Im­mer aus dem Hin­ter­halt

Hän­dels ita­lie­ni­sche Oper „Agrip­pi­na“er­obert das Staats­thea­ter

Nordwest-Zeitung - - KULTUR - VON HORST HOLLMANN

Die Auf­füh­rung läuft im Gro­ßen Haus. In drei­ein­halb St­un­den wer­den atem­be­rau­ben­de In­tri­gen ge­strickt.

OL­DEN­BURG – Schon wie­der ei­ne Ge­fah­ren­war­nung! Nein, kein bren­nen­der Ak­ku. Aber ei­ne herr­lich durch­ge­knall­te Oper: „Agrip­pi­na“von Ge­org Fried­rich Hän­del. Wem in Ach­ter­bah­nen oder auf Klet­ter­stei­gen schwind­lig wird, muss das Staats­thea­ter mei­den. Wer zwi­schen Auf­schwün­gen und Ab­stür­zen auf­lebt, darf die­se ba­ro­cke Ho­he Schu­le der In­tri­ge hin­ge­gen kei­nes­falls aus­las­sen.

Drei und ei­ne hal­be St­un­de lang geht es im al­ten Rom über Stock und St­ein, über Thron und Bett. So ein Ge­spinst aus Hin­ter­häl­tig­keit, wie es Agrip­pi­na er­sinnt, muss fest ver­zurrt wer­den. Die Kai­ser­gat­tin will eben mit al­len Mit­teln ih­ren noch schü­ler­haft kurz be­hos­ten Sohn Ne­ro­ne auf den Thron set­zen.

Ol­den­burg zeigt in Zu­sam­men­ar­beit mit den Göt­tin­ger Hän­del-Fest­spie­len ei­ne aufs Gro­ße Haus zu­ge­schnit­te­ne Ver­si­on der 1709 kom­po­nier­ten ita­lie­ni­schen Oper des jun­gen Hän­del. Re­gis­seur Lau­rence Da­le ge­lingt da­bei ein frap­pie­ren­der Wurf. Er ver­knüpft Per­so­nen­füh­rung, Ges­tik, Ko­s­tü­me, das Büh­nen­bild und die Sym­bo­lik der Re­qui­si­ten mit­ein­an­der. In­mit­ten al­len mensch­li­chen und mu­si­ka­li­schen Irr­sinns fügt sich das in ei­ner tief­grei­fen­den Lo­gik zu­sam­men.

Tom Schenks Büh­ne be­steht aus we­ni­gen Ele­men­ten: Gol­de­nen Säu­le, Thron, Bett, wo­gen­der Ga­ze­vor­hang, zwei rie­si­ge be­geh­ba­re Spie­gel. De­ren Dre­hun­gen sor­gen für wech­seln­de Per­spek­ti­ven.

Das ist der Rah­men für das Spiel in ei­ner Be­trü­ger­li­ga, ge­gen die ei­ne Ober­li­ga wie ei­ne Kreis­klas­se wir­ken muss. Da sind Pro­fis am Wer­ke. Ni­na Bern­stei­ner facht als Agrip­pi­na mit ih­rem So­pran ein Flam­men­meer an. Da hilft kein Lösch­zug. Ha­gar Shar­vits Ne­ro­ne lebt von ei­nem in al­len La­gen si­cher ge­führ­ten Mez­zo, der die Falsch­heit grei­fen lässt.

Jo­ao Fer­nan­dez er­obert als de­bi­ler Kai­ser Clau­dio nicht die Her­zen von Frau­en, aber die des Pu­bli­kums. Ein par­odis­ti­sches Ka­bi­nett­stück ist sei­ne Be­schrei­bung zum „So­ckel des rö­mi­schen Throns“: Er lässt den Bass in der Tie­fe zer­brö­seln. Da­nach muss er sich mit der Zun­ge die Zäh­ne wie­der zu­recht schie­ben. Sze­nen­bei­fall!

Mar­ty­na Cy­mer­man als Pop­pea gibt ein ent­zü­ckend flö­ten­des Blond­chen, das oh­ne Nai­vi­tät das weib­li­che Gift in ei­ner Scho­ko­la­den­hül­le reicht. Nur Ot­to­ne will Ama­teur blei­ben. Le­an­dro Mar­ziot­te mit aus­schwin­gen­dem Coun­ter­te­nor han­delt sich als rei­ner Tor mäch­tig Är­ger ein. Yu­lia So­kol­lik (Nar­ci­so), Aar­ne Pel­ko­nen (Pal­lan­te) und Il­lHoon Chung (Die­ner Les­bo) brin­gen Schneid ins En­sem­ble.

Der Pro­gramm­zet­tel führt die 27 Mu­si­ker des Staats­or­ches­ters im Klein­ge­druck­ten auf. Da­bei kom­men sie im hö­her ge­fah­re­nen Gr­a­ben mu­si­ka­lisch groß her­aus. Un­ter Jörg Halub­eks Lei­tung dreht die Mu­sik die ba­ro­cken Pi­rou­et­ten. Doch zwi­schen Iro­nie und In­nig­keit löst das höchst be­weg­li­che Staats­or­ches­ter al­le Flos­kel­haf­tig­keit auf. Mu­sik und Büh­ne spre­chen in­ten­siv mit­ein­an­der.

Dem im Ba­rock oft über­rum­peln­den Hap­py-End setzt die Re­gie die Kro­ne auf. Ein plötz­li­cher Tod rafft al­le im rö­mi­schen Sau­stall aus dem Le­ben. Bis auf ei­nen. Tja, wer wohl?

PROBENBILD: STE­PHAN WALZL

Kai­ser­gat­tin im Na­cken: Sze­ne mit Ni­na Bern­stei­ner als Agrip­pi­na und Le­an­dro Mar­ziot­te als Ot­to­ne

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