Ers­te Hil­fe: Drei Mi­nu­ten ent­schei­den

Ein Held zu sein, ist nicht schwer – „OL ret­tet Le­ben“baut Hemm­schwel­len un­ter Be­su­chern ab

Nordwest-Zeitung - - STADT OLDENBURG - VON NI­NA JANSSEN

Wie ver­hal­te ich mich im Not­fall rich­tig? „Prü­fen, Ru­fen, Drü­cken“lau­te­te das Mot­to der Ret­tungs­diens­te.

OL­DEN­BURG – „Tot“, „Lebt“, „Ge­ret­tet“ist auf ih­re Ja­cken ge­druckt. Zehn Men­schen, die durch die Stadt lau­fen, um auf ei­ne Wis­sens­lü­cke auf­merk­sam zu ma­chen – die Wis­sens­lü­cke „Ers­te Hil­fe“. „Ich wüss­te nicht, wie ich bei ei­nem Not­fall re­agie­ren wür­de“, sagt Pia Se­mit­schow. Und sie ist nicht die ein­zi­ge, die das nicht weiß.

Doch wie kin­der­leicht man zum Le­bens­ret­ter wer­den kann, dar­über klär­te am Sonn­abend die Ak­ti­on „OL ret­tet Le­ben“auf. Sie­ben Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen prä­sen­tier­ten sich und ih­re Ar­beit auf dem Schloss­platz, wo es pra­xis­na­he In­for­ma­tio­nen rund um das The­ma „Ers­te Hil­fe“gab.

Die Ak­ti­ons­grup­pe „To­ter“, „Le­ben­der“und „Ge­ret­te­ter“Men­schen, sie ver­kör­pern den mo­nat­li­chen Schnitt der Stadt, von den­je­ni­gen, die ei­nen Herz­still­stand er­lei­den: Fünf über­le­ben nicht, zwei über­le­ben. Drei könn­ten über­le­ben – wenn die Lai­en-Re­ani­ma­ti­on früh­zei­tig ein­ge­setzt hät­te.

Was heißt nun früh­zei­tig? „Drei Mi­nu­ten hat das Ge­hirn Zeit, be­vor ir­re­pa­ra­ble Schä­den auf­tre­ten“, er­klärt Ste­fan Grei­ber, Pres­se­spre­cher der Johanniter, „und so schnell ist der Ret­tungs­dienst nicht.“Dem steht ent­ge­gen, dass nur zu ei­ner Wahr­schein­lich­keit von 30 Pro­zent der Laie mit der Re­ani­ma­ti­on be­gin­ne, sagt Andre­as Wey­land, Di­rek­tor der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Anäs­the­sio­lo­gie. Grund da­für sei­en di­ver­se Hemm­schwel­len und die Angst, et­was falsch zu ma­chen. „Das ver­schlim­mert die Si­tua­ti­on aber nur. Man kann nichts falsch ma­chen.“, ver­si­chert Ro­de­rik Bo­ja­now­ski, Lei­ter vom Ol­den­bur­ger Mal­te­ser-Hilfs­dienst, „au­ßer man macht gar nichts.“

Dass ers­te Hil­fe tat­säch­lich so kin­der­leicht ist, be­wei­sen vier Mäd­chen auf der Büh­ne. Das Mot­to da­bei lau­tet „Prü­fen, Ru­fen, Drü­cken“. Bär­bel Hin­rich­sen rüt­telt den Dum­my: „Hal­lo, kön­nen Sie mich hö­ren?“Die Per­son ist nicht an­sprech­bar, Hin­rich­sen prüft den Atem. Der Mo­ment des Atem­still­stands ist der Mo­ment, in dem die Re­ani­ma­ti­on be­gin­nen muss. Drei Mi­nu­ten. Nach­dem die „112“ge­wählt wur­de, be­ginnt die Herz-Druck Mas­sa­ge: 30 Mal, kräf­tig auf die Mit­te des Brust­beins. „Fünf bis sechs Zen­ti­me­ter tief“, sagt Bo­jan­dow­ski. Dann folgt die Be­at­mung, zwei Mal durch Mund oder Na­se. Der Kopf wird da­bei über­streckt. Am wich­tigs­ten sei al­ler­dings die Herz-DruckMas­sa­ge, be­tont er, „da­mit das Blut wei­ter durch den Kör­per ge­pumpt wird.“Die op­ti­ma­le Fre­quenz sind 120 Stö­ße pro Mi­nu­te. Es sei aber nicht aus­schlag­ge­bend, so Bo­jan­dow­ski wei­ter, wenn die­se op­ti­ma­le Fre­quenz nicht ein­ge­hal­ten wür­de. Auch hier be­to­nen die Ret­tungs­leu­te wie­der, man kann nichts falsch ma­chen.Seit 2012 un­ter­stützt die Te­le­fon­re­ani­ma­ti­on bei der Erst­ver­sor­gung des Pa­ti­en­ten. „Da wird ge­weint und ge­schrien, die Leu­te sind to­tal hilfs­los“, be­rich­tet Ste­fan Abs­hof von der Groß­leit­stel­le. Am Te­le­fon wür­de des­halb je­der Schritt er­klärt, an­ge­fan­gen bei schein­ba­ren Ba­na­li­tä­ten wie „Schnei­den Sie die Ober­be­klei­dung auf.“

„Sie müs­sen et­wa sie­ben Mi­nu­ten lang drü­cken, drü­cken, drü­cken, bis der Ret­tungs­wa­gen kommt“, er­klärt Sa­ni­tä­te­rin Ma­nue­la Rich­ter. Et­was un­be­hol­fen ver­sucht sich Gre­gor Szem­keö am Dum­my: „Ich wuss­te gar nichts mehr. Mein letz­ter Ers­te-Hil­fe-Kurs war vor 25 Jah­ren. Das hat jetzt schon ein we­nig ge­hol­fen.“

100 Re­ani­ma­ti­ons­fäl­le ge­be es jähr­lich in der Stadt. 20 Pro­zent der Pa­ti­en­ten über­leb­ten ei­nen sol­chen Herz­still­stand, be­rich­tet Wey­land von der Uni­ver­si­täts­kli­nik: „Es könn­ten 50 Pro­zent sein, wenn Lai­en so­fort re­ani­mie­ren. „Der Ein­satz durch den Lai­en hat sich in den letz­ten Jah­ren schon ver­bes­sert“, sagt Wey­land, „er ist aber noch aus­bau­fä­hig.“Vor­rei­ter sei­en ganz klar die skan­di­na­vi­schen Län­der, die könn­ten Zah­len von 60 bis 70 Pro­zent vor­wei­sen. Um da­hin zu kom­men, sei­en In­ves­ti­tio­nen, Auf­klä­rung und mehr Kur­se not­wen­dig – vor al­lem aber die Be­reit­schaft in der Be­völ­ke­rung.

BILD: NI­NA JANSSEN BILD: NI­NA JANSSEN

neu­en Ret­tungs­wa­gen sich be­son­ders für den Fa­mi­lie Fries in­ter­es­siert der Be­rufs­feu­er­wehr. Kin­der zei­gen, wie es geht: Un­ter An­lei­tung zeigt Bär­bel Hin­rich­sen auf der Büh­ne, wie kin­der­leicht es ist, Le­ben zu ret­ten. Als ers­tes prüft sie, ob der „Pa­ti­ent“an­sprech­bar ist.

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