HERR MÜL­LER, DIE VER­RÜCK­TE KATZE UND GOTT

Nordwest-Zeitung - - KULTUR - 65. FORT­SET­ZUNG RO­MAN VON EWALD ARENZ FORT­SET­ZUNG FOLGT

Ab­ad­don lä­chel­te in gro­ßem Schmerz.

„Bru­der!“, flüs­ter­te er vol­ler Mit­leid, und der Hund zog die Lef­zen zu ei­nem grau­en­vol­len Grin­sen zu­rück, als Ab­ad­don sich bück­te und die Lei­ne auf­nahm, um sie sich wie ei­ne Fes­sel um die rech­te Hand zu schlin­gen.

In die­sem Au­gen­blick hör­te man ein kur­zes Pfei­fen und Flat­tern, und dann klatsch­te dem Hund ein Kai­ser­pin­gu­in auf den Kopf. Zwan­zig an­de­re quol­len plötz­lich durch die Tür, ge­folgt von ei­ner jun­gen Frau mit ei­nem gro­ßen Ke­scher, die an­schei­nend ver­such­te, die Pin­gui­ne zu fan­gen, die dem Hund laut schnat­ternd zwi­schen den Bei­nen her­um­wu­sel­ten. Ei­nen Mo­ment lang wa­ren al­le ver­blüfft. Nur Je­hu­di schwang in en­gel­haf­ter Geis­tes­ge­gen­wart sei­ne Peit­sche um Ab­ad­don, riss ihn zu­rück, um­fing mit je ei­nem Arm Abu und Mo­ham­mad und schoss über den wü­ten­den Hund hin­weg durch die Tür in die Hö­he, oh­ne ab­zu­war­ten, ob Ab­ad­don ihm folg­te.

„Dan­ke!“, wis­per­te er im Flug, und es war ihm egal, ob Gott ihn ge­ra­de hör­te. „Dan­ke!“

Nürnberg He­le­na trieb sanft an der Ober­flä­che des Träu­mens. Das lei­se, ste­te Rau­schen des nächt­li­chen Ver­kehrs un­ter­mal­te die Bil­der in ih­rem Kopf mit un­auf­dring­li­cher Rea­li­tät. Ei­ne sanf­te Bri­se be­weg­te ih­re Vor­hän­ge, und sie dreh­te sich in der woh­li­gen Wär­me ih­res Bet­tes zur Sei­te. Als sie schläf­rig nach ih­rem Han­dy tas­te­te, um nach der Zeit zu se­hen, nahm sie ei­ne graue Gestalt wahr, die hoch auf­ge­rich­tet in der Mit­te ih­res Zim­mers stand, und schrie un­will­kür­lich auf.

„Fürch­te dich nicht“, sag­te Uri­el kühl. „Es ist so weit.“

He­le­na at­me­te im­mer noch viel zu schnell. Sie war so ab­rupt hoch­ge­fah­ren, dass sie sich das Knie am Bett­rah­men an­ge­sto­ßen hat­te. Jetzt kau­er­te sie mit an­ge­zo­ge­nen Bei­nen mit dem Rü­cken zur Wand auf ih­rem Kopf­kis­sen und rieb sich die schmer­zen­de Stel­le.

„Was?“, frag­te meinst du?“

„War­um macht ihr das?“, frag­te Uri­el mit läs­si­gem In­ter­es­se. „Was?“, frag­te He­le­na. „Die­ses ›Was? Was? Was?‹“, ant­wor­te­te Uri­el. „Ihr ver­steht doch beim ers­ten Mal schon.“

„Wahr­schein­lich wol­len wir von man­chen Din­gen nicht ger­ne glau­ben, dass sie wirk­lich wahr sind“, gab He­le­na bit­ter zu­rück, wäh­rend sie sich aus dem Bett schwang. Dann schoss plötz­lich Hoff­nung in ihr hoch. „Habt ihr Pa­pa ge­fun­den?“Uri­el ver­nein­te mit ei­ner lei­sen Kopf­be­we­gung. Sie wirk­te selt­sam un­be­rührt, aber das war sie ja wohl auch, dach­te He­le­na. Was be­rühr­te ei­nen En­gel? Sie seufz­te fast ge­gen ih­ren Wil­len.

„Komm!“, sag­te Uri­el. Kein sie. „Was Be­fehl. Kei­ne For­de­rung. Ei­ne Tat­sa­che. He­le­na stand auf.

„Ich muss mich noch an­zie­hen.“

„Wo­zu?“, frag­te der En­gel, der sel­ber in den ele­gan­tes­ten grau­en Da­men­an­zug ge­klei­det war, den man sich vor­stel­len konn­te. He­le­na be­rühr­te den Stoff der Ho­se mit den Fin­ger­spit­zen. Er war un­ver­gleich­lich glatt und küh­ler als je­de Sei­de, die sie kann­te.

He­le­na, die in Un­ter­wä­sche und T-Shirt da­stand, sah an sich hin­un­ter und dann wie­der zu Uri­el.

„Viel­leicht ist es mir drau­ßen zu kalt!“, sag­te sie spitz. „Wenn wir wie­der flie­gen.“

Uri­el be­trach­te­te sie. Im nächt­li­chen Däm­mer ih­res Zim­mers konn­te He­le­na Uri­els Au­gen nicht er­ken­nen. Nicht, dass es ei­nen Un­ter­schied ge­macht hät­te, dach­te sie rasch. Als ob sie je in den Au­gen ei­nes Er­z­en­gels hät­te le­sen kön­nen!

„Du wirst nicht frie­ren“, sag­te Uri­el so ru­hig wie im­mer. „Komm.“He­le­na zö­ger­te. „Aber Ma­ma . . . soll ich ihr nicht . . . ich muss ihr ei­nen Zet­tel schrei­ben oder so.“

„Lass mich über­le­gen“, sag­te Uri­el, und He­le­na be­gann im sel­ben Au­gen­blick zu ah­nen, dass Uri­el in Wirk­lich­keit nie­mals Zeit zum Über­le­gen brauch­te, son­dern dass es nur sehr we­nig gab, was die­ser En­gel nicht seit Lan­gem vor­be­dacht hat­te. Viel­leicht war das der Grund für die­se über­wäl­ti­gen­de Ge­las­sen­heit.

„Was genau wür­dest du auf die­sen Zet­tel schrei­ben?“, frag­te sie He­le­na. „Ich bin mit Er­z­en­gel Uri­el los­ge­flo­gen, um die Schöp­fung zu ret­ten?“

Sie mach­te ei­ne Pau­se und sah He­le­na ein­dring­lich an. Die­sen Blick konn­te sie trotz der Dun­kel­heit spü­ren.

„Du soll­test be­gin­nen, dich von mensch­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen frei zu ma­chen“, sag­te Uri­el mit ei­nem so fei­nen Ton von Sor­ge, dass man ihn auch für Ar­ro­ganz hät­te hal­ten kön­nen. Sie be­rühr­te He­le­na an der Schul­ter. „Komm!“Und dann stürz­ten sie aus dem Fens­ter in die küh­le Früh­lings­luft, stürz­ten sin­nen­be­rau­bend schnell dem Geh­steig zu, in ei­nem küh­nen Bo­gen an ei­ner La­ter­ne vor­bei nach oben, hö­her und hö­her und im­mer schnel­ler.

Wie der klei­ne Häwel­mann, dach­te He­le­na ei­ne atem­lo­se Se­kun­de lang ver­wun­dert, als sie sich be­wusst wur­de, wie sie da in Un­ter­ho­se und T-Shirt durch den Nacht­him­mel schoss; wie in ei­nem Mär­chen, das sich so be­stür­zend re­al an­fühl­te wie Schu­le oder mor­gend­li­cher Ka­kao oder ei­ne heim­li­che Zi­ga­ret­te.

„Wo­hin?“, schrie sie Uri­el ei­ne Fra­ge durch den Sturm zu. Uri­el hat­te nicht zu viel ver­spro­chen. Sie fühl­te die kla­re Luft auf ih­re Haut pras­seln, aber sie fror nicht.

„Ham­burg!“, rief Uri­el zu­rück. Sie leuch­te­te wie ei­ne graue Stern­schnup­pe. „In den Him­mel.“

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