HERR MÜL­LER, DIE VER­RÜCK­TE KAT­ZE UND GOTT

Nordwest-Zeitung - - SPORT - RO­MAN VON EWALD ARENZ

64. FORT­SET­ZUNG

An al­len noch funk­tio­nie­ren­den Rech­nern sa­ßen die Leu­te wie­der, als sei über­haupt nichts ge­sche­hen, und chat­te­ten mit ih­ren le­ben­den Ver­wand­ten oder schrie­ben Mails. Fritz al­ler­dings lag im­mer noch auf dem Bo­den.

„Das be­tet ihr Men­schen al­so!“, mein­te Ab­ad­don sanft. „Ach ja. Und in Afri­ka ver­hun­gern die Kin­der . . . aber so hat eben je­der sei­ne Prio­ri­tä­ten. Wenn der Herr aus­ge­rech­net Kurt Mül­lers Ge­bet er­hört hat, er­in­nert mich das doch wie­der dar­an, war­um wir da­mals ge­gen Ihn auf­ge­stan­den sind.“

Für ei­nen Au­gen­blick leuch­te­te Ab­ad­don dun­kel auf, und ei­ne Glut­wel­le ging durch den Raum, aber dann hat­te er sich wie­der in der Ge­walt.

„Ge­hen wir al­so ei­ne Kat­ze su­chen“, sag­te er. „Das Gu­te ist: Es gibt Mil­li­ar­den we­ni­ger Kat­zen als Amö­ben.“

Je­hu­di hat­te ein ko­mi­sches Ge­fühl, das wie ein Zie­hen um sei­ne Schlä­fen war. Schlech­te Lau­ne. Das letz­te Mal, dass er schlech­te Lau­ne ge­habt hat­te, war, als er ei­nes Frei­tags vor ein paar Tau­send Jah­ren zum Di­enst ge­kom­men war und fest­stel­len muss­te, dass der Herr am Tag zu­vor die Welt un­ter Was­ser ge­setzt hat­te. Je­hu­di war fast der per­fek­te En­gel. Er moch­te Men­schen und Tie­re, und Welt­un­ter­gän­ge konn­te er ein­fach nicht lei­den. Und im Ver­gleich zu dem, was sich jetzt an­bahn­te, war die Sint­flut ei­ne hei­te­re Cock­tail­par­ty ge­we­sen. Er er­tapp­te sich bei dem Wunsch nach ei­nem Gin To­nic.

En­gel ha­ben kei­ne schlech­te Lau­ne, er­mahn­te er sich und sag­te: „Das Schlech­te ist, Men­schen be­ten im­mer so un­ge­nau. Kat­ze! Kat­ze! Wenn wir Glück ha­ben, su­chen wir ei­nen Sä­bel­zahn­ti­ger oder ei­nen Berg­luchs. Wenn wir Pech ha­ben . . . al­lei­ne in Deutsch­land gibt es zwölf­ein­halb Mil­lio­nen Haus­kat­zen. Es wä­re bes­ser, wenn die Kat­ze uns fän­de statt wir die Kat­ze“, über­leg­te er laut. „Hund!“, stöhn­te Fritz. Abu sah streng auf den noch im­mer auf dem Bo­den lie­gen­den Ko­loss hin­un­ter.

„Kat­ze!“, ver­bes­ser­te er ihn scharf. „Du bist nicht nur dumm, du bist so­gar sehr dumm!“

„Hund!“, stöhn­te Fritz wie­der, ver­such­te sich auf­zu­rich­ten und deu­te­te auf die Tür. „Gro­ßer Hund!“„Hä?“, frag­te Abu. „Oh oh!“, sag­te Ab­ad­don. Dann flog die Tür aus den An­geln, und der gro­ße Hund trat ein. Die Men­schen an den Com­pu­tern flo­gen schrei­end von ih­ren Stüh­len, ver­such­ten, in das Bü­ro zu ent­kom­men, und fie­len da­bei über­ein­an­der, stie­ßen sich in dem ent­setz­ten Be­mü­hen, vor dem Hund zu flie­hen, ge­gen­sei­tig die El­len­bo­gen in Ge­sicht und Rip­pen und schrien da­bei in im­mer hö­he­ren La­gen.

Der Hund bell­te. Nur ein­mal, aber es war ein Bel­len, das so end­gül­tig ver­nich­tend wie tau­send Schüs­se, wie ei­ne Bom­ben­ex­plo­si­on, wie das Ver­rö­cheln ei­ner gan­zen Stadt klang. Das Haus wank­te. Fritz, der zwi­schen den Bei­nen des Hun­des zu lie­gen ge­kom­men war, flüch­te­te sich in ei­ne tie­fe Be­wusst­lo­sig­keit. Abu und Mo­ham­mad hat­ten sich an­ein­an­der­ge­klam­mert, aber sie stan­den noch, vor Angst keu­chend.

Und dann öff­ne­te der Hund sein Maul ein zwei­tes Mal und knurr­te. Wenn das Bel­len ein­fach nach Tod und Ver­nich­tung klang, dann hör­te sich das Knur­ren so an, als kä­me es aus ei­nem kal­ten, stin­ken­den Brun­nen der Bös­ar­tig­keit.

„Ab­ad­don. Der Meis­ter möch­te dich spre­chen.“

Dies­mal hät­te kein noch so gro­ßer Fun­ke an Ka­me­rad­schaft Abu be­wegt, sich schüt­zend vor Ab­ad­don zu stel­len. Mit dem Hund war ei­ne Ah­nung da­von in den Raum ge­tre­ten, was das En­de der Welt wirk­lich be­deu­te­te, und be­gann, an die­sem un­be­wuss­ten Gr­und­ver­trau­en zu fres­sen; die­sem Gr­und­ver­trau­en, das in je­dem Ge­schöpf liegt und ihm noch in der größ­ten To­des­not zu­haucht, dass es nicht auf im­mer ver­lo­ren ist.

Ab­ad­don starr­te in die glü­hen­den Au­gen des Hun­des und wuss­te, dass er ver­lo­ren war. Er spür­te es in al­len Fa­sern sei­nes Dä­mo­nen­kör­pers. Seit dem Sturz gab es nichts mehr in ihm, was frei war, was ihm ge­hör­te. Er war an den Fürs­ten der Fins­ter­nis ge­ket­tet, seit er ihm da­mals ge­glaubt hat­te, er wür­de ihm den wah­ren frei­en Wil­len ge­ben. Was für ein wun­der­bar voll­kom­me­ner Scherz des Bö­sen! Er rich­te­te sich un­ter Schmer­zen auf und ging auf den Hund zu wie ein Au­to­mat.

„Ab­ad­don!“, rief Je­hu­di. „Nicht! Geh nicht! Du bist los­ge­spro­chen.“

„Es fühlt sich“, press­te Ab­ad­don in ei­nem letz­ten ge­quäl­ten Ver­such von Iro­nie zwi­schen den Zäh­nen her­aus, „aber nicht so an. Es tut mir . . .“

Je­hu­di streck­te die Hand aus, und die Peit­sche aus der In­nen­ta­sche sei­nes Ja­cketts ent­fal­te­te sich im Flug in sei­ne Hand.

„Halt!“, dröhn­te sei­ne bron­ze­ne Stim­me, und in ganz Ham­burg leg­ten die Men­schen ei­nen Au­gen­blick den Kopf schief, um zu hö­ren, von wel­chem Schiff, aus wel­chem Glo­cken­turm, aus wel­chen Bass­bo­xen die­ser Ton eben ge­kom­men war. Aber der Hund dreh­te nur den Kopf zu Je­hu­di und knurr­te vol­ler Ver­ach­tung:

„Wer bist du, Je­hu­di? Ein Se­raph? Ein Che­rub? Oder we­nigs­tens ei­ne Ge­walt? Spürst du nicht, wie fern du dei­nem Gott ge­wor­den bist? Du hast al­le Macht über mich ver­lo­ren. Be­rüh­re mich mit die­ser Peit­sche, und ich zer­rei­ße dich, Er­z­en­gel.“

Je­hu­di hielt die Peit­sche zum Hieb er­ho­ben, aber die Wor­te des Hun­des tra­fen ihn, als hät­te er sich eben selbst ge­schla­gen, denn sie wa­ren wahr. Je­des ein­zel­ne Wort. Er hat­te sich von Gott ent­fernt. Er be­trog Ihn. Er hat­te das Schick­sal der Welt selbst in die Hand neh­men wol­len. Wo war sein Ver­trau­en in sei­nen Gott? FORT­SET­ZUNG FOLGT

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