Al­les ei­ne Fra­ge der Um­stel­lung

Ru­fe nach Ab­schaf­fung der Zeit­um­stel­lung wer­den lau­ter – Drei­vier­tel der Deut­schen da­für

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON TO­BI­AS SCHMIDT, BÜ­RO BER­LIN

In der Nacht zum Sonn­tag wer­den die Uh­ren wie­der auf Win­ter­zeit ge­stellt. Doch erst­mals hält die Mehr­heit der Deut­schen ei­ne Ab­schaf­fung der Zeit­um­stel­lung für rea­lis­tisch.

BER­LIN/BRAUN­SCHWEIG – Ob wir wol­len oder nicht: In der Nacht zum Sonn­tag wer­den die Uh­ren wie­der auf Win­ter­zeit ge­stellt. Um 3 Uhr mor­gens wer­den die Zei­ger um ei­ne St­un­de auf 2 Uhr zu­rück­ge­dreht. Und Mil­lio­nen Deut­sche stöh­nen. Ih­nen be­schert die Zeit­um­stel­lung Schlaf­stö­run­gen, sie füh­len sich mü­de und schlapp – auch wenn die Nacht jetzt ei­ne St­un­de län­ger wird.

„Bringt nichts, scha­det nur!“, sagt der CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Phil­ipp Lengs­feld zum halb­jähr­li­chen Zeit­wech­sel. Er kämpft im Par­la­ment da­für, das 1980 ein­ge­führ­te Hin und Her ab­zu­schaf­fen, ringt um ei­nen Ko­ali­ti­ons­an­trag, mit dem in Brüs­sel Druck ge­macht wer­den soll: „Die Zeit ist auf un­se­rer Sei­te“, sagt er und ver­weist ge­gen­über die­ser Zei­tung auf CDU-Par­tei­tags­be­schlüs­se zur Ab­schaf­fung der Som­mer­zeit und auf Ver­bün­de­te in al­len Frak­tio­nen.

Pro­ble­me mit Ge­sund­heit

Und Ver­bün­de­te gibt es auch in der Be­völ­ke­rung: Drei von vier Bun­des­bür­gern hal­ten den Wech­sel von Som­mer­zu Win­ter­zeit und wie­der zu­rück in­zwi­schen für sinn­los, wie aus ei­ner ge­ra­de ver­öf­fent­lich­ten For­sa-Um­fra­ge für die Kran­ken­kas­se DAKGe­sund­heit her­vor­geht.

Je­der Vier­te gab da­bei an, durch die Um­stel­lung ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me zu ha­ben – von Schlaf­stö­run­gen bis zu de­pres­si­ven Ver­stim­mun­gen. Erst­mals hält die Mehr­heit ei­ne Ab­schaf­fung der Zeit­um­stel­lung für rea­lis­tisch. Be­wegt sich al­so et­was?

Ge­stärkt se­hen sich die Zeit­wech­sel-Geg­ner auch durch ein Gut­ach­ten, das das Bun­des­tags­bü­ro zur Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung er­stellt hat. Der Bei­trag der Som­mer­zeit zum Ener­gie­spa­ren – im­mer­hin die Be­grün­dung für ih­re eu­ro­pa­wei­te Wie­der­ein­füh­rung vor 36 Jah­ren – „fällt kaum ins Ge­wicht“, heißt es da­rin. Vor­tei­le für die Wirt­schaft – et­wa durch mehr Um­satz in den hel­le­ren Abend­stun­den – sich „nicht nach­weis­bar“.

Da­für be­nennt das Gut­ach­ten ge­sund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen bis hin zu ei­nem er­höh­ten Un­fall­ri­si­ko in­fol­ge von Schlaf­man­gel und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen. Auch der Deut­sche Tier­schutz­bund warnt: Mit der Um­stel­lung auf die Win­ter­zeit er­höht sich das Ri­si­ko von Wild­un­fäl­len. Denn vie­le Be­rufs­pend­ler sind da­nach in der Däm­me­rung auf dem Weg nach Hau­se, weil es frü­her dun­kel wird. In der Zeit sind auch Wild­tie­re ver­mehrt un­ter­wegs.

SPD-Ge­sund­heits­ex­per­te Karl Lau­ter­bach ist auch aus me­di­zi­ni­schen Grün­den für ei­ne Ab­schaf­fung der Zeit­um­stel­lung. „Kaum hat man sich an die Win­ter­zeit ge­wöhnt, rückt schon die nächs­te Um­stel­lung nä­her“, sagt er im Ge­spräch mit un­se­rer Ber­li­ner Re­dak­ti­on.

Als ers­ter Schritt muss ei­ne Ei­ni­gung der Uni­ons­frak­ti­on her, ei­ne

Um 3000 v. Chr.: 14. Jahr­hun­dert:

die von der Phy­si­ka­li­schTech­ni­schen Bun­des­an­stalt in Braun­schweig pro­gram­mier­te Atom­uhr das Si­gnal – für die Uh­ren der Deut­schen Bahn eben­so wie für pri­va­te Funk­uh­ren da­heim. Die ju­ris­ti­schen Grund­la­gen re­gelt das „Ge­setz über die Ein­hei­ten im Mess­we­sen und die Zeit­be­stim­mung“.

Wann gab es in Deutsch­land erst­mals Som­mer­zeit

Von 1916 bis 1918. Das Kai­ser­reich woll­te wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges die Ar­beits­kraft in der Rüs­tungs­in­dus­trie mit mehr Ta­ges­licht bes­ser ent­spre­chen­de Initia­ti­ve zu star­ten. Er rech­ne mit dem Ab­schluss der Dis­kus­si­on „weit vor der Rück­kehr zur Som­mer­zeit“, sag­te der Ber­li­ner CDU-Ab­ge­ord­ne­te Lengs­feld, schließ­lich ge­be es schon meh­re­re Par­tei­tags­be­schlüs­se.

Ob der Ko­ali­ti­ons­part­ner kom­plett an Bord ge­holt wer­den könn­te, ist of­fen. Denn an­ders als SPDGe­sund­heits­fach­mann Lau­ter­bach steht der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Ab­ge­ord­ne­te Re­né Rös­pel aus Nord­rhein-West­fa­len, der im zu­stän­di­gen Aus­schuss für Tech­nik­fol­gen­ab­schät­zung sitzt, nicht hin­ter ei­nem En­de der Zeit­um­stel­lung. „Ich freue mich im­mer auf die Um­stel­lung, da hat man im Som­mer mehr vom Tag“, sagt er. Au­ßer­dem ge­be es drän­gen­de­re Pro­ble­me, ge­ra­de jetzt soll­te man die EU nicht mit ei­nem „Rand­the­ma“be­hel­li­gen.

Auch für Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ha­ben die Som­mer- und Win­ter­zeit­pro­ble­me kei­ne Prio­ri­tät. Und die bay­ri­sche Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Il­se Ai­g­ner (CSU), die ei­ne Initia­ti­ve an­ge­kün­digt hat­te, will sich der­zeit gar nicht erst zu dem Thema äu­ßern. nut­zen. Auch von 1940 bis 1949 galt die Som­mer­zeit. 1947 wur­den die Uh­ren gar zwei St­un­den vor­ge­stellt, um nach dem Zwei­ten Welt­krieg mehr Ta­ges­licht beim Wie­der­auf­bau zu ha­ben. Un­ter dem Ein­druck der Öl­kri­se von 1973 rück­te die Som­mer­zeit er­neut in den Fo­kus und wur­de 1980 wie­der ein­ge­führt – gleich­zei­tig mit der DDR. Das Ziel: Ener­gie spa­ren.

Zeit­um­stel­lung – bringt das tat­säch­lich et­was

Der Nut­zen ist zu­min­dest um­strit­ten:

Ganz an­ders Her­bert Reul (CDU), der seit Jah­ren als Eu­ro­pa-Ab­ge­ord­ne­ter ge­gen die Som­mer­zeit zu Fel­de zieht. „Denn das är­gert die Leu­te“, sag­te er un­se­rer Ber­li­ner Re­dak­ti­on. „Hier könn­te die EU ei­ne un­sin­ni­ge Re­ge­lung zu­rück­neh­men.“Um die Ge­sund­heits­ri­si­ken durch die Zeit­um­stel­lung aus­zu­räu­men „muss der Eu­ro­päi­sche Rat han­deln“.

Mallor­ca wehrt sich

Ei­ner der en­er­gischs­ten Geg­ner der Zeit­um­stel­lung ist Ralph Len­kert von der Links­frak­ti­on im Bun­des­tag. Wenn die Uni­on nicht bald ei­nen Ko­ali­ti­ons­an­trag ein­brin­ge, wer­de er ei­nen ei­ge­nen An­trag vor­le­gen und al­le Gleich­ge­sinn­ten hin­ter sich sam­meln. „Ich war­te nicht mehr bis zum Früh­jahr“, sagt er.

Er är­ge­re sich, dass Deutsch­land nicht zum Vor­rei­ter im Kampf ge­gen die Zeit­um­stel­lung wer­den wird, denn Mallor­ca ist vor­ge­prescht: Das Par­la­ment der Ba­lea­ren, zu de­nen au­ßer­dem Menor­ca, Ibi­za und Formen­te­ra ge­hö­ren, hat die Re­gio­nal­re­gie­rung ge­ra­de per Re­so­lu­ti­on auf­ge­for­dert, in Ma­drid und Brüs­sel da­für zu kämp­fen, dass die spa­ni­schen Mit­tel­meer­in­seln künf­tig die Zeit­um­stel­lung aus­set­zen kön­nen. Sie wol­len al­ler­dings statt der Win­ter­zeit das gan­ze Jahr über die Som­mer­zeit be­hal­ten.

BILD: COLOURBOX

Die ers­ten Son­nen­uh­ren in Ägyp­ten un­ter­tei­len den Tag in 12 St­un­den. Wich­ti­ges In­stru­ment ist der „Gno­mon“, ein Stab der senk­recht im Bo­den steckt.

Die Su­me­rer ent­wi­ckeln das „Se­xa­gesi­mal­sys­tem“mit der Zahl 60 als Ba­sis. Un­se­re heu­ti­ge Zeit­mes­sung geht ver­mut­lich dar­auf zu­rück.

In Eu­ro­pa ent­steht die Rä­der­uhr. Es gibt ers­te öf­fent­li­che Turm­uh­ren mit St­un­den­zei­ger. Mit­te des 16. Jahr­hun­derts ist auch der Mi­nu­ten­zei­ger ver­brei­tet.

Mit ei­ner Kon­struk­ti­ons­zeich­nung des nie­der­län­di­schen As­tro­no­men und Phy­si­kers Chris­tia­an Huy­gens wird der Se­kun­den­zei­ger ge­bo­ren. Er ent­wirft ei­ne Pen­del­uhr auf der Grund­la­ge ei­ner Idee von Ga­li­leo Ga­li­lei.

Ei­ne Prä­zi­si­ons-Pen­del­uhr des deut­schen Uhr­ma­chers

Cle­mens Rief­ler ge­hört zu den bes­ten me­cha­ni­schen Uh­ren, die je ge­baut wur­den. Sie weicht nur we­ni­ge Tau­sends­tel Se­kun­den pro Tag ab.

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