Auf­klä­rung nur mit Samt­hand­schu­hen

War­um der DFB den Skan­dal um die Heim-WM 2006 am liebs­ten für be­en­det er­klä­ren wür­de

Nordwest-Zeitung - - SPORT - VON SE­BAS­TI­AN STIEKEL

Vor ei­nem Jahr er­schüt­ter­te der WM-Skan­dal den Fuß­ball. Die Er­mitt­lun­gen lau­fen wei­ter – und der DFB spielt ei­ne zwei­fel­haf­te Rol­le.

FRANK­FURT – Die DFB-Zen­tra­le in Frank­furt, ein Frei­tag im Ok­to­ber. Vor ei­nem Jahr bit­tet der da­ma­li­ge Chef Wolf­gang Niers­bach sei­ne Prä­si­di­ums­kol­le­gen zu ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz, er­öff­net ih­nen sinn­ge­mäß: Ich muss euch et­was sa­gen. Seit die­ser Kon­fe­renz am 16. Ok­to­ber 2015 weiß die ge­sam­te Spit­ze des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des, dass die WM 2006 von du­bio­sen Geld­flüs­sen be­glei­tet wur­de. War das Som­mer­mär­chen ge­kauft?

Am Frei­tag, ein Jahr spä­ter, traf sich das Prä­si­di­um des größ­ten Sport­fach­ver­ban­des der Welt wie­der zu ei­ner Sit­zung. Der DFB hät­te gern die Bot­schaft ver­kün­det: „Al­les ist auf­ge­klärt, al­les liegt hin­ter uns.“Aber Niers­bach-Nach­fol­ger Reinhard Gr­in­del konn­te wei­te­re Ent­hül­lun­gen nicht aus­schlie­ßen. Der Scha­den des Skan­dals sei we­gen der lau­fen­den Er­mitt­lun­gen „noch nicht ab­schlie­ßend zu be­zif­fern“, sag­te der neue DFB-Prä­si­dent. „Wir ha­ben selbst ver­sucht, uns ein Bild zu ma­chen. Da­bei ha­ben wir das Pro­blem, dass zahl­rei­che Ak­ten noch bei der Staats­an­walt­schaft sind.“

Der DFB und die WM-Af­fä­re – das ist kei­ne Ge­schich­te der ri­go­ro­sen Auf­klä­rung. Es ist auch ei­ne Ge­schich­te der Ver­tu­schungs­ver­su­che, der stän­dig neu­en Ent­hül­lun­gen. Es ist bes­ten­falls ei­ne Auf­klä­rung mit Samt­hand­schu­hen.

Schwei­zer er­mit­teln

Die Mit­glie­der des frü­he­ren Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees ste­cken am tiefs­ten in die­sem Sumpf. Franz Be­cken­bau­er, Horst Schmidt, Theo Zwan­zi­ger und Niers­bach – ge­gen sie al­le er­mit­telt die Schwei­zer Bun­des­an­walt­schaft un­ter an­de­rem we­gen des Ver­dachts der Un­treue und Geld­wä­sche.

Doch ei­ne Tren­nung zwi­schen dem WM-OK hier und dem Ver­band da lässt sich so ein­fach nicht zie­hen. Es war Niers­bach, der noch in sei­ner Funk­ti­on als DFB-Prä­si­dent ver­such­te, den Skan­dal un­ter der De­cke zu hal­ten. Dass er von die­sem Amt zu­rück­tre­ten muss­te, dass ihn spä­ter auch die Ethik­kom­mis­si­on der Fi­fa sperr­te und dass der deut­sche Fuß­ball da­durch der­zeit nicht in den Füh­rungs­gre­mi­en des Welt­ver­ban­des und der Eu­ro­päi­schen Fuß­ball-Uni­on Ue­fa ver­tre­ten ist: Das sind die ein­schnei­dends­ten Kon­se­quen­zen aus der WM-Af­fä­re.

Die vom DFB ein­ge­schal­te­ein­mal te Wirt­schafts­kanz­lei Fresh­fiel­ds Bruck­haus De­rin­ger stell­te in ih­rem März-Be­richt fest: Ein Stim­men­kauf vor der WM-Ver­ga­be sei nicht nach­zu­wei­sen – aber nicht aus­zu­schlie­ßen. Wie auch: Der DFB be­auf­trag­te je­man­den mit der Auf­klä­rung, der Fra­gen stel­len, aber nie­man­den zu Ant­wor­ten zwin­gen konn­te. So gibt es im Um­gang des DFB mit der WM-Af­fä­re ei­nen ro­ten Fa­den: Auf­klä­rung ja, aber nie um je­den Preis.

Heu­te ist klar: Die Af­fä­re auf­klä­ren und zu­gleich Franz Be­cken­bau­ers Denk­mal wei­ter­pfle­gen – das geht nicht. Re­gel­mä­ßig kom­men neue De­tails ans Licht, über die der Kai­ser als Schlüs­sel­fi­gur nie spre­chen woll­te. So et­wa sein Kon­to in der Schweiz, 2002 so et­was wie der Aus­gangs­punkt der du­bio­sen Geld­flüs­se. Oder der erst im Sep­tem­ber be­kannt ge­wor­de­ne Mil­lio­nen­Ver­trag mit Odd­set, der die Le­gen­de zer­stör­te, Be­cken­bau­er ha­be die WM „eh­ren­amt­lich“ins Land ge­holt.

Kein Ima­ge­scha­den?

„Ich ge­he nach wie vor da­von aus, dass uns Franz Be­cken­bau­er al­les ge­sagt hat, was er weiß“, sag­te Gr­in­del. Er glaubt, dass die Af­fä­re dem Image des DFB als Be­wer­ber um die EM-Aus­rich­tung 2024 nicht ge­scha­det ha­be. „Die Füh­rung der Ue­fa und vie­le mei­ner Kol­le­gen in den an­de­ren na­tio­na­len Ver­bän­den er­ken­nen un­se­re Be­mü­hun­gen sehr wohl an.“Der 55-Jäh­ri­ge und der ge­sam­te DFB wür­den den WM-Skan­dal am liebs­ten für be­en­det er­klä­ren.

Sie kön­nen das nur nicht.

DPA-BILD: DEDERT

Gibt sich zu­rück­hal­tend: Reinhard Gr­in­del

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