Fre­che Klän­ge und kur­ze Kon­zer­te

Chuck Ber­ry fei­ert 90. Ge­burts­tag – Ame­ri­ka­ni­scher Pio­nier des Rock’n’Roll

Nordwest-Zeitung - - KULTUR - VON KLAUS FRICKE

Mu­si­ka­lisch stell­te er so­gar El­vis in den Schat­ten. Heinz-Gün­ther Har­tig (64) aus Ol­den­burg ist Chuck-Ber­ry-Ex­per­te und hat den Meis­ter mehr­fach er­lebt – was ziem­lich stres­sig war.

OL­DEN­BURG/ST. LOU­IS – Man hat ihn als Ab­sah­ner be­zeich­net und als Stink­stie­fel, er saß im Ge­fäng­nis, und er war nicht im­mer nett zu Kol­le­gen und Fans. Trotz­dem gilt Chuck Ber­ry als Iko­ne in der Mu­sik­welt.

Oh­ne den ame­ri­ka­ni­schen Gi­tar­ris­ten hät­te die Beat- und Rock­mu­sik wohl ei­ne an­de­re Ent­wick­lung ge­nom­men. Chuck Ber­ry zählt zu den we­ni­gen Su­per­stars des frü­hen Rock’n’Roll, die über­lebt ha­ben: Am 18. Ok­to­ber fei­ert der Mann aus St. Lou­is im USBun­des­staat Mis­sou­ri sei­nen 90. Ge­burts­tag.

Er stellt sich quer

Ber­ry wir­bel­te wie El­vis Pres­ley, Bud­dy Hol­ly oder Litt­le Richard die Hör­ge­wohn­hei­ten der 1950er Jah­re kräf­tig durch­ein­an­der – zu­gleich be­schritt der ge­lern­te Kos­me­ti­ker ei­ge­ne We­ge: Er war der ers­te, der die Gi­tar­re als füh­ren­des In­stru­ment im Rock’n’Roll ein­führ­te, er tex­te­te Mi­ni­dra­men mit Ju­gend­the­men, und er kö­der­te die Hö­rer mit fre­chen und lau­ten Klän­gen. Dass er da­zu auf der Büh­ne mit En­ten­gang, Spa­gat und an­de­ren Tur­nein­la­gen für Fu­ro­re sorg­te, fes­tig­te sei­nen Ruf als mu­si­zie­ren­der Re­bell beim Pu­bli­kum. Da­bei ging es Chuck Ber­ry ei­gent­lich nur ums … Geld. In sei­nen An­fangs­jah­ren – die ers­te Sing­le „May­bel­le­ne“er­schien im Mai 1955 – war er von Kon­zert­ver­an­stal­tern oft um sei­ne Ga­ge be­tro­gen wor­den. Die­se Schmach saß so tief, dass er fort­an sich den Lohn für die Show vor­ab aus­zah­len ließ. Stell­te man sich quer, trat er gar nicht auf.

Der Ol­den­bur­ger Hein­zGün­ther Har­tig (64), als Her­aus­ge­ber des bun­des­wei­ten „Rock’n’Roll-Ma­ga­zin“ein füh­ren­der Ex­per­te die­ses Mu­sik­gen­res, hat Chuck Ber­ry mehr­fach er­lebt und muss­te un­ter den Ma­rot­ten den Ro­ckers bis­wei­len lei­den. „Am 9. Sep­tem­ber 1973, ei­nem Sonn­tag, soll­te Chuck mit Jer­ry Lee Le­wis zum Ab­schluss des Frei­luft-Fes­ti­vals in Schee­ßel auf­tre­ten“, er­zählt Har­tig. „Er for­der­te die Ga­ge wie ge­wohnt vor­ab, aber in Dol­lar­no­ten, die na­tür­lich nicht vor­han­den wa­ren. Ir­gend­wie krieg­te man das Geld doch zu­sam­men, und die bei­den leg­ten los, kurz nach 0 Uhr am Mon­tag. Zwei Songs spiel­ten die bei­den, dann war Schluss.“Im­mer­hin: Mit „Who­le lot­ta shakin‘ go­in‘ on“(Le­wis) und „John­ny B. Goo­de“(Ber­ry) hat­te der jun­ge Har­tig zwei der wich­tigs­ten Lie­der der Groß­meis­ter ge­hört, die die Ent­wick­lung des gi­tar­ren­las­ti­gen Pop in den 60ern be­ein­flusst hat­ten. Beat­les oder Rol­ling Sto­nes schöpf­ten tief aus dem Lied­schatz ih­res Vor­bilds Chuck „Cra­zy Leg“Ber­ry. Die Po­pu­la­ri­tät der Grup­pen mach­te das „ver­rück­te Bein“mit der Gib­sonGi­tar­re be­rühmt bei Fans. Der er­neut gu­te Ver­kauf sei­ner Plat­ten – meist im­mer neue Zu­sam­men­stel­lun­gen sei­ner Gas­sen­hau­er wie „Roll over Beet­ho­ven“, „Mem­phis Ten­nes­see“oder „My Ding-ALing“– mach­te aber das Dau­er­pro­blem Chuck Ber­rys deut­lich: Er hat­te (au­ßer in der An­fangs­zeit) nie ei­ne fes­te Band, ließ sich viel­mehr am Kon­zer­t­ort von ei­ner zu­sam­men­ge­wür­fel­ten Vier-Man­nKa­pel­le be­glei­ten – um Ga­ge zu spa­ren.

In Re­stau­rants

Die Fol­ge wa­ren teils mu­si­ka­li­sche Ka­ta­stro­phen, die Fans ver­graul­ten. „Manch­mal war er gut drauf, manch­mal nicht“, weiß Har­tig, der sei­nen be­son­de­ren Ber­ry-Mo­ment 1989 in der Stadt­hal­le Wil­helms­ha­ven er­leb­te: Er durf­te nach dem Kon­zert in die Gar­de­ro­be des Ame­ri­ka­ners. Ein kur­zer, ober­fläch­li­cher Wort­wech­sel mit dem halb­nack­ten Künst­ler, das war al­les. „Er war aber ganz freund­lich“, lacht Har­tig.

Chuck Ber­ry blieb sei­ner Li­nie treu: kur­ze, prä­gnan­te Songs und kur­ze Kon­zer­te. Den­noch ge­lang dem Coun­try-Lieb­ha­ber ei­ne Rock-Welt­kar­rie­re. Und selbst im Jahr sei­nes 90. Ge­burts­tags tritt er manch­mal auf – in ei­nem Re­stau­rant in St. Lou­is. „Sweet Litt­le Six­teen“mag alt ge­wor­den sein, aber sie rockt noch.

BIL­DER: KLAUS FRICKE/DPA

Spe­zia­list und Samm­ler: der Ol­den­bur­ger Heinz-Gün­ther Har­tig (64) mit Chuck-Ber­ry--Plat­ten

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