Die Tren­nung vom Fa­mi­li­en­t­raum

Wenn Ma­ma und Pa­pa sich nicht mehr lieb ha­ben – Ein Va­ter über En­de und Neu­an­fang

Nordwest-Zeitung - - STADT OLDENBURG - VON LEA BERNSMANN

Schwe­ren Her­zens hat er sei­ne Kof­fer ge­packt und ist ge­gan­gen. Die Kin­der ver­misst er je­den Tag, an dem sie nicht bei ihm sind.

OL­DEN­BURG – Ma­ma. Pa­pa. Zwei Kin­der. Haus. Kat­ze. Dar­an hat er im­mer ge­glaubt. Es hat ihn ge­trös­tet, als sei­ne Mut­ter ge­stor­ben ist. 14 war er da­mals. Spä­ter hat er auch sei­nen Va­ter be­er­di­gen müs­sen. Al­so hat er sich ei­ne Bil­der­buch­fa­mi­lie aus­ge­malt.

„Ziem­lich lan­ge. Viel zu lan­ge“, sagt er. „Auch als es längst vor­bei war.“Fe­lix Ernst*, 39 Jah­re, Be­am­ter, Va­ter von zwei Töch­tern hat das Ka­pi­tel Bil­der­buch­fa­mi­lie be­en­det. An­fang des Jah­res hat er die Kof­fer ge­packt und ist ge­gan­gen. Das gro­ße Haus mit dem Gar­ten, den Kin­der­zim­mern – sei­ne Ehe, hat er hin­ter sich ge­las­sen. „Der hat al­les auf­ge­ge­ben. Ein­fach so“, hieß es. Von Freun­den, die nicht nach dem War­um ge­fragt ha­ben und fort­an nicht mehr sei­ne wa­ren, son­dern die der Frau.

Kein Streit vor Ge­richt

Wenn Ehe­paa­re sich tren­nen ver­las­sen sie auch ge­mein­sa­me Be­kann­te. Das ge­wohn­te Le­ben ist auf ein­mal vor­bei. Fe­lix Ernst hat sei­ne Kof­fer in ei­ner klei­nen Zwei­zim­mer­woh­nung aus­ge­packt. „Ein Schlaf­zim­mer. Für mich und die Kin­der“, sagt er. „Wenn sie zu Be­such sind.“Oft ist das nicht. Zwei Drit­tel der Zeit le­ben die sechs- und acht­jäh­ri­gen Mäd­chen bei ih­rer Mut­ter. „Manch­mal sa­gen sie, dass sie lie­ber ganz bei mir wä­ren“, sagt der Va­ter. Vor Ge­richt woll­te der Ol­den­bur­ger da­mit nicht zie­hen. Ju­ris­ti­sche Ent­schei­dun­gen wer­den erst bei der Schei­dung ge­trof­fen. Und die sol­len ge­recht sein. Für al­le Be­tei­lig­ten, hat sich das ge­trenn­te Paar vor­ge­nom­men. Trotz al­lem.

In­zwi­schen re­den sie wie­der mit­ein­an­der. Ganz ru­hig und sach­lich. Da­für sorgt ein The­ra­peut. „Aus der Ehe­be­ra­tung ist ei­ne Tren­nungs­be­ra­tung ge­wor­den“, sagt Fe­lix Ernst. Über die Wut und Ent­täu­schung spricht er mit sei­ner Psy­cho­lo­gin. „Ich dach­te lan­ge, ich kom­me al­lei­ne klar, dann hab’ ich ge­merkt, dass ich je­man­den für neue Denk­an­stö­ße brau­che“, sagt er und er­zählt von den schlim­men Pha­sen, wo sie ein­an­der an­ge­schrien ha­ben. „Du woll­test uns zu­rück­las­sen – we­gen ir­gend­ei­nem Kerl“, hat er ge­brüllt. „Du bist zu­erst fremd­ge­gan­gen“, hat sie ge­keift. Vor den Kin­dern. „Un­ters­te Schub­la­de“, sagt Fe­lix Ernst.

Auf der Su­che nach Nä­he

Die Mäd­chen woll­ten sie raus­hal­ten. Zu­min­dest dar­in wa­ren sie sich ei­nig. „Ma­ma und Pa­pa ha­ben sich ge­ra­de nicht mehr so doll lieb. Aber das hat nichts mit euch zu tun. Wir sind im­mer für euch da“, ha­ben sie ih­nen er­klärt. Wenn sie laut wur­den, ha­ben die Kin­der ge­weint. Könn­te er die Zeit zu­rück­dre­hen hät­te er ei­ni­ges nicht ge­sagt, da­für an­de­res öf­ter: „Ich ha­be ihr vi­el­leicht nicht ge­nug ge­zeigt, dass ich für sie da bin und al­les auf die leich­te Schul­ter ge­nom­men.“

Nach der Ge­burt des zwei­ten Kin­des wur­de sie krank, zog sich zu­rück, auch von ihm. Nä­he hat er sich wo­an­ders ge­holt. Ein Aus­rut­scher. „Dar­an geht un­se­re Lie­be nicht ka­putt, ha­be ich ge­hofft“, sagt er.

Ris­se hat­te die Be­zie­hung trotz­dem. „Wir müs­sen re­den“wur­de zum ge­flü­gel­ten Satz. Ge­spro­chen ha­ben sie über die Kin­der, Ein­käu­fe, den Gar­ten, die Nach­barn. Aber nie über sich. Bis er es wis­sen woll­te. „Ich hab’ mir ihr Han­dy ge­schnappt – heim­lich“, sagt er. „Gu­te Nacht. Kuss. Ich lie­be Dich!“stand auf dem Dis­play. Da ist er aus­ge­flippt: All die Un­ge­reimt­hei­ten und Aus­re­den, Ge­schen­ke oh­ne Ab­sen­der, heim­li­chen Te­le­fo­na­te. Er woll­te kei­ne Lü­gen mehr hö­ren und er­fuhr von dem ge­mein­sa­men Be­kann­ten, für den sie so schwärm­te. „Wie ein Te­enager.“

Schluss mit den Lü­gen

Vier Mo­na­te hat er mit ih­rer Un­ent­schie­den­heit ge­lebt. Ir­gend­wann hat er ihr hin­ter­her­spio­niert: „Als ich fest­ge­stellt hab’ dass sie ihn mit zu uns nach Hau­se ge­nom­men hat, war es vor­bei“, sagt er – „da bin ich zu dem Kerl ge­fah­ren und ha­be ihm die Mei­nung ge­sagt, sei­ner Frau auch, die soll­te wis­sen, was ihr Mann so treibt.“Über ein Jahr ist das her. Der gro­ße Groll, das gan­ze Ge­fühls­cha­os, ist ver­flo­gen. Üb­rig bleibt Ent­täu­schung. Und die Lie­be? „Ist weg“, sagt er. „Ich dach­te im­mer, die wä­re grö­ßer als all un­se­re Pro­ble­me“. Trau­rig macht ihn das mit den Kin­dern. „Der größ­te Ver­lust“, sagt er – „das kommt gleich nach dem Tod mei­ner Mut­ter.“Ein­mal, in ei­nem hef­ti­gen Streit ha­be sie ge­sagt: „Ent­we­der du lebst mit dem an­de­ren Mann oder ich bin weg und lass’ dich mit den Kin­dern al­lei­ne.“Da­mals hät­te er ein­fach sa­gen sol­len: „Mach doch!“Ein biss­chen schämt er sich für die­sen Ge­dan­ken. „Wir wol­len nicht, dass ihr euch trennt“, ha­ben die Mäd­chen ge­sagt, als er kurz nach Weih­nach­ten den Miet­ver­trag für die neue Woh­nung un­ter­schrie­ben hat. „Ihr habt jetzt zwei Zu­hau­se“, ha­ben die El­tern sie ge­trös­tet.

Hoff­nung auf Neu­an­fang

„Wir ha­ben echt viel Schei­ße ge­baut – aber die Kin­der ha­ben wir gut hin­be­kom­men“, sagt Fe­lix Ernst. Vi­el­leicht wä­re al­les an­ders ge­kom­men – wenn sie frü­her mit­ein­an­der ge­spro­chen hät­ten, ehr­li­cher ge­we­sen wä­ren. Auch zu sich selbst. Aber das ist Ver­gan­gen­heit. Vor fünf Mo­na­ten hat er sich ver­liebt. Sie ist selbst ge­trennt, hat zwei Kin­der und ver­steht ihn. An den Wo­che­n­en­den sind sie ei­ne gro­ße Patch­work­fa­mi­lie. „Es fühlt sich gut an“, sagt er. „Das mit der Ehe hat ein­fach nicht funk­tio­niert. Wir ha­ben’s ja ver­sucht.“Er hebt die Schul­tern. Ein Schei­dungs­ter­min steht noch nicht fest.

Wenn er sich was wün­schen könn­te, wä­re das ein gro­ßes Haus. Für Ma­ma, Pa­pa, Kin­der, Kat­zen und neue Part­ner. „Wer weiß“, sagt Fe­lix Ernst, „vi­el­leicht fei­ern wir ir­gend­wann al­le zu­sam­men Weih­nach­ten. Fast wie im Bil­der­buch.“(*Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert)

DPA-BILD: FRANK LE­ON­HARDT

Zer­reiß­pro­be: Wenn El­tern sich tren­nen ver­lie­ren auch Kin­der den Halt.

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