Por­zel­lan Voss schließt nach 150 Jah­ren

Wech­sel­vol­le Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens – Wer­te­wan­del und ver­än­der­tes Käu­fer­ver­hal­ten

Nordwest-Zeitung - - AUS DEN STADTTEILEN - VON THO­MAS HUSMANN

In­ha­ber Rei­ner Plä­nitz hat kei­nen Nach­fol­ger. Das Sam­mel­ge­schirr ist im Lauf der Jah­re aus der Mo­de ge­kom­men.

BÜR­GER­FEL­DE – 150 Jah­re wird Por­zel­lan Voss an der Na­dors­ter Stra­ße in die­sen Ta­gen alt. Das ist ein Grund zum Fei­ern für das alt ein­ge­ses­se­ne Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Doch in die Freu­de über das Ju­bi­lä­um mischt sich ein gro­ßer Wer­muts­trop­fen – das Ge­schäft wird mit dem En­de des Ju­bi­lä­ums­aus­ver­kaufs auf­ge­ge­ben und ge­schlos­sen.  AK­TU­EL­LE SI­TUA­TI­ON

„Schwe­ren Her­zens“, räumt In­ha­ber Rei­ner Plä­nitz ein. Doch in sei­ner Fa­mi­lie hat sich kein Nach­fol­ger ge­fun­den, um das Ge­schäft zu über­neh­men. Und über­haupt, das In­ter­net und das ge­wan­del­te Wer­te­ge­fühl in der Ge­sell­schaft ha­ben sich im­mer stär­ker ne­ga­tiv auf das Ge­schäft aus­ge­wirkt. „Frü­her er­fuhr Ge­schirr ei­ne ho­he Wert­schät­zung, es wur­de re­gel­recht – wie für die Aus­steu­er bei ei­ner Hoch­zeit bei­spiels­wei­se – ge­sam­melt und spä­ter nur zu be­son­de­ren An­läs­sen auf den Tisch ge­stellt. Das gibt es heu­te kaum noch“, hat der 60Jäh­ri­ge be­ob­ach­tet. Ge­fragt sind viel­mehr bil­li­ge An­ge­bo­te aus dem Su­per­markt, die nach ein paar Jah­ren ein­fach weg­ge­wor­fen wer­den.

Plä­nitz be­dau­ert, dass mit sei­nem Un­ter­neh­men ein wei­te­res alt­ein­ge­ses­se­nes Ge­schäft in Ol­den­burg schließt. Auf­zu­hal­ten ist die­se Ent­wick­lung sei­ner Ein­schät­zung zu­fol­ge aber wohl nicht und so steht er in die­sen Ta­gen mit sei­ner Ehe­frau Sa­bi­ne (58) und sei­ne bei­den Schwes­tern Sa­bi­ne Stadt­lan­der (46) und Mei­ke Wass­muth (61) in den Ver­kaufs­räu­men an der Na­dors­ter Stra­ße und be­rät sei­ne Kund­schaft beim Ju­bi­lä­ums-/Räu­mungs­ver­kauf.  DIE FIR­MEN­GE­SCHICH­TE

Die Fir­men­ge­schich­te reicht in ei­ne Epo­che zu­rück, in der der so­ge­nann­te „Tan­teEm­ma-La­den“die Gr­und­ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­stell­te, Ein­kaufs­ket­ten und Wa­ren­häu­ser noch un­be­kannt wa­ren. Zu An­fang war das Un­ter­neh­men ein „Co­lo­ni­al­waa­ren“-Ge­schäft. Im Lau­fe der Zeit mach­te die Fir­ma al­le Struk­tur­wand­lun­gen des Mark­tes mit: Nach und nach trenn­te man sich von im­mer mehr Spar­ten, bis die Be­zeich­nung „Por­zel­lan­haus“die Spe­zia­li­sie­rung nach au­ßen hin kund­tat. Und zum Stamm­haus in Nadorst ka­men zwei In­nen­stadt-Fi­lia­len, weil man ja auch für die Lauf­kund­schaft im Zen­trum prä­sent sein woll­te.

Fir­men­grün­der Jo­hann Voss war ge­lern­ter Tisch­ler vom Lan­de und rück­te 1861 stell­ver­tre­tend für ei­nen Ju­li­us Wil­king bei der ol­den­bur­gi­schen In­fan­te­rie ein. Er ließ sich den har­ten Ka­ser­nen­dienst von dem Wehr­pflich­ti­gen gut be­zah­len, der sich – das war da­mals mög­lich - so­zu­sa­gen vom Wehr­dienst frei­ge­kauft hat­te und ei­nen Er­satz­mann schick­te. Der Grund­stock für ei­nen Exis­tenz­auf­bau war ge­legt.

Der Er­satz­mann muss­te 1866 für den Groß­her­zog noch mal eben in den Deut­schen Krieg zie­hen, dann er­öff­ne­te er mit Ehe­frau Do­ris aus Os­tern­burg ei­nen La­den in Nadorst. Das war da­mals noch der Be­zirk „vor dem Hei­li­gen­geist­tor“und als Ge­schäfts­adres­se in­so­fern in­ter­es­sant, als hier der Groß­her­zog zwi­schen Ol­den­burg und Ras­te­de aus- und ein­pen­del­te und auch viel Land­volk hier vor­bei­zog.

Die Vos­sens nutz­ten die La­ge und schenk­ten sich nichts. Schon früh­mor­gens und noch spät­abends bim­mel­te die La­den­glo­cke; Ver­kaufs­zei­ten wa­ren ja nicht fest­ge­setzt. Feil­ge­bo­ten wur­de von der Land­but­ter bis zum Braun­ge­schirr, von der Kern­sei­fe bis zur Pe­tro­le­um­lam­pe al­les, was die Leu­te so brauch­ten.  DAS LE­BEN IM LA­DEN

Jo­hann Voss nahm sich Zeit für per­sön­li­chen Kon­takt mit den Kun­den, ließ auch an­schrei­ben und kam trotz­dem zu Geld. Dem La­den glie­der­te er ei­ne Schank­wirt­schaft an, in der stets das Al­ler­neu­es­te aus der Re­si­denz zu hö­ren war. Die Kon­zes­si­on ver­pflich­te­te ihn, „stets un­ver­fälsch­te gu­te Ge­trän­ke vor­rä­tig zu ha­ben, die Wirt­schaft auf Rein­lich­keit zu hal­ten und sol­che be­son­ders auf Trink­ge­schir­re an­zu­wen­den“. Nach ei­ni­gen Jah­ren galt er bei In­si­dern als Pri­vat­ban­kier, ge­hör­ten ihm meh­re­re Grund­stü­cke in Nadorst – Re­pu­ta­ti­on ge­nug für ei­nen Sitz im Rat der Stadt. Bei sei­nem Tod (1904) hin­ter­ließ er Sohn Adolf ein statt­li­ches Er­be.

In der auf Adolf Voss fol­gen­den drit­ten Ge­ne­ra­ti­on muss­te der Brief­kopf ge­än­dert wer­den. Das Ge­schäfts­haus Na­dors­ter Stra­ße war an Gret­chen Voss über­ge­gan­gen, und die hat­te den Kauf­mann Bru­no Plä­nitz aus Sach­sen ge­hei­ra­tet. Nächs­ter Fir­men­chef war Ru­dolf Plä­nitz, des­sen Sohn Rei­ner ak­tu­ell das Ge­schäft führt.

Auf ei­nem Foto von 1900 fir­miert das Ge­schäft „Co­lo­ni­al­waa­ren Joh. Voss“an der Haus­fas­sa­de, noch 1957 galt es als ty­pi­scher „Tan­te-Em­ma-La­den“. Dann wur­de die ers­te Ser­vice-Ab­tei­lung ein­ge­rich­tet und das Sor­ti­ment re­du­ziert. Und dann wur­de auch im­mer wie­der um­ge­baut, zu­meist in Rich­tung Steu­ben­stra­ße er­wei­tert und dem Wan­del der Zei­ten ent­spre­chend mo­der­ni­siert.  SO GEHT ES WEI­TER

Der Ju­bi­lä­ums- und Räu­mungs­ver­kauf be­ginnt of­fi­zi­ell am Frei­tag, 21. Ok­to­ber. Zur Vor­be­rei­tung ist am Tag da­vor (Don­ners­tag, 20. Ok­to­ber) ge­schlos­sen. End­gül­tig schlie­ßen wird Por­zel­lan Voss dann An­fang nächs­ten Jah­res, schätzt Rei­ner Plä­nitz die Si­tua­ti­on ein. Dann wer­den auch die zehn An­ge­stell­ten, von de­nen vie­le seit mehr als 20 Jah­ren in dem Un­ter­neh­men be­schäf­tigt sind, zum letz­ten Mal zu ih­rer Ar­beit an der Na­dors­ter Stra­ße fah­ren.

Plä­nitz will sich Zeit las­sen, um das Haus Raum für Raum aus­zu­räu­men. Das Ge­bäu­de, das auf ei­nem mehr als 1000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Grund­stück steht, soll ver­kauft wer­den.

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Fa­mi­li­en­sa­che (von links): Sa­bi­ne und Rei­ner Plä­nitz mit sei­nen Schwes­tern Sa­bi­ne Stadt­lan­der und Mei­ke Wass­muth

BILD: THO­MAS HUSMANN

Por­zel­lan Voss heu­te: Das Ge­schäft an der Na­dors­ter Stra­ße wird ge­schlos­sen.

BILD: THO­MAS HUSMANN

His­to­ri­sche Auf­nah­me: Das „Co­lo­ni­al­waa­ren“-Ge­schäft um 1900 her­um

BILD/RE­PRO: THO­MAS HUSMANN

Fir­men­grün­der: Das Ehe­paar Jo­hann und Do­ris Voss, ge­bo­re­ne Hell­mers, er­öff­ne­te das Ge­schäft.

RE­PRO: THO­MAS HUSMANN

Weit­hin sicht­bar: Jo­hann Voss warb auf den Pe­kol­bus­sen.

Brei­tes Wa­ren­an­ge­bot: Der Por­zel­lan­ver­kauf war Ne­ben­sa­che.

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