Un­ter­neh­mer mit­schul­dig an mo­der­ner Skla­ve­rei

Nordwest-Zeitung - - IM NORDWESTEN - VON TO­BI­AS SCHWERDTFEGER

FRA­GE: Sie ha­ben be­kannt ge­ge­ben, dass Sie das Of­fi­zialat ver­las­sen wer­den. Und gleich­zei­tig noch ein­mal hef­ti­ge Kri­tik an Werkvertragsarbeit ge­übt. Sind Sie kein Freund stil­ler Ab­gän­ge? KOSSEN: Trotz al­ler Dis­kus­sio­nen und Ab­sichts­er­klä­run­gen hat sich vie­ler­orts we­nig zum Po­si­ti­ven ge­wen­det. Das zu­nächst le­ga­le In­stru­ment der Werk­ver­trä­ge wird mas­sen­haft miss­braucht, um ele­men­tars­te Stan­dards von Ent­loh­nung und Ab­si­che­rung sys­te­ma­tisch zu un­ter­lau­fen. Es wer­den Um­ge­hungs­stra­te­gi­en prak­ti­ziert, um den Min­dest­lohn aus­zu­höh­len. FRA­GE: Wel­che Stra­te­gi­en sind das? KOSSEN: An­ge­fan­gen von un­be­zahl­ter Mehr­ar­beit über Miet­prei­se in Hö­he von 290 bis zu 420 Eu­ro mo­nat­lich für ein Bett im Mehr­bett­zim­mer. Bis da­hin, dass Stech­schür­zen und Stech­hand­schuh den Ar­bei­tern für je 108 Eu­ro in Rech­nung ge­stellt wür­den. Mes­ser-Pfand­geld wird eben­so er­ho­ben wie Ge­büh­ren für Über­set­zun­gen ver­langt. Der Trans­port zur Ar­beits­stel­le wird in Rech­nung ge­stellt. Die Schlag­zahl wird durch die Stei­ge­rung der Lauf­ge­schwin­dig­keit von Fließ­bän­dern er­höht. Dass im Schnitt 80 Pro­zent der Ar­beits­plät­ze in der Fleisch­in­dus­trie mit Werk­ver­trags­und Leih­ar­beits­kräf­ten be­setzt sind, ist ein Bei­spiel für Aus­beu­tung und mo­der­ne Skla­ve­rei. FRA­GE: Star­ke Wor­te... KOSSEN: Der Miss­brauch der Werk­ver­trä­ge frisst sich wie ein Krebs­ge­schwür quer durch un­se­re Volks­wirt­schaft. Je­den Tag wer­den hun­dert­tau­sen­de Ar­beits­mi­gran­ten sys­te­ma­tisch aus­ge­beu­tet: im Ho­tel­ge­wer­be, der Ge­trän­ke­indus­trie, im Ge­mü­se­an­bau, auf Groß­bau­stel­len, im Ver­sand­han­del. Un­ter un­säg­li­chen hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen wer­den ab­bruch­rei­fe Häu­ser, Fa­b­ri­ken und Vieh­stäl­le mit Ost­eu­ro­pä­ern ,voll­ge­stopft’. Spa­ni­sche Werk­ver­trags­ar­bei­ter bei­spiels­wei­se ha­ben 12 Eu­ro pro Bett und Nacht in ei­nem 12-Bett-Zim­mer zah­len müs­sen. Das Sys­tem stützt sich viel­fach ab auf das skru­pel­lo­se Ge­schäft kri­mi­nel­ler Su­b­un­ter­neh­mer. Un­ter­neh­mer, die das in ih­ren Un­ter­neh­men dul­den, sind mit­schul­dig an mo­der­ner Skla­ve­rei!

Prä­lat Pe­ter Kossen (48) wur­de 1996 zum Pries­ter ge­weiht. Sei­ne Ka­plans­zeit ver­brach­te er in Nord­wal­de und Müns­ter. Ab 2004 war er Pfar­rer in Em­me­rich am Rhein. 2011 wech­sel­te er als Stän­di­ger Ver­tre­ter des Of­fi­zi­als in die Re­gi­on nach Vech­ta.

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