„90 Pro­zent wä­ren gern Kas­sen­pa­ti­ent“

Arzt und Mo­de­ra­tor Eck­art von Hirsch­hau­sen stellt neu­es Buch und Büh­nen­pro­gramm vor

Nordwest-Zeitung - - PANORAMA - VON ANNETT ST­EIN

Ak­tu­ell ist der Me­di­zi­ner mit sei­nem Pro­gramm „Wun­der­hei­ler – Wie sich das Un­er­klär­li­che er­klärt“auf Tour. Manch­mal tä­te uns ein biss­chen heil­sa­mer Zau­ber aber gut, sagt der Co­me­di­an.

FRA­GE: Schul- oder Al­ter­na­tiv­me­di­zin – auf wes­sen Sei­te se­hen Sie sich? HIRSCH­HAU­SEN: Ich schla­ge mich auf die Sei­te der Pa­ti­en­ten. Ih­nen sa­ge ich: Wenn es sonst kei­ner macht, müsst ihr sel­ber steu­ern, zu wem ihr geht, was ihr macht oder sein lasst und zu was ihr „ja“sagt. Ver­bis­se­ne Pro- und An­ti-Bü­cher gibt es schon ge­nug. Ich will aus die­ser sehr ver­bohr­ten Glau­bens­dis­kus­si­on her­aus, hin zu ei­ner po­si­ti­ven Über­le­gung. Wie ge­hen wir da­mit um, dass es uns ei­gent­lich sehr gut geht im welt­wei­ten Ver­gleich und sub­jek­tiv trotz­dem die Men­schen im­mer das Ge­fühl ha­ben: Kei­ner hat Zeit für mich und ich ver­ste­he die Welt nicht mehr, so­bald ich beim Arzt war? FRA­GE: Sie ge­hen mit vie­len Fa­cet­ten des deut­schen Ge­sund­heits­we­sens hart ins Ge­richt. Fürch­ten Sie die Re­ak­tio­nen? HIRSCH­HAU­SEN: Nee! Ich freu mich drauf! Weil ich mich ehr­lich ge­sagt eher wun­de­re, wie we­nig wir in Deutsch­land dar­über spre­chen, was für ei­ne Me­di­zin wir uns ei­gent­lich wün­schen. Wir pus­ten fast ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro pro Tag im Ge­sund­heits­we­sen durch die Ge­gend. Ich wünsch­te mir ei­ne De­bat­te dar­über, was da­mit sinn­vol­ler­wei­se pas­sie­ren soll! FRA­GE: Was läuft im Ge­sund­heits­we­sen Ih­rer An­sicht nach schief der­zeit? HIRSCH­HAU­SEN: Wir trei­ben durch die öko­no­mi­sier­te Me­di­zin die Men­schen ge­ra­de­zu weg von der wis­sen­schafts­ba­sier­ten Me­di­zin. Weil Ap­pa­ra­te und Ein­grif­fe über­be­zahlt wer­den, Zu­hö­ren und Zu­wen­dung aber im Fall­pau­scha­len­sys­tem nicht vor­kom­men, gibt es ein Zu­viel an Herz­ka­the­tern, Rü­cken­ope­ra­tio­nen und Knie­pro­the­sen. In der Pra­xis be­kom­men die Pa­ti­en­ten un­nö­ti­ge IGEL-Leis­tun­gen auf­ge­schwatzt. Da­mit geht das Gr­und­ver­trau­en ka­putt und vie­le wan­dern ab zu den Be­rei­chen, wo mehr zu­ge­hört, wo mehr ver­spro­chen wird, wo aber eben auch sehr viel Un­fug pas­siert. FRA­GE: War­um ge­ben Men­schen lie­ber Geld für frag­wür­di­ge Mit­tel­chen aus als sich zum Bei­spiel dem Rat ih­res Arz­tes fol­gend mehr zu be­we­gen und ab­zu­neh­men? HIRSCH­HAU­SEN: So ein biss­chen füh­le ich mich da an Lu­ther er­in­nert, der den Ablass­han­del an­pran­ger­te vor 500 Jah­ren: Heu­te glaubt kei­ner mehr an das Fe­ge­feu­er, aber je­der glaubt, wenn er ei­ne Mul­ti­vit­amin­ta­blet­te ein­wirft, dass er sich da­mit von sei­nen Sün­den frei­kau­fen kann. Al­so vom Rau­chen oder We­nig-Be­we­gen. Letz­ten En­des ist das die glei­che Psy­cho­lo­gie. Wir täu­schen uns gern selbst. FRA­GE: Wie lie­ße sich ein po­si­ti­ve­rer Blick er­rei­chen? HIRSCH­HAU­SEN: Wir kön­nen al­le froh sein, in Deutsch­land im 21. Jahr­hun­dert zu le­ben! Wie vie­le un­se­rer Ver­wand­ten und Freun­de wür­den oh­ne die Fort­schrit­te der Me­di­zin gar nicht mehr le­ben? Ich glau­be, 90 Pro­zent der Welt­be­völ­ke­rung wä­ren ger­ne bei uns Kas­sen­pa­ti­ent.

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