HERR MÜL­LER, DIE VER­RÜCK­TE KAT­ZE UND GOTT

Nordwest-Zeitung - - SPORT - RO­MAN VON EWALD ARENZ FORT­SET­ZUNG FOLGT

58. FORT­SET­ZUNG

„Du glaubst, wir pla­nen so et­was? Du denkst, wir ha­ben im Him­mel ein­mal in der Wo­che ei­ne Kon­fe­renz, um die rund hun­dert­acht­zig­tau­send To­des­fäl­le pro Tag zu de­si­gnen?“Ab­ad­don misch­te sich ein. „Al­so, als ich noch in der Höl­le war, ha­ben wir sol­che Kon­fe­ren­zen schon ab und zu ge­habt . . .“

Je­hu­di mach­te ei­ne un­ge­dul­di­ge Hand­be­we­gung.

„He­le­na“, er­klär­te er ge­dul­dig, „ihr Menschen habt ei­nen frei­en Wil­len. Dein Va­ter hät­te nicht auf das Skate­board stei­gen müs­sen. Auch wenn wir das schon wuss­ten. Aber wis­sen heißt nicht pla­nen. Ihr Menschen han­delt oder han­delt nicht, wir wis­sen, ob ihr han­delt oder nicht, aber wir ent­schei­den nicht für euch.“

Pau­li­na misch­te sich ein. Sie war im­mer noch ent­spannt, aber das hin­der­te sie nicht dar­an, lo­gisch zu den­ken. „Wenn ihr wisst, wie je­mand han­delt, dann ist die Ent­schei­dung doch schon ge­trof­fen“, mein­te sie, „egal, wie ihr das nennt. Ir­gend­je­mand, ir­gend­et­was hat be­reits ent­schie­den, sonst wüss­tet ihr das nicht, oder?“

Ab­ad­don grins­te, pflück­te ei­ne Ro­sen­knos­pe und schnips­te sie zu Pau­li­na. Im Flug öff­ne­te sie sich, und als Pau­li­na sie fing, war sie voll auf­ge­blüht.

„Oh ja!“, mein­te Je­hu­di. „Groß­ar­tig! Blu­men vom Dä­mo­nen­fürs­ten.“

Ab­ad­don zuck­te fast ver­gnügt die Schul­tern. „Hat sie nicht recht?“Je­hu­di lä­chel­te nicht, als er sich an Pau­li­na wand­te.

„Das stimmt na­tür­lich, wenn du in men­sch­li­chen, phy­si­ka­li­schen, wis­sen­schaft­li­chen Ka­te­go­ri­en denkst. Oder in un­se­ren“, gab er zö­gernd zu. „Für uns al­le exis­tie­ren Zeit und Raum. Für uns gibt es ein Vor­her und Nach­her. Für Menschen und für En­gel, für Tie­re und Son­nen­sys­te­me und die ge­sam­te Schöp­fung.“

„Und für Dä­mo­nen“, sag­te Ab­ad­don mit plötz­li­cher Bit­ter­keit, „vor al­lem für uns Dä­mo­nen. Ich weiß al­les über die Zeit“, sag­te er wü­tend zu Pau­li­na, „wirk­lich al­les. Nach ein paar Mil­lio­nen Jah­ren auf dem blö­des­ten Kon­ti­nent der Er­de...“

„Du weißt gar nichts über die Zeit!“, kor­ri­gier­te ihn Je­hu­di kühl. „Ich auch nicht. Aber ein Jo­ta mehr als du weiß ich doch. Gott, den­ken wir, ist nicht Teil sei­ner ei­ge­nen Schöp­fung und be­trach­tet sie sich viel­leicht durch die Schwar­zen Lö­cher. Dort hat Zeit ei­ne völ­lig an­de­re Be­deu­tung. Dort“, er warf Ab­ad­don ei­nen Blick zu, „nur dort gibt es wah­re Unend­lich­keit und völ­li­ge Gleich­zei­tig­keit, flie­ßen­de und ste­hen­de Zeit in ei­nem. Es ist nur ei­ne Fra­ge, in wel­chem Be­zugs­sys­tem der Be­ob­ach­ter steht. Nicht ein­mal wir En­gel könn­ten dort sein – in Schwar­zen Lö­chern wird so­gar das Licht ge­fan­gen. Und weil wir Ge­schöp­fe zwangs­läu­fig im­mer in­ner­halb der Schöp­fung sind, sind wir im­mer in­ner­halb der Ge­set­ze der Schöp­fung ge­fan­gen. Für uns gibt es Ur­sa­che und Wir­kung, vor­her und nach­her.“

Ab­ad­don warf sei­ne Frack­schö­ße nach hin­ten und sprang auf die son­nen­be­schie­ne­ne Fe­s­tungs­mau­er, wo er mit halb ge­schlos­se­nen Au­gen hin und her ging.

„Ver­stehst du jetzt“, frag­te er Pau­li­na mit sorg­fäl­tig neu­tra­ler Stim­me, „war­um man­che von uns En­geln den Auf­stand ver­sucht ha­ben? Es war dort oben im Him­mel manch­mal ein­fach wie ei­ne end­lo­se Schul­stun­de Phy­sik.“

Pau­li­na muss­te so la­chen, dass sie bei­na­he von der Bank fiel. Je­hu­di lä­chel­te kaum merk­lich. Es gab ei­nen Grund, wes­halb Ab­ad­don sein Lieb­lings­bru­der war.

„Ah“, dach­te He­le­na nach, „und weil nach den Ge­set­zen die­ser Schöp­fung kei­ne See­le ver­lo­ren geht – Ener­gie­er­hal­tungs­satz –“, sag­te sie in ge­spiel­ter Stren­ge zu Pau­li­na, die jetzt auf dem Kies saß, „müss­te Pa­pas See­le ir­gend­wo sein. Aber dann . . .“, sie dach­te wei­ter nach.

Je­hu­di und Ab­ad­don war­te­ten.

„Dann kann doch ei­ne See­le auch nicht zer­stört wer­den, oder? Man kann aus dem Sys­tem nichts hin­zu­fü­gen oder weg­neh­men; kein Mo­le­kül, kein Atom und kei­ne ein­zi­ge See­le, oder?“

Je­hu­di hob die Ar­me in ei­ner an­ge­deu­te­ten Ges­te der Hilf­lo­sig­keit.

„Das Sys­tem ist aus den Fu­gen“, sag­te er, „aber im Grun­de hast du völ­lig recht. Ei­ne See­le kann ei­gent­lich nicht zer­stört wer­den.“

Ab­ad­don war auf der Um­wal­lung ste­hen ge­blie­ben und sah in den Ho­ri­zont. Sein Ge­sicht um­wölk­te sich. Und das war durch­aus wört­lich zu ver­ste­hen. In­mit­ten des hei­te­ren Früh­lings­ta­ges gab es ei­nen re­gen­grau­en Wol­ken­fleck, der ge­nau über sei­nem Kopf zu hän­gen schien.

„Ich glau­be, es gibt au­ßer mir kein Ge­schöpf auf die­ser Welt, das ein paar Mil­lio­nen Jah­re nichts zu tun hat­te. Al­so, gar nichts. Kei­ne Auf­ga­be. Zwi­schen Him­mel und Höl­le. Ich hat­te viel Zeit zum Nach­den­ken.“

Ab­ad­don sprach in ei­nem Ton, des­sen Käl­te Pau­li­na und He­le­na für ei­nen Augenblick ganz ent­fernt ah­nen ließ, was es wirk­lich be­deu­te­te, nicht an der Welt teil­ha­ben zu dür­fen. Ab­so­lut al­lein zu sein. Es war kein schö­nes Ge­fühl. He­le­na schau­der­te. Sie dach­te an ih­ren Va­ter. Ab­ad­don stand wei­ter mit dem Rü­cken zu ih­nen und sprach in die Fer­ne, aber man hör­te sei­ne Stim­me sehr ge­nau.

„Ihr al­le – du auch, Bru­der – habt nicht zu En­de ge­dacht. Wenn zu den Ge­set­zen die­ser Schöp­fung die Wil­lens­frei­heit ge­hört, dann um­fasst das die to­ta­le Frei­heit. Auch die zur ei­ge­nen Ver­nich­tung. Auch die zur Ver­nich­tung der Schöp­fung. Und das be­deu­tet im Um­kehr­schluss, dass man ei­ne See­le sehr wohl auf im­mer zer­stö­ren kann.“

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