Ge­jag­ten Jä­gern ganz nah

Tom Vie­rus en­ga­giert sich für Schutz der Haie – Sie­ben Mo­na­te im Pa­zi­fik

Nordwest-Zeitung - - JOURNAL - VON KAT­JA LÜERS

Der Bre­mer Stu­dent hat auf den Fi­dschi-In­seln die Kin­der­stu­be der Haie er­forscht. Für sei­ne Bil­der ist er mit dem Deut­schen Preis für Wis­sen­schafts­fo­to­gra­fie aus­ge­zeich­net wor­den.

BRE­MEN – Man könn­te fast an­neh­men, der Mensch hat ih­nen den Krieg er­klärt: Je­den Tag ster­ben Schät­zun­gen zu­fol­ge bis zu 550 000 Haie. Sie wer­den ver­ar­bei­tet zu Hai­fisch­flos­sen­sup­pe, Pul­ver ge­gen Im­po­tenz oder lan­den als Bei­fang in Fi­scher­net­zen.

Be­son­ders qual­voll: das Fin­ning. Da­bei wird den oft noch le­ben­den Hai­en die Flos­se ab­ge­schnit­ten, den Rumpf wer­fen die Fi­scher als über­flüs­si­gen Bal­last über Bord ins Was­ser, wo die Tie­re qual­voll ver­blu­ten und er­sti­cken.

Hil­fe vom Dorf­vor­ste­her

Ei­ner, der sich für den Schutz der Haie ein­setzt, ist Tom Vie­rus, frisch­ge­ba­cke­ner Mas­ter of Sci­ence, Na­tur­lieb­ha­ber, Hob­by­fo­to­graf und Wel­ten­bumm­ler. „Haie fas­zi­nie­ren mich. Sie sind per­fekt an­ge­pass­te Räu­ber, strot­zen vor Mus­kel­kraft und sind den­noch sehr ele­gan­te Tie­re“, er­klärt der Bio­lo­ge. Für sei­ne Mas­ter­ar­beit am Bre­mer Leib­niz-Zen­trum für ma­ri­ne Tro­penöko­lo­gie (ZMT) hat der 27-Jäh­ri­ge von Sep­tem­ber 2015 bis April die­ses Jah­res dort ge­ar­bei­tet, wo an­de­re ih­ren Traum­ur­laub ver­brin­gen: auf Vi­ti Le­vu, der Haupt­in­sel Fi­d­schis im Süd­pa­zi­fik.

Als Vie­rus sei­nen Trip an­tritt, weiß er noch gar nicht, ob er am En­de aus­rei­chend Da­ten für sei­ne Mas­ter­ar­beit sam­meln wird. Sein For­schungs­the­ma steht zwar grob fest – es geht um Flüs­se als Kin­der­stu­ben für Haie, denn die meis­ten Hai­weib­chen brin­gen ih­re Jun­gen im ge­schütz­ten Flach­was­ser zur Welt, für grö­ße­re Haie ei­ne nur schwer zu­gäng­li­che Re­gi­on und so­mit ein si­che­rer Ha­fen für den Hai­nach­wuchs – aber wo er genau auf der In­sel sei­ne Feld­ar­beit er­le­di­gen wird, muss er vor Ort klä­ren.

„An­fangs war es ein gro­ßes Durch­ein­an­der“, be­stä­tigt er. Doch Vie­rus, der als Aus­tausch­schü­ler schon zwei Jah­re in Süd­afri­ka und als Stu­dent ein Jahr in Ägyp­ten ge­lebt hat, der Län­der wie Pe­ru, Mo­sam­bik, Ma­da­gas­kar und Aus­tra­li­en be­reist hat, lässt sich vom Cha­os nicht ent­mu­ti­gen.

Un­zäh­li­ge Ge­sprä­che sind not­wen­dig, die ih­ren Hö­he­punkt in ei­ner Art Ze­re­mo­nie bei ei­nem Dorf­vor­ste­her fin­den. Ihm trägt Vie­rus noch ein­mal vor, was er vor­hat, war­um es wich­tig ist und was er braucht: ein Boot und Fi­scher, die er aber auch für ih­re Ar­beit be­zahlt. Am En­de be­kommt Tom Vie­rus nicht nur grü­nes Licht, son­dern auch noch ei­ne Ein­la­dung, im Hau­se des Dorf­vor­ste­hers zu le­ben – ein wun­der­ba­res An­ge­bot: „Ich war Teil der Fa­mi­lie, ei­ne sehr in­ten­si­ve Zeit.“Im 400-Ein­woh­ner-Dorf ist er ein gern­ge­se­he­ner Gast.

Zwei Mo­na­te nach sei­ner An­kunft fällt der Start­schuss für die Feld­ar­beit: Mit Kie­men­net­zen, selbst­ge­bas­tel­ter Lang­lei­ne und dem rest­li­chen Equip­ment, sei­ner Fo­to­aus­rüs­tung so­wie drei Fi­schern, die das Ge­biet bes­ser ken­nen als sein GPS, fährt Vie­rus Nacht für Nacht mit dem Boot in das man­gro­ven­um­säum­te Del­ta des Ba-Flus­ses, um jun­ge Haie zu fan­gen: „Wäh­rend mir der Fahrt­wind durchs Ge­sicht blies und der Him­mel ei­ne gan­ze Pa­let­te an Far­ben auf­brach­te, dach­te ich nicht nur ein­mal, wie toll mein Pro­jekt auf den Fi­dschi-In­seln ist, und dass ich mei­ne Ar­beit mit kei­ner an­de­ren tau­schen woll­te“, er­zählt er.

Aber es gibt auch an­de­re Mo­men­te, in de­nen er am liebs­ten auf­ge­ge­ben hät­te: Bei­spiels­wei­se als der Zy­klon „Wins­ton“im Fe­bru­ar die­ses Jah­res über die Fi­dschi-In­seln hin­weg­fegt. Vie­le Häu­ser in sei­nem Dorf sind zer­stört, er hilft, wo er kann. Wo­chen­lang ver­sperrt ihm Treib­holz den Zu­gang zum Un­ter­su­chungs­ge­biet.

Mes­sen und wie­gen

Doch Vie­rus harrt aus und sei­ne Mü­hen wer­den be­lohnt: Er fängt über 110 jun­ge Haie, dar­un­ter zwei vom Auss­ter­ben be­droh­te Ham­mer­hai-Ar­ten so­wie die ge­fähr­de­ten Schwarz­spit­zen­haie. Er be­stimmt das Ge­schlecht, misst ih­re Län­ge und do­ku­men­tiert den Zu­stand der Na­bel­schnur­nar­be.

Am En­de ent­nimmt er je­dem Hai aus den Sei­ten­flos­sen ei­ne win­zi­ge Ge­we­be­pro­be, um das Erb­gut zu be­stim­men. Nur so lässt sich die Art wis­sen­schaft­lich genau be­nen­nen. Be­vor der Bio­lo­ge die Tie­re wie­der ins Was­ser lässt, ver­sieht er sie noch mit ei­nem Sen­der, um je­des wie­der­ge­fan­ge­ne Tier zwei­fels­frei iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen.

Wäh­rend die­ser Zeit sam­melt er nicht nur je­de Men­ge Da­ten, son­dern er fo­to­gra­fiert auch un­er­müd­lich. Für das Er­geb­nis, ei­ne bril­lan­te Bil­der­se­rie, hat Vie­rus kürz­lich den Deut­schen Preis für Wis­sen­schafts­fo­to­gra­fie in der Ka­te­go­rie „Re­por­ta­ge“ge­won­nen. Der Preis wird jähr­lich von der Zeit­schrift „Bild der Wis­sen­schaft“aus­ge­schrie­ben.

In­zwi­schen muss­te der Wel­ten­bumm­ler das tro­pi­sche Süd­see­flair ge­gen nord­deut­sches Herbst­wet­ter tau­schen. Doch die nächs­te Fi­dschi-Rei­se nimmt schon For­men an: Schließ­lich will der jun­ge Wis­sen­schaft­ler noch pro­mo­vie­ren.

Vie­rus hofft, dass sei­ne Er­geb­nis­se da­zu bei­tra­gen, das Küs­ten­ge­biet un­ter Schutz zu stel­len – die Zeit wird knapp, ei­ne aus­tra­li­sche Fir­ma plant be­reits, im Ba-Fluss das für die Halb­lei­ter­elek­tro­nik in­ter­es­san­te Mi­ne­ral Ma­gne­tit ab­zu­bau­en.

Sei­ne Frei­zeit auf Fi­dschi nutz­te Tom Vie­rus üb­ri­gens, um – wie soll­te es an­ders sein – mit den im­po­san­ten Bul­len­hai­en zu tau­chen. Aber das ist ei­ne an­de­re Ge­schich­te.

BIL­DER: TOM VIE­RUS

For­schung im Ur­laubs­pa­ra­dies: Tom Vie­rus im Ein­satz für den Schutz der Haie

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