HERR MÜL­LER, DIE VER­RÜCK­TE KAT­ZE UND GOTT

Nordwest-Zeitung - - ROMAN - RO­MAN VON EWALD ARENZ FORT­SET­ZUNG FOLGT

Eo­ham­mad kam erst beim zwei­ten Ver­such hoch. Ver­zwei­felt sag­te er: „O Mann. Und ich dach­te vor­hin, der Kaf­fee schmeckt bloß des­halb so ent­setz­lich, weil ihr Eu­ro­pä­er das nicht könnt. Ich kann nichts es­sen? Das schmeckt al­les wie . . .?“

Er sprach es nicht aus. Es war schlimm ge­nug, den Ge­schmack noch im Mund zu ha­ben. John nick­te. „Bis zum Jüngs­ten Tag halt“, sag­te er mit die­sem Ton von Mit­ge­fühl in der Stim­me, den auch Ärz­te an­schla­gen, wenn sie mit Tod­kran­ken spre­chen; wohl­ge­merkt Ärz­te, die selbst noch nie in ih­rem Le­ben wirk­lich Schmer­zen ge­habt ha­ben. Abu da­ge­gen grins­te. Das war si­cher Mo­ham­mads Stra­fe da­für, dass er vom Glau­ben ab­ge­fal­len war. Mo­ham­mad da­ge­gen ver­barg kurz das Ge­sicht in den Hän­den. Dann straff­te er sich.

„Ich wer­de nicht bis zum En­de al­ler Ta­ge ver­flucht sein. Ich nicht!“, schrie er.

Ei­ne jun­ge Mut­ter, mit zwei Töch­tern an der Hand auf dem Weg zum Kin­der­gar­ten, dreh­te sich flüch­tig nach ihm um, nahm das jün­ge­re Kind auf den Arm und er­klär­te dem an­de­ren mit ru­hi­ger Stim­me: „Siehst du, Ma­rie-Clo­thil­de, das kommt, wenn man zu viel Crys­tal Meth kon­su­miert. Crys­tal Meth ist über­haupt nicht gut für dei­nen Kör­per. Des­we­gen ha­be ich dir Ka­rot­ten in dei­ne Lunch­box ge­tan. Bio­lo­gi­sche. Bio­lo­gi­sche Ka­rot­ten sind viel bes­ser, wenn man . . .“

Der Rest ih­rer Erklärung wur­de vom Stra­ßen­lärm ver­schluckt. Mo­ham­mad sah der Frau fas­sungs­los nach. Der Hund aus dem Ca­fé schnup­per­te an dem Ap­fel, den Mo­ham­mad hat­te fal­len las­sen, fand ihn an­spre­chend und fraß ihn auf.

„Wir“, sag­te Mo­ham­mad mit un­ter­drück­ter Wut, wo­bei er John fest am Arm nahm, „fin­den jetzt Kurt Mül­lers See­le. Wir ret­ten jetzt die Welt. Ich ha­be kei­ne Lust, die Mos­lem­aus­ga­be von Ka­pi­tän Bar­bos­sa zu wer­den.“

John sah ihn wie­der ein­mal ver­ständ­nis­los an, aber Mo­ham­mad zog ihn en­er­gisch mit sich fort.

Zehn Mi­nu­ten spä­ter be­tra­ten sie ein schmud­de­li­ges In­ter­net­ca­fé. Die Schau­fens­ter­schei­ben wa­ren mit zahl­rei­chen Pla­ka­ten zu­ge­klebt, von de­nen die meis­ten so aus­geb­li­chen wa­ren, dass alle Far­ben sich auf ein ein­heit­li­ches Hell­blau re­du­ziert hat­ten und die Tex­te kaum noch les­bar wa­ren. Auf wack­li­gen Holz­ti­schen stan­den fest­ge­schraub­te Bild­schir­me, von de­nen man­che fla­cker­ten und an­de­re von den Rän­dern her all­mäh­lich mit schwar­zen Schlieren zu­wuch­sen. Die Tas­ta­tu­ren wa­ren mit Draht­sei­len an die Ti­sche ge­ket­tet. Es war kein Raum, in dem man Se­mi­na­re zu Ver­trau­en und Nächs­ten­lie­be hät­te ab­hal­ten wol­len. Mo­ham­mad mus­ter­te die Preis­lis­te, die an der Wand hin­ter der Frau an der Kas­se hing.

„Wir hät­ten ger­ne das Vier­stun­den­an­ge­bot mit zwei Rech­nern“, sag­te er.

Die Frau te­le­fo­nier­te of­fen­bar ge­ra­de mit ei­ner Freun­din, der sie mit­teil­te, wie wi­der­lich sie ih­ren Job in die­ser ver­ranz­ten In­ter­net­bu­de fand, tipp­te aber ne­ben­bei ge­lang­weilt et­was in ih­re Kas­se, riss den Bon ab und schob ihn zu Mo­ham­mad hin­über.

„Acht­zehn Eu­ro“, raunz­te sie in ihr Han­dy, ohne ihn an­zu­se­hen. Mo­ham­mad zö­ger­te et­was, weil er nicht wuss­te, wer ge­meint war.

„Hast du was an den Oh­ren?“, frag­te die Frau ih­ren Te­le­fon­part­ner, ohne die Au­gen zu Mo­ham­mad zu er­he­ben. Der hät­te das in sei­nem frü­he­ren Le­ben als Is­la­mist für ei­ne Frau ei­gent­lich ge­zie­mend gefunden, aber seit er tot war, zog er es vor, wenn die Leute ihn wahr­nah­men.

„Nein, nicht du“, er­klär­te die Frau ih­rem Han­dy, „der Ka­mel­trei­ber vor mir. Acht Zehn Eu Ro!“, rief sie über­deut­lich über den Tre­sen. „Du da! Ja! Du!“Sie stach mit dem Zei­ge­fin­ger in die Luft. „Sprichst du meine Spra­che? Hal­lo?“

Mo­ham­mad ließ sei­nen Blick su­chend um­her­schwei­fen, ob sie viel­leicht je­mand an­de­ren mein­te. Okay. John sah in sei­ner Fran­zis­ka­ner­kut­te wirk­lich et­was ei­gen­ar­tig aus. Abu trug im­mer noch die ge­schwärz­te, an den Hand- und Fuß­ge­len­ken stark aus­ge­frans­te Uni­form und sei­nen Tur­ban. Er selbst wirk­te ge­ra­de be­stimmt nicht, wie man sich den ed­len Ara­ber so vor­stellt. Aber das war noch lan­ge kein Grund, zu Aus­län­dern un­höf­lich zu sein, fand er.

„Ich glau­be, ich ha­be mein An­lie­gen vor ei­ner Mi­nu­te gram­ma­ti­ka­lisch völ­lig kor­rekt vor­ge­tra­gen“, ant­wor­te­te er. Erst in die­sem Au­gen­blick wur­de ihm be­wusst, dass er seit sei­ner et­was über­stürz­ten An­kunft im Him­mel kein Ara­bisch mehr sprach, son­dern . . . er wuss­te nicht genau, was es war . . . Uni­ver­sal? Je­den­falls schien die Spra­che, die er eben ge­brauch­te, Deutsch zu sein. Per­fek­tes Deutsch. An­schei­nend gab es we­nigs­tens ei­nen Vor­teil, wenn man zu ewi­ger Wan­der­schaft auf Er­den ver­dammt war.

„Lang­weil mich nicht, Ka­mel­trei­ber“, gab die jun­ge Frau an der Kas­se ag­gres­siv zu­rück. „Was seid ihr drei ei­gent­lich? Ei­ne Boy­group für ob­dach­lo­se Min­der­hei­ten? Acht­zehn Eu­ro!“

Abu misch­te sich mür­risch ein.

„Be­zahl doch end­lich“, ver­lang­te er. „Die geht mir auf die Ner­ven, und ich wür­de ger­ne an­fan­gen. Wir ha­ben nicht den gan­zen Tag Zeit.“

„Ei­gent­lich schon“, warf John ge­wis­sen­haft ein. „Ei­gent­lich habt ihr bei­de Zeit bis zum Jüngs­ten Tag.“

Mo­ham­mad dreh­te sich zu John.

„Das ist nicht hilf­reich“, sag­te er ge­ra­de noch höf­lich, „und we­nig wit­zig.“

Die jun­ge Frau sprach wie­der mit ih­rem Han­dy.

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