„In Lon­don gibt es noch Op­ti­mie­rungs­be­darf“

Eu­ro­pa­po­li­ti­ker McAl­lis­ter er­war­tet lan­ge Bin­nen­markt­ver­hand­lun­gen mit Bri­ten

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON HANS BEGEROW

FRA­GE: Herr McAl­lis­ter, wie weit sind in Groß­bri­tan­ni­en die Vor­be­rei­tun­gen zu den Aus­tritts­ver­hand­lun­gen aus der EU ge­die­hen? MCAL­LIS­TER: Der Ball liegt im bri­ti­schen Spiel­feld. Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May hat an­ge­kün­digt, dass das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich bis En­de März 2017 das Aus­tritts­ver­fah­ren nach Ar­ti­kel 50 EUVer­trag star­ten will. Die Eu­ro­päi­sche Uni­on be­rei­tet sich in­ten­siv auf die Aus­tritts­ver­hand­lun­gen vor. Aber vor Be­ginn der of­fi­zi­el­len Ver­hand­lun­gen wird es mit Lon­don kei­ne Ver­hand­lun­gen – we­der for­mell noch in­for­mell – ge­ben. FRA­GE: Wel­chen Ein­druck ha­ben Sie von den Ak­teu­ren auf bri­ti­scher Sei­te? MCAL­LIS­TER: Frau The­re­sa May hat jetzt für mehr Klar­heit ge­sorgt, ins­be­son­de­re was den Zeit­punkt des Aus­tritts an­geht. Wenn man die zwei­jäh­ri­ge Ver­hand­lungs­pe­ri­ode zu­grun­de legt, wür­de der Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on zum 1. April 2019 er­fol­gen, al­so noch recht­zei­tig vor den nächs­ten Wah­len zum Eu­ro­päi­schen Par­la­ment. Die Pre­mier­mi­nis­te­rin gibt die Rich­tung vor. In­halt­lich sind zu­stän­dig Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son, „Br­ex­it­mi­nis­ter“Da­vid Da­vis und Au­ßen­han­dels­mi­nis­ter Li­am Fox. Wo­hin die Rei­se geht? Ich will es di­plo­ma­tisch for­mu­lie­ren: Es gibt in Lon­don or­ga­ni­sa­to­risch und kon­zep­tio­nell noch wei­te­ren Op­ti­mie­rungs­be­darf. FRA­GE: Von Bo­ris John­son konn­te man le­sen, dass er sich noch kurz vor der Fest­le­gung als Br­ex­it-Be­für­wor­ter für den Ver­bleib Groß­bri­tan­ni­ens in der EU aus­ge­spro­chen hat. MCAL­LIS­TER: Herr John­son hat selbst die­sen Bei­trag als „se­mi-par­odis­tisch“be­zeich­net. Aber die­ses Bei­spiel zeigt, dass in­ner­halb der bri­ti­schen Po­li­tik die Ar­gu­men­te für und ge­gen ei­ne EU-Mit­glied­schaft hin- und her­ge­gan­gen sind. Und dass am En­de Herr John­son sich kurz­fris­tig fest­ge­legt hat, wel­che Sei­te er un­ter­stützt. Es war al­ler­dings ei­ne schwer­wie­gen­de Fest­le­gung. Denn Herr John­son war das Ge­sicht der Br­ex­it-Kam­pa­gne. Nun steht er als Au­ßen­mi­nis­ter in der Ver­ant­wor­tung. Ich ha­be die Ent­schei­dung ei­ner knap­pen Mehr­heit vom 23. Ju­ni als De­mo­krat re­spek­tiert, aber ich hal­te sie nach wie vor für ei­nen schwer­wie­gen­den Feh­ler. Die ne­ga­ti­ven Fol­gen für das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich sind un­ab­seh­bar. FRA­GE: Wird es ei­nen kos­ten­frei­en Zu­gang zum EU-Bin­nen­markt ge­ben? MCAL­LIS­TER: Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich möch­te wei­ter frei­en Zu­gang zum größ­ten Bin­nen­markt der Welt ha­ben. Es ist auch in un­se­rem deut­schen In­ter­es­se, dass wir auch ei­nen un­kom­pli­zier­ten Zu­gang zum bri­ti­schen Markt ha­ben. Den vol­len Zu­gang zum eu­ro­päi­schen Markt gibt es aber nur, wenn Lon­don un­se­ren Re­geln folgt: Da­zu ge­hört un­ter an­de­rem die vol­le Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit und dass man die Recht­spre­chung des Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hofs ak­zep­tiert. Das will die Re­gie­rung in Lon­don of­fen­kun­dig nicht. Nur bei Be­rück­sich­ti­gung al­ler vier Frei­zü­gig­kei­ten wird es den frei­en Zu­gang zum EU-Bin­nen­markt ge­ben. Wo am En­de die Al­ter­na­ti­ve zur bri­ti­schen EU-Mit­glied­schaft liegt, lässt sich ge­gen­wär­tig noch nicht be­stim­men. Ich ver­mu­te, es könn­te am En­de ein Frei­han­dels­ab­kom­men plus X ge­ben. Wie groß die­ses X ist, hängt von der Be­reit­schaft ab, sich un­se­ren eu­ro­päi­schen Re­geln an­zu­schlie­ßen. Die Zeit der bri­ti­schen Ro­si­nen­pi­cke­rei ist vor­bei. FRA­GE: Hat ein Zu­gang der Bri­ten zum Bin­nen­markt Chan­cen, wie ihn Nor­we­gen aus­ge­han­delt hat? MCAL­LIS­TER: Vom vol­len Zu­gang zum Bin­nen­markt wie ihn Nor­we­gen im Rah­men des Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­raums (EWR) und der Eu­ro­päi­schen Frei­han­delsas­so­zia­ti­on (EFTA) aus­ge­han­delt hat, ha­ben sich die Kon­ser­va­ti­ven wohl ver­ab­schie­det. Denn sie wol­len ja die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit nicht ak­zep­tie­ren. Da­durch, dass Pre­mier­mi­nis­te­rin May die EuGHRecht­spre­chung nicht an­er­ken­nen möch­te, ist auch ein Schwei­zer Mo­dell vom Tisch. Das künf­ti­ge „bri­ti­sche Mo­dell“be­deu­tet dann ei­nen Frei­han­dels­ver­trag plus ei­ni­ge Zu­satz­ver­ein­ba­run­gen. Wie lan­ge aber ein Frei­han­dels­ver­trag ver­han­delt wird, sieht man ge­gen­wär­tig am Bei­spiel CE­TA mit Ka­na­da.

DPA-BILD: GENTSCH

(45) ist Ab­ge­ord­ne­ter der EVP-Frak­ti­on im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment und Vor­sit­zen­der der Nie­der­sach­sen-CDU. Er war von Ju­li 2010 bis Fe­bru­ar 2013 Mi­nis­ter­prä­si­dent des Lan­des und deutsch­land­weit der ers­te Lan­des­va­ter mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft. McAl­lis­ters Va­ter stammt aus Schott­land, sei­ne Mut­ter aus Deutsch­land.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.