Rät­sel um Hone­ckers Na­zi-Frau ge­löst

Letz­ter DDR-Staats­rats­vor­sit­zen­der hei­ra­te­te NS-Ge­fäng­nis­wär­te­rin

Nordwest-Zeitung - - MEINUNG - VON JUTTA SCHÜTZ

BERLIN – Im De­zem­ber 1946 hei­ra­te­te Erich Hone­cker ei­ne frü­he­re Ge­fäng­nis-Wacht­meis­te­rin. Doch bis zu sei­nem Tod hielt der spä­te­re ers­te Mann im DDR-Staat das ge­heim. War es ihm pein­lich oder pass­te sie nicht ins so­zia­lis­ti­sche Bild – die Ehe mit ei­ner Frau, die wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­ge­sperr­te Re­gime­geg­ner be­wach­te und so­mit auf der an­de­ren Sei­te stand? Die Ehe währ­te nicht lan­ge, die Gat­tin starb.

Der His­to­ri­ker Mar­tin Sa­b­row hat in sei­nem neu­en Buch über die Ju­gend­jah­re von Erich Hone­cker her­aus­ge­ar­bei­tet, dass die Wär­te­rin im Ber­li­ner Frau­en­gefäng­nis Bar­nim­stra­ße Hone­cker kurz vor Kriegs­en­de ken­nen­lern­te. Dort­hin muss­te der Zucht­haus-Sträf­ling mit der Num­mer 523/37 zu Au­ßen­ar­bei­ten an­rü­cken. Das Ge­fäng­nis war Zwi­schen­sta­ti­on für weib­li­che Op­fer des NS-Jus­tiz­ter­rors, be­vor sie in die Ber­li­ner Hin­rich­tungs­stät­te Plöt­zen­see ge­bracht wur­den.

Bei der Wär­te­rin hat­te Hone­cker auch nach sei­ner plan­lo­sen Flucht in den letz­ten Kriegs­ta­gen Un­ter­schlupf ge­fun­den, be­vor er sich wie­der stell­te. Wie durch ein Wun­der kam der über­zeug­te Kom­mu­nist oh­ne Zu­satz­stra­fe ins Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den zu­rück, das we­nig spä­ter von der Ro­ten Ar­mee be­freit wur­de. Der be­rüch­tig­te Volks­ge­richts­hof hat­te den jun­gen Hone­cker 1937 we­gen Hoch­ver­rats zu zehn Jah­ren Zucht­haus ver­ur­teilt. In der Haft ha­be sich sein La­vie­ren zwi­schen den Sei­ten als er­folg­rei­che Über­le­bens­stra­te­gie er­wie­sen, fasst der Au­tor sei­ne Re­cher­chen zu­sam­men.

Hone­cker selbst ha­be aus der „mo­dell­haf­ten Ma­kel­lo­sig­keit sei­ner kom­mu­nis­ti­schen Vi­ta“ei­nen we­sent­li­chen Teil sei­ner Le­gi­ti­ma­ti­on ge­schöpft, hat der Pro­fes­sor ana­ly­siert. Sa­b­row zeigt, dass die Wirk­lich­keit oft an­ders war. So ha­be Hone­cker wie ein Grün­schna­bel in der Il­le­ga­li­tät ei­nen Kof­fer mit kon­spi­ra­ti­vem Ma­te­ri­al in ei­nem Ber­li­ner Ta­xi ver­ges­sen und dem Fah­rer noch sei­ne Adres­se ge­nannt – wo er dann we­nig spä­ter fest­ge­nom­men wur­de.

Der Kom­mu­nist ha­be sich dann so ge­ständ­nis­be­reit ge­zeigt, dass die Un­ter­su­chung in nur fünf Ta­gen ab­ge­schlos­sen wer­den konn­te, heißt es. Ge­stützt auf Hone­ckers Aus­sa­gen sei An­kla­ge ge­gen die Wi­der­stands­grup­pe Baum er­ho­ben wor­den.

In der DDR-Ge­schichts­schrei­bung wird die Zucht­haus-Zeit des spä­te­ren SEDGe­ne­ral­se­kre­tärs und Staats­ober­haup­tes nicht so kon­kret dar­ge­stellt. „Stand­haft und un­er­schro­cken ver­trat er sei­ne kom­mu­nis­ti­sche Wel­t­an­schau­ung“, wird ver­merkt. Et­li­che De­tails der Bio­gra­fie wur­den ver­än­dert oder weg­ge­las­sen. So sei aus dem eher klein­bür­ger­li­chen El­tern­haus ein klas­sisch pro­le­ta­ri­sches ge­wor­den, Hone­cker als ge­lern­ter Dach­de­cker prä­sen­tiert, ob­wohl er sei­ne Leh­re ab­ge­bro­chen hat­te. Die Staats­si­cher­heit ha­be mit­ge­wirkt, Le­bens­läu­fe ho­her Funk­tio­nä­re zu glät­ten. Wi­der­sprü­che soll­ten aus­ge­schlos­sen wer­den, um „An­grif­fe“zu un­ter­bin­den.

DPA-BILD: KUMM

Erich Hone­cker, auf­ge­nom­men 1989

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