sie hof­fent­lich nicht wie­der­ho­len wer­den.

Der glanz­vol­le Grand Dé­part der Tour de Fran­ce, der mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen an die Stra­ßen­rän­der zwi­schen Düs­sel­dorf und Aa­chen lock­te, aber auch Ver­an­stal­tun­gen wie die Tour de Neuss, de­ren 16. Auf­la­ge de­nen aus den „gro­ßen Zei­ten“zu Be­ginn die­ses Jahr­tau­sends in nichts nach­stand, las­sen hof­fen, dass der Rad­sport hier­zu­lan­de das tie­fe Tal der Trä­nen durch­schrit­ten hat. Es gibt wie­der mehr Ren­nen, zwi­schen Mitt­woch (Neuss) und Sonn­tag (Bochum) gleich fünf an der Zahl.

Und es gibt wie­der Rad­sport­fans. In Neuss wa­ren es am 2. und am 26. Ju­li zu­sam­men­ge­rech­net 120.000 Men­schen, die mit der Durch­fahrt der Tour de Fran­ce und der Tour de Neuss bes­tens un­ter­hal­ten wur­den – das sind drei Vier­tel der Ein­woh­ner. Zah­len, wie sie an­sons­ten nur das Bür­ger-Schüt­zen-Fest er­reicht– und das ist in Neuss nun wirk­lich ei­ne ganz be­son­de­re Ge­schich­te.

NGZ-FO­TOS (4): A.WOITSCHÜTZKE

Sie ver­kör­pern die neue Ge­ne­ra­ti­on der deut­schen Rad­sport­ler: Ni­ki­as Arndt, der bei der Tour de Fran­ce nur knapp ei­nen Etap­pen­sieg ver­pass­te, und Nils Po­litt (l.). Der Köl­ner be­leg­te vor vier Jah­ren Platz zwei im U19-Ju­gend­ren­nen in Neuss und be­en­de­te am Sonn­tag sei­ne ers­te Tour de Fran­ce auf Rang 95.

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