Zahl der Sui­zi­de in Ge­fäng­nis­sen ge­stie­gen

Mehr Selbst­tö­tun­gen in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren – Hu­der baut Zel­len

Nordwest-Zeitung - - VORDERSEITE - VON TO­BI­AS SCHWERDTFEGER

HANNOVER/HUDE – Die Zahl der Sui­zi­de in deut­schen Ge­fäng­nis­sen ist in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren ge­stie­gen: Wäh­rend die Bun­des­län­der 2013 noch 48 Selbst­tö­tun­gen in Jus­tiz­voll­zugs­an­stal­ten zähl­ten, wa­ren es im fol­gen­den Jahr be­reits 55 und im Jahr 2015 bun­des­weit 67 Fäl­le. Nach An­ga­ben der Bun­des­ar­beits­grup­pe Sui­zid­prä­ven­ti­on im Jus­tiz­voll­zug sol­len sich in den Jah­ren zwi­schen 2000 und 2015 ins­ge­samt 1189 Häft­lin­ge das Le­ben ge­nom­men ha­ben.

In Nie­der­sach­sen sind die Zah­len nach Aus­kunft des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums schwan­kend. So nah­men sich im Jahr 2011 sie­ben Häft­lin­ge das Le­ben, 2012 und 2013 je­weils fünf, 2014 wa­ren es zwei. 2015 ha­be es da­ge­gen wie­der sie­ben Selbst­tö­tun­gen ge­ge­ben und im lau­fen­den Jahr bis­her vier, sag­te ein Spre­cher.

Das höchs­te Sui­zid­ri­si­ko be­steht in den ers­ten 14 Ta­gen ei­ner Un­ter­su­chungs­haft.

Ge­ne­rell sei die Sui­zid­häu­fig­keit im Ver­hält­nis zur Zahl der In­haf­tier­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren al­ler­dings zu­rück­ge­gan­gen, sag­te Kat­ha­ri­na Ben­ne­feld-Kers­ten, Lei­te­rin der Bun­des­ar­beits­grup­pe.

Prof. Klaus Ra­de­ma­cher aus Hude (Land­kreis Ol­den­burg) ist Mit­glied der Bun­des­ar­beits­grup­pe. Ra­de­ma­cher ist maß­geb­lich an der Neu­ent­wick­lung von Zel­len be­tei­ligt, die Sui­zi­de er­schwe­ren.

In Leipzig er­hängt sich ein mut­maß­li­cher Ter­ro­rist in ei­ner Ge­fäng­nis­zel­le. In der von Klaus Ra­de­ma­cher kon­zi­pier­ten wä­re das nur schwer mög­lich ge­we­sen.

HUDE – Wer in ei­nem Haus wohnt, das Klaus Ra­de­ma­cher ge­plant hat, hat ein erns­tes Pro­blem. Denn der Pro­fes­sor aus Hude im Land­kreis Ol­den­burg baut Ge­fäng­nis­se.

Ra­de­ma­cher ist ein ge­frag­ter Mann. Kürz­lich erst hat er das ge­sam­te Ge­fäng­nis­we­sen in Mon­te­ne­gro neu or­ga­ni­siert. Auch das Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis in Ol­den­burg trägt sei­ne Hand­schrift.

Ra­de­ma­cher hat ei­ne Mis­si­on: Sei­ne Zel­len sol­len nicht nur so ge­baut sein, dass niemand raus­kommt. In ih­nen soll sich auch mög­lichst kein Häft­ling das Le­ben neh­men kön­nen. „So woll­te ich ei­gent­lich nicht ster­ben“, heißt der Kon­gress von Ge­fäng­nis­ex­per­ten, den Ra­de­ma­cher jetzt in Dres­den or­ga­ni­siert hat.

Das The­ma „Sui­zi­de und Sui­zi­da­li­tät von Flücht­lin­gen und Ge­fan­ge­nen“ist an­ge­sichts der Er­eig­nis­se von Leipzig ak­tu­el­ler denn je. Der mut­maß­li­che IS-Ter­ro­rist Dscha­ber al-Ba­kr er­häng­te sich An­fang der Wo­che in sei­ner Zel­le. Die Tat lös­te bun­des­weit Ent­set­zen aus.

Vie­le Hin­ter­grün­de wer­den nun im Dun­keln blei­ben. Doch auch ei­ne an­de­re Fra­ge be­wegt die Men­schen. Hät­te man das ver­hin­dern kön­nen, den Ge­fan­ge­nen rund um die Uhr be­wa­chen?

Nicht al­le Län­der er­lau­ben die Vi­deo­über­wa­chung. Dann hät­te ein Be­am­ter Wa­che schie­ben müs­sen. „Das ist der schlimms­te Fall. Stel­len Sie sich vor, sie schau­en durch die Git­ter­stä­be. Da sitzt je­mand, der sich um­brin­gen will. Und Sie ha­ben da­für die Ver­ant­wor­tung. Das hält man als Jus­tiz­be­am­ter men­tal kaum aus“, sagt Ra­de­ma­cher. Über mög­li­che Ver­säum­nis­se im Fall alBa­kr will er lie­ber nichts sa­gen. Klar ist je­doch: In ei­ner sei­ner Zel­len wä­re es für den Häft­ling ver­mut­lich schwie­ri­ger ge­we­sen, sich das Le­ben zu neh­men.

Wenn ein Straf­tä­ter ins Ge­fäng­nis ein­ge­lie­fert wird, hat er ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­ne Ein­zel­zel­le. Und dann sitzt er da. Al­lei­ne. Vor wei­ßen Wän­den, oh­ne Fern­se­her. Im Na­cken die Git­ter­stä­be. „Wenn Sie sui­zi­dal sind, se­hen Sie auf die­sen Wän­den plötz­lich al­les mög­li­che“, sagt Ra­de­ma­cher. Die Spi­ra­le dreht sich. Sie en­det erst, wenn das Le­ben en­det.

Um ih­rem Le­ben im Ge­fäng­nis ein En­de zu set­zen, stran­gu­lie­ren sich Ge­fan­ge­ne, mit ih­rer Klei­dung. Oder mit Fuß­leis­ten, die sie zu ei­nem Strick dre­hen. Sie neh­men ei­ne Über­do­sis Ta­blet­ten „Oder sie es­sen Glas­scher­ben“, sagt Ra­de­ma­cher. Es gibt bei­na­he tau­send We­ge, das Ge­fäng­nis im Sarg zu ver­las­sen, wenn man es drauf an­legt. In der sui­zid­prä­ven­ti­ven Zel­le die Ra­de­ma­cher ent­wor­fen hat, wird das schon deut­lich schwie­ri­ger. Statt der kah­len wei­ßen Wän­de prangt an der Wand ein Kunst­werk. Die See­ro­sen, von Mo­net. „Da­mit das Au­gen An­halts­punk­te be­kommt“, er­klärt der Pro­fes­sor. Ei­nen Fern­se­her gibt es auch. Hin­ter bruch­si­che­rem Glas. Und wer sich an ei­ner Gar­di­nen­stan­ge in der Zel­le er­hän­gen will, der kracht höchs­tens un­an­ge­nehm aufs Steiß­bein. „Ab ei­ner ge­wis­sen Ki­lo­zahl rei­ßen die Ver­an­ke­run­gen“, sagt Ra­de­ma­cher.

Doch al­le bau­li­chen Knif­fe sei­en nur Hilfs­mit­tel. Per­sön­li­cher Kon­takt sei durch nichts zu er­set­zen. Des­we­gen setzt Ra­de­ma­cher auf das Lis­tenerP­rin­zip (Zu­hö­rer-Prin­zip). Ge­fan­ge­ne, die sui­zi­dal sind, wer­den mit ei­nem spe­zi­ell ge­schul­ten Mit­häft­ling zu­sam­men­ge­schlos­sen. Das Re­den über die Pro­ble­me soll den Druck neh­men. Fest steht: Es gibt Hand­lungs­be­darf. Ei­ne Zel­le, so wie sie Ra­de­ma­cher ent­wor­fen hat, ist in den Ge­fäng­nis­sen kei­ne Pflicht.

Viel­leicht wird sich das bald än­dern. Zu Ra­de­ma­chers Kon­gress ha­ben sich schon 130 Ex­per­ten und Ent­schei­der an­ge­mel­det. Und jetzt, in den Ta­gen nach Leipzig, wer­den es im­mer mehr.

BILD: AR­CHIV

Klaus Ra­de­ma­cher hat den Bau des Ol­den­bur­ger Ge­fäng­nis­ses be­glei­tet – und ei­ne neue Zel­le ent­wor­fen.

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