Durch­at­men und neue Kraft tan­ken

Fa­mi­lie Bi­ckert aus der Nä­he von Aschaf­fen­burg nimmt Aus­zeit in Wil­helms­ha­ven

Nordwest-Zeitung - - OLDENBURGER LAND - VON LARS LAUE

Die Ein­rich­tung bie­tet Fa­mi­li­en mit schwerst kran­ken Kin­dern Un­ter­stüt­zung an. Die zwölf­jäh­ri­ge Ma­ria kennt die Pfle­ge­kräf­te schon gut.

WIL­HELMS­HA­VEN – Die klei­ne Ma­ria kam als kern­ge­sun­des Kind zur Welt. Heu­te ist das lie­bens­wer­te Mäd­chen zwölf – ih­re geis­ti­ge und kör­per­li­che Be­hin­de­rung macht ei­ne 24St­un­den-Be­treu­ung not­wen­dig. Ma­ria kann fast nichts al­lei­ne, muss so­gar nachts ge­dreht wer­den.

War­um es da­zu kam, das wis­sen ih­re El­tern nicht so ge­nau. Ein nicht en­den wol­len­der Fie­ber­krampf führ­te die El­tern mit Ma­ria ins Kran­ken­haus. Ma­ria war da­mals sechs Jah­re alt. Als Klein­kind hat­te sie un­ter Keuch­hus­ten ge­lit­ten. Ge­gen den Fie­ber­krampf be­kommt Ma­ria in der Kli­nik ein Me­di­ka­ment, wor­auf­hin ih­re Le­ber und ih­re Nie­ren ver­sa­gen.

Ins Wach­ko­ma ge­fal­len

Sie fällt in ein mehr­wö­chi­ges Wach­ko­ma. Als Ma­ria er­wacht, ist sie ein Pfle­ge­fall. „Viel­leicht ist sie mit den fal­schen Me­di­ka­men­ten be­han­delt wor­den“, sagt ihr Va­ter Ste­fan Bi­ckert und ver­mu­tet, dass Ma­ria ge­gen den Fie­ber­krampf et­was ge­gen Epi­lep­sie be­kom­men hat – mög­li­che Ne­ben­wir­kun­gen: Le­ber- und Nie­ren­ver­sa­gen. Doch ge­nau wis­sen Ste­fan und sei­ne Frau Andrea Bi­ckert das nicht.

Was sie aber wis­sen, ist, dass Ma­ria Tag für Tag ih­re vol­le Un­ter­stüt­zung und Ener­gie braucht. El­tern ma­chen das gern, weil sie ih­re Kin­der lie­ben. Sie op­fern sich auf, stel­len ih­re ei­ge­nen In­ter­es­sen zu­rück. Ei­ne Be­las­tungs­pro­be, die Menschen und Ehen an Gren­zen bringt.

Zeit zum Durch­at­men bleibt da we­nig. Des­halb sind Andrea und Ste­fan Bi­ckert froh, dass es Ein­rich­tun­gen wie das Kin­der- und Ju­gend­hos­piz „Jos­huas En­gel­reich“in Wil­helms­ha­ven gibt. Vie­le brin­gen Ho­s­pi­ze mit dem Be­griff Ster­ben in Ver­bin­dung. Und na­tür­lich ver­brin­gen schwer­kran­ke Menschen häu­fig ih­re letz­ten Le­bens­ta­ge im Ho­s­piz.

Nicht so das Ehe­paar Bi­ckert mit sei­ner Toch­ter Ma­ria. Die Fa­mi­lie hat be­reits zum zwei­ten Mal die 530 Ki­lo­me­ter aus der Nä­he von Aschaf­fen­burg an die Küs­te auf sich ge­nom­men, um im Kin­der- und Ju­gend­hos­piz Wil­helms­ha­ven neue Kraft zu schöp­fen. Wäh­rend ei­nes Auf­ent­halts in den von Bo­del­schwingh­schen Stif­tun­gen Be­thel in Bie­le­feld hat­te Andrea Bi­ckert von dem noch re­la­tiv neu­en An­ge­bot in Wil­helms­ha­ven er­fah­ren. Die Kos­ten für den Auf­ent­halt der er­krank­ten Toch­ter wer­den zu 95 Pro­zent von den Kran­ken­und Pfle­ge­kas­sen über­nom­men. Den Rest fi­nan­ziert das Kin­der- und Ju­gend­hos­piz über Spen­den­gel­der, mit de­nen auch der Auf­ent­halt der El­tern und Ge­schwis­ter­kin­der fi­nan­ziert wird.

„Al­lein schon die Luft wirkt sich po­si­tiv auf das Wohl­be­fin­den von Ma­ria aus“, sagt Va­ter Ste­fan, der als Kunst­stoff­in­ge­nieur tä­tig ist. Auch der gu­te Kon­takt zu den Pfle­ge­rin­nen und Pfle­gern ge­fal­le Ma­ria – und er­laubt es den El­tern, sich ein­mal Zeit für sich zu neh­men. Denn sie wis­sen, dass Ma­ria in der Zwi­schen­zeit in gu­ten Hän­den ist.

Manch­mal schnap­pen die drei sich auch das Watt­mo­bil, das mit sei­nen gro­ßen Rei­fen samt Ma­ria drin mü­he­los über den Strand schie­ben lässt. „Wir ge­nie­ßen die Zeit hier im Kin­der- und Ju­gend­hos­piz in Wil­helms­ha­ven und möch­ten an­de­re El­tern er­mu­ti­gen, sich zwi­schen­durch ei­ne sol­che Aus­zeit zu gön­nen“, be­tont Mut­ter Andrea, Um­welt­schutz­tech­ni­ke­rin, aber seit der Sa­che mit Ma­ria haupt­säch­lich zu Hau­se im Ein­satz.

Zwei Ge­schwis­ter­kin­der

Schließ­lich gibt es da ja auch noch die bei­den Ge­schwis­ter­kin­der Ron­ja (15) und Li­nus (17). Vo­ri­ges Jahr wa­ren sie noch mit in Wil­helms­ha­ven, die­ses Jahr ha­ben sie ih­ren Auf­ent­halt an der Küs­te et­was ab­ge­kürzt und sind zu­rück in die Nä­he von Aschaf­fen­burg. Nach Hau­se sind mitt­ler­wei­le auch Andrea, Ste­fan und Ma­ria zu­rück­ge­kehrt – gut er­holt und voll­ge­tankt mit neu­er Kraft. „Wir wis­sen nicht, was kommt. Ob es schlech­ter wird mit Ma­ria oder ei­nes Ta­ges wie­der bes­ser, was un­ser größ­ter Wunsch ist“, hof­fen die El­tern je­den Tag auf ein klei­nes Wun­der.

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