REI­SE

Wei­tes Land und pral­le Trau­ben: Auf Tour zu gast­li­chen Wein­gü­tern im Alen­te­jo im Her­zen Por­tu­gals

Nordwest-Zeitung - - JOURNAL - DPA-BILD: JUHRAN

Sie ist das Ziel von gan­zen Bus­ge­sell­schaf­ten und Klas­sen­fahr­ten: die „Schwar­ze Son­ne“. Die Ol­den­bur­ge­rin Mar­ti­na Pös­ne­cker lei­tet Füh­run­gen zum ein­ma­li­gen Na­tur­phä­no­men.

RI­BE – Der ers­te Abend war ei­ne ech­te Ent­täu­schung. Ge­mein­sam mit gut 40 an­de­ren Na­tur­freun­den stan­den wir am Ran­de der Stadt Ri­be, schau­ten auf die Aue des gleich­na­mi­gen Flus­ses und war­te­ten. Und war­te­ten. Und war­te­ten. Ei­ni­ge hat­ten Klapp­stüh­le mit­ge­bracht. Und Pro­vi­ant. In der Fer­ne leuch­te­te ein Kirch­turm in der Abend­son­ne. Nur ei­nes fehl­te: die Vö­gel.

Hun­dert­tau­sen­de Sta­re

Ir­gend­wann er­barm­te sich ein Schwarm, dreh­te ei­ne klei­ne Run­de und ließ sich dann im wo­gen­den Schilf nie­der. Nein, das konn­te sie un­mög­lich ge­we­sen sein, die „Schwar­ze Son­ne“, von der sie in Dä­ne­mark so schwär­men, die­ses Him­mels­bal­lett von Hun­dert­tau­sen­den von Sta­ren. Manch­mal sind die Schwär­me so groß, dass sie die Abend­son­ne ver­dun­keln – da­her der Na­me.

Am nächs­ten Abend ver­trau­en wir uns ei­nem Pro­fi an: Mar­ti­na Pös­ne­cker. Die ge­bür­ti­ge Ol­den­bur­ge­rin war­tet auf ei­nem Park­platz in Ri­be. Schwar­ze Re­gen­kluft, Gum­mi­stie­fel, graue Pu­del­müt­ze und Fern­glas – so steht sie ne­ben ei­nem Klein­bus mit der Auf­schrift „Va­de­havs­cen­tret“. Da­hin- ter ei­ne Schlan­ge von 20 Au­tos.

Pös­ne­cker, die Bio­lo­gie in Aar­hus stu­diert und ge­ra­de ih­re Mas­ter­ar­beit schreibt, jobbt als „Na­tur­füh­re­rin“für das Wat­ten­me­er­zen­trum im na­hen Ves­ter Vedsted. Dort hat sie be­reits ihr Frei­wil­li­ges Öko­lo­gi­sches Jahr ab­sol­viert. In der Sai­son führt sie Schul­klas­sen ins Wat­ten­meer, Gour­mets zu Aus­tern­bän­ken oder – wie heu­te – Hob­by­or­ni­tho­lo­gen zur „Schwar­zen Son­ne“.

Schon am Morgen hat sie Aus­schau nach den Vö­geln ge­hal­ten. Nun fah­ren wir im Kon­voi an den Stadt­rand von Ri­be, las­sen die Au­tos ste­hen und ge­hen ein paar Me­ter an ei­ner Bahn­li­nie ent­lang. Es reg­net. „Den Sta­ren ist das egal. Nur die Raub­vö­gel, ih­re Fein­de, die mö­gen das nicht so gern, die brau­chen dann mehr Ener­gie“, sagt Pös­ne­cker.

Die 24-Jäh­ri­ge dämpft die Er­war­tun­gen: „Man ist nie hun­dert­pro­zen­tig si­cher, wo die Sta­re sind.“Und: „Es gibt nicht je­den Abend ei­nen gro­ßen Ab­tanz­ball.“Doch kaum hat sie die­se Wor­te ge­spro­chen, tau­chen auch schon die ers­ten Sta­re am Him­mel auf. Tags­über su­chen sie in der um­lie­gen­den Marsch nach Nah­rung, nun hal­ten sie Aus­schau nach ei­nem si­che­ren Schlaf­platz.

Wir stür­men auf ei­nen klei­nen Hü­gel und ha­ben bes­te Sicht auf die Fluss­aue. Al­le lu­gen un­ter ih­ren Ka­pu­zen her­vor. Die Flug­show kann be­gin­nen. Und tat­säch­lich nä­hert sich ein Schwarm nach dem an­de­ren, ein Tänz­chen di­rekt

vor un­se­ren Au­gen, dann stür­zen sich die Tie­re bin­nen we­ni­ger Se­kun­den ins Schilf, „als wür­de da ein Staub­sau­ger sein“.

Dunk­le Wol­ke

Da­bei hört man kei­nen Piep, ob­wohl wir den Star doch aus dem hei­mi­schen Gar­ten ei­gent­lich als flei­ßi­gen Sän­ger und Stim­men­imi­ta­tor ken­nen. Hier aber gilt: Nur nicht auf­fal­len. Das Schilf bie­tet Schutz vor den Bli­cken der Greif­vö­gel, aber auch – we­gen des feuch­ten Un­ter­grun­des – vor na­tür­li­chen Fein­den am Bo­den. Als die Men­schen noch nicht wuss­ten, dass die Sta­re wei­ter­zie­hen, glaub­ten sie, die Tie­re wür­den am Bo­den von Se­en oder Moo­ren über­win­tern, er­zählt Pös­ne­cker.

Nach und nach ver­schwin­det ein Schwarm nach dem an­de­ren im Schilf. Es dau­ert nicht lan­ge, bis sie kommt, die Fra­ge, die fast je­den Abend ge­stellt wird: „Kön­nen wir da nicht ei­nen Fal­ken rein­schi­cken?“Doch das ist gar nicht not­wen­dig, denn ur­plötz­lich steigt die gan­ze Vo­gel­schar noch ein­mal auf, „200 000 plus“, schätzt Pös­ne­cker. Ei­ne Rie­sen­zahl, wird doch der Be­stand seit Jah­ren klei­ner. Al­le rei­ßen ih­re Fern­glä­ser und Fo­to­ap­pa­ra­te hoch.

Ei­ne Rohr­wei­he hat­te sich im Schilf ver­steckt, glaubt Pös­ne­cker. Nun gilt es, den Feind zu ver­wir­ren. Zeig­te sich eben noch ein lan­ger Strei­fen am Him­mel, so formt sich nun ei­ne schwar­ze Ku­gel. Und dann ei­ne gro­ße dunk­le Wol­ke, de­ren Gestalt sich im­mer wie­der än­dert. „Für uns mag das schön aus­se­hen, für die Sta­re ist das Stress.“

Blitz­schnell wech­seln die Vö­gel ih­re Flug­rich­tung. Dass sie sich da­bei mit ih­ren Schnä­beln nicht ins Ge­he­ge kom­men, ver­dan­ken sie ei­nem Re­ak­ti­ons­ver­mö­gen, das um ein Viel­fa­ches bes­ser ist als das des Men­schen. Ein paar Mi­nu­ten dau­ert die Ga­la, dann ist wie­der Ru­he am Him­mel. Das Fa­zit von Mar­ti­na Pös­ne­cker: „Ei­ner der schöns­ten Aben­de der Sai­son.“Das se­hen auch ih­re Gäs­te so. Vie­le ver­ab­schie­den sich per Hand­schlag.

BIL­DER: WOLF­GANG STELL­JES

Him­mels­bal­lett: Schwarm von Sta­ren in ei­ner Fluss­aue bei Ri­be (gro­ßes Bild) – Hält Aus­schau: Die ge­bür­ti­ge Ol­den­bur­ge­rin Mar­ti­na Pös­ne­cker jobbt als Na­tur­füh­re­rin für das Wat­ten­me­er­zen­trum Vedsted bei Ri­be (klei­nes Bild).

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