Si­che­rer durch we­ni­ger Ze­bra­strei­fen?

Kri­tik an Vor­ge­hen im Kreis Am­mer­land – Un­ter­schied­li­che Re­ge­lun­gen in Re­gi­on

Nordwest-Zeitung - - OLDENBURGER LAND - VON DO­RE­EN FIED­LER UND LARS LAUE

Der Stra­ßen­ver­kehr gleicht oft ei­ner Wild­nis – so vol­ler Pfer­de­stär­ken, Sta­ren­käs­ten und Ze­bra­strei­fen ist er. Ei­ner da­von könn­te in man­chen Land­stri­chen bald auf die Ro­te Lis­te kom­men.

OL­DEN­BUR­GER LAND/TRI­ER/BERLIN – Ein Ei­mer wei­ße Far­be und ein Pin­sel wa­ren frü­her al­les, was man für ei­nen Ze­bra­strei­fen brauch­te. Heu­te ist das an­ders. Ei­ne im Be­am­ten­deutsch R-FGÜ ge­nann­te Ver­ord­nung macht Ze­bra­strei­fen zu aus­ge­klü­gel­ten Sys­te­men – mit Mar­kie­run­gen auf der Stra­ße, ei­ner Min­dest-Strei­fen­brei­te, Schil­dern über der Fahr­bahn, ab­ge­senk­tem Bür­ger­steig für Roll­stuhl­fah­rer, Auf­find­strei­fen für Blin­de und aus­rei­chend Be­leuch­tung. Längst nicht al­le Städ­te rüs­ten die Ze­bra­strei­fen ent­spre­chend nach. Man­che über­pin­seln lie­ber.

Tri­er zum Bei­spiel hat ge­nau 253 Ze­bra­strei­fen, das sind auf die Ein­woh­ner­zahl ge­se­hen be­son­ders vie­le in Deutsch­land. Dem­ent­spre­chend teu­er wä­re die Nach­rüs­tung für die Stadt, die ein Schul­den­berg von 672 Mil­lio­nen Eu­ro drückt. Al­lein die Kos­ten für die In­stal­la­ti­on von La­ter­nen an ei­nem bis­her un­be­leuch­te­ten Ze­bra­strei­fen dürf­te zwi­schen 20000 bis 25 000 Eu­ro kos­ten, schätzt die Stadt. Seit An­fang des Jah­res über­prüft Tri­er al­le wei­ßen Strei­fen. Bald soll es ei­ne Lis­te ge­ben, in der steht, wo sie blei­ben und wo sie weg­kom­men.

„Un­se­re Angst ist, dass die Kom­mu­nen sa­gen: Brau­chen wir den Ze­bra­strei­fen wirk­lich, oder kön­nen wir das Geld lie­ber für et­was an­de­res ver­wen­den?“, sagt Ste­fan Lieb vom Fach­ver­band Fuß­ver­kehr (Fuss). Die Ver­wal­tungs­vor­schrift, die La­ge und Aus­stat­tung von Ze­bra­strei­fen re­gelt, sei zwar schon ein paar Jah­re alt. Aber erst jetzt über­prüf­ten die Kom­mu­nen, ob sie die Nor­men wirk­lich ein­hal­ten.

Für den Ver­band Fuss ist klar: Je mehr Ze­bra­strei­fen, des­to bes­ser. Die­ser Aus­sa­ge wi­der­spricht der Ge­samt­ver­band der Deut­schen Ver­si­che­rungs­wirt­schaft (GDV), der ei­ne Un­ter­su­chung zur Si­cher­heit von Ze­bra­strei­fen er­stellt hat. „Wenn die Vor­ga­ben nicht ein­ge­hal­ten wer­den, ver­mit­telt ein Ze­bra­strei­fen nur ei­ne Schein­si­cher­heit“, sagt Sieg­fried Brock­mann, Lei­ter der Un­fall­for­schung bei der GDV. Rich­tig ge­plan­te und aus­ge­stat­te­te Ze­bra­strei­fen sei­en hin­ge­gen so si­cher wie Am­peln.

Dar­an wie­der­um glaubt man im Am­mer­land nicht. Im gan­zen Land­kreis sind die Ze­bra­strei­fen ent­fernt wor­den. „Wir hat­ten vie­le Un­fäl­le oder Fast-Un­fäl­le, weil die Au­to­fah­rer sich nicht dar­auf ein­ge­las­sen ha­ben, dass die Fuß­gän­ger Vor­fahrt ha­ben“, sagt Land­rat Jörg Bens­berg. Dort, wo die Au­to­fah­rer die Ze­bra­strei­fen eher ak­zep­tie­ren, könn­ten Kom­mu­nen vi­el­leicht an­de­re We­ge ge­hen. Bens­berg fin­det: „Ze­bra­strei­fen sind eher ein städ­ti­sches Mit­tel. Wir sind ein länd­li­cher Land­kreis.“

Im Land­kreis Ol­den­burg gibt es aus eben die­sen Grün­den schon seit Jahr­zehn­ten kei­ne Ze­bra­strei­fen mehr, Aus­nah­men sind Kreis­ver­keh­re. Im ge­sam­ten Land­kreis Clop­pen­burg sind laut Ver­wal­tung ge­nau drei Ze­bra­strei­fen zu fin­den. Aus dem Kreis­haus in Vech­ta heißt es in­des: „Bei re­gel­kon­for­mer An­la­ge hält der Land­kreis Vech­ta in Über­ein­stim­mung mit der Ver­kehrs­si­cher­heits­kom­mis­si­on das Ge­fähr­dungs­po­ten­zi­al für ge­ring. Un­fäl­le im Zu­sam­men­hang mit Fuß­gän­ger­über­we­gen sind hier nicht be­kannt. Dem Am­mer­län­der Bei­spiel wird des­halb auch nicht ge­folgt.“Auch im Land­kreis Fries­land ge­be es kei­ner­lei Über­le­gun­gen, Ze­bra­strei­fen ab­zu­schaf­fen. Und die Städ­te des Ol­den­bur­ger Lan­des – Ol­den­burg, Wil­helms­ha­ven und Del­men­horst – hal­ten oh­ne­hin an ih­ren Ze­bra­strei­fen fest. „Wir set­zen Sie da ein, wo sie sinn­voll sind, und ha­ben durch­aus gu­te Er­fah­run­gen ge­macht, dass Au­to­fah­rer sich dran hal­ten“, be­tont et­wa Rein­hard Schen­ke, Spre­cher der Stadt Ol­den­burg.

Da­bei hat auch das Am­mer­land Bal­lungs­räu­me, zum Bei­spiel Bad Zwischenahn. „Dort müs­sen die Leu­te rus­si­sches Rou­let­te spie­len, wenn sie am Rat­haus über die Haupt­stra­ße wol­len“, sagt Volk­mar Siems. Im be­nach­bar­ten Apen wie­der­um könn­ten Kin­der über ei­ner Stre­cke von mehr als ei­nem Ki­lo­me­ter nicht über die Stra­ße lau­fen, sagt Siems, der Rats­herr in Apen ist. „Mein Acht­jäh­ri­ger hat in der Grund­schu­le ge­lernt, wie er über Ze­bra­strei­fen ge­hen soll. Die Fra­ge ist nur: Wo? Bei uns gibt es gar kei­ne!“.

Im Am­mer­land ste­hen nun oft Fahr­bahn­tei­ler, auf de­nen sich die Fuß­gän­ger aus­ru­hen kön­nen, ehe sie die zwei­te Fahr­bahn in An­griff neh­men. An­de­re Kom­mu­nen ha­ben vie­le Tem­po-30-Zo­nen ein­ge­führt – und dort sind Fuß­gän­ger­über­we­ge laut der Ver­wal­tungs­vor­schrift nicht mehr nö­tig.

Im hes­si­schen Elt­vil­le zum Bei­spiel ver­schwand der Ze­bra­strei­fen auf dem Weg von der Fuß­gän­ger­zo­ne zum Rhein, weil die Au­to­fah­rer an dem Über­gang nun auf 20 St­un­den­ki­lo­me­ter ab­ge­bremst wer­den. „Dort ist kei­ne zu­sätz­li­che Si­che­rung mehr not­wen­dig, weil wir da­von aus­ge­hen, dass die Au­to­fah­rer lang­sam fah­ren“, sagt der Elt­vil­les Haupt­amts­lei­ter Micha­el Stut­ze.

Das größ­te Pro­blem aber liegt für vie­le Kom­mu­nen dar­in, für aus­rei­chend Be­leuch­tung zu sor­gen. Dort­mund stell­te bei ei­ner Über­prü­fung fest: Fast die Hälf­te ent­spricht nicht den Be­leuch­tungs­vor­schrif­ten. Und in Hamm fuhr ein Au­to­fah­rer ei­ne Stra­ßen­la­ter­ne um – wor­auf­hin der Ze­bra­strei­fen dort durch­ge­stri­chen wer­den muss­te. Fast ein hal­bes Jahr lang blieb das so, denn der Her­stel­ler des Licht­mas­tes konn­te lan­ge nicht lie­fern. Erst Mit­te Sep­tem­ber gab es wie­der Licht – und wie­der ei­nen Ze­bra­strei­fen.

Doch die neue Be­leuch­tungs-, Be­schrif­tungs- und Be­schil­de­rungs­vor­schrift muss nicht das En­de der Ze­bra­strei­fen be­deu­ten. Das macht aus­ge­rech­net das no­to­risch klam­me Berlin deut­lich. Dort wer­den je­des Jahr 30 bis 40 neue Fuß­gän­ger­über­we­ge ein­ge­rich­tet, wie die Haupt­stadt stolz be­rich­tet. Sie fügt hin­zu: „In Kür­ze wird die Se­nats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Um­welt den 400. neu­en Ze­bra­strei­fen in Be­trieb neh­men.“

DPA-BILD: JAS­PER­SEN

Au­tos fah­ren in Bad Zwischenahn über die Stra­ße „Am Brink", wäh­rend im Hin­ter­grund das Rat­haus zu se­hen ist. Im ge­sam­ten Land­kreis Am­mer­land sind die Ze­bra­strei­fen ent­fernt wor­den.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.