Viel­falt zwi­schen Harz und Küs­te

Vor 70 Jah­ren wur­de Nie­der­sach­sen als künst­li­ches Ge­bil­de aus der Tau­fe ge­ho­ben

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON OLI­VER PIETSCHMANN

Für die Men­schen ging es vor 70 Jah­ren um das nack­te Über­le­ben. Ei­ne ge­mein­sa­me Tra­di­ti­on gab es nicht.

HAN­NO­VER – Nach dem Zwei­ten Welt­krieg la­gen wei­te Tei­le Deutsch­lands in Trüm­mern. Die Städ­te wa­ren ver­wüs­tet, die In­fra­struk­tur zer­stört, von Os­ten dräng­ten Flücht­lin­ge aus den ehe­ma­li­gen Ost­pro­vin­zen des Deut­schen Rei­ches und aus dem so­wje­ti­schen Sek­tor in die Be­sat­zungs­zo­nen der Westal­li­ier­ten.

Auf dem Ge­biet der künf­ti­gen Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land lie­ßen die Sie­ger­mäch­te schon schnell wie­der ei­ne Selbst­ver­wal­tung und die Grün­dung von Län­dern zu. So ent­stand auch Nie­der­sach­sen – doch an­ders als Ham­burg, Bay­ern oder Bre­men war Nie­der­sach­sen ein Land­strich oh­ne ge­mein­sa­me Ge­schich­te, oh­ne Tra­di­ti­on.

Ge­gen den Wi­der­stand ein­zel­ner Ge­bie­te wur­de am 8.

No­vem­ber 1946 mit der Ver­ord­nung Num­mer 55 der bri­ti­schen Mi­li­tär­ver­wal­tung Nie­der­sach­sen aus den Län­dern Han­no­ver, Ol­den­burg, Braun­schweig und Schaum­burg-Lip­pe ge­grün­det, rück­wir­kend zum 1. No­vem­ber.

Op­ti­mis­tisch

In sei­ner ers­ten Re­gie­rungs­er­klä­rung sag­te der von den Bri­ten ein­ge­setz­te und spä­ter in frei­en Wah­len be­stä­tig­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Hin­rich Wil­helm Kopf (SPD): „Das Land ist kein künst­li­ches Ge­bil­de, son­dern durch die Stam­mes­art sei­ner Be­woh­ner, durch sei­ne gleich­ar­ti­ge Struk­tur, Tra­di­ti­on und wirt­schaft­li­che Ge­schlos­sen­heit ein or­ga­nisch ge­wach­se­nes Gan­zes.“Kopfs frü­he Ein­schät­zung über das neue Land und die Nie­der­sach­sen ist für die Ge­schäfts­füh­re­rin des Nie­der­säch­si­schen Hei­mat­bun­des, Ju­lia Schul­te to Büh­ne, ei­ne doch eher zu op­ti­mis­ti­sche Ein­schät­zung der Aus­gangs­la­ge ge­we­sen. „In der Zeit war es schon ei­ne Ver­wal­tungs­ein­heit, die stra­te­gisch ge­bil­det wor­den ist.“

Mil­lio­nen Flücht­lin­ge ström­ten ins Land und muss­ten ver­sorgt wer­den. In den ver­schie­den Re­gio­nen be­trug ihr An­teil nach An­ga­ben von Schul­te to Büh­ne zwi­schen 20 und 70 Pro­zent. Es gab nicht ge­nug Wohn­raum, die Städ­te wa­ren zer­stört und es man­gel­te an al­lem. Im neu­en Land leb­ten Men­schen mit den un­ter­schied­li­chen Tra­di­tio­nen und kämpf­ten ums Über­le­ben. Es galt, das täg­li­che Le­ben zu si­chern, so Schul­te to Büh­ne.

Von Nord nach Süd

Erst mit dem Wie­der­auf­baus sei zu­sam­men­ge­wach­sen, was zu­sam­men­ge­hö­ren soll­te, sagt die Ge­schäfts­füh­re­rin des Hei­mat­bun­des. Die Men­schen ka­men in Kon­takt, grün­de­ten Ver­ei­ne, fei­er­ten Fes­te. Doch noch heu­te, sagt sie, „gibt es kei­ne Nie­der­sach­sen­tra­di­ti­on“.

70 Jah­re nach der Grün­dung sind die Kriegs­schä­den be­ho­ben, die Ver­wal­tung ist um­struk­tu­riert, die Mau­er ge­fal­len, die Bri­ten sind ab­ge­zo­gen und Nie­der­sach­sen ist Tran­sit­land mit funk­tio­nie­ren­der In­fra­struk­tur von Nord nach Süd und von West nach Ost. Die Land­wirt­schaft, der Tou­ris­mus, die Au­to­mo­bil­in­dus­trie mit dem Volks­wa­gen­kon­zern als Zug­pferd und die ma­ri­ti­me Wirt­schaft sind die öko­no­mi­schen Haupt­pfei­ler des Bun­des­lan­des mit sei­nen knapp acht Mil­lio­nen Ein­woh­nern.

Die wech­sel­vol­le Ge­schich­te seit der Grün­dung des Lan­des sieht der Mi­nis­ter­prä­si­dent Stephan Weil (SPD) als ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, die bei ei­nem Fest­akt am 1. No­vem­ber im Schloss Her­ren­hau­sen in Han­no­ver ge­fei­ert wird. „Nie­der­sach­sen ist in den ver­gan­ge­nen 70 Jah­ren gut zu­sam­men­ge­wach­sen. Das war bei der Grün­dung des Lan­des 1946 ganz an­ders. Aber: Das an­fäng­li­che Frem­deln zwi­schen den doch sehr un­ter­schied­li­chen Be­völ­ke­rungs­grup­pen ist nach und nach ei­ner star­ken ge­mein­sa­men Iden­ti­tät ge­wi­chen.“

Na­tür­lich fühl­ten die Men­schen sich nach wie vor als Han­no­ve­ra­ner, als Braun­schwei­ger, als Ol­den­bur­ger, als Ems­län­der oder als Ost­frie­sen, als Wend­län­der oder als Har­zer. „Aber sie füh­len sich heu­te mehr denn je als Nie­der­sach­sen, als Men­schen aus ei­nem Land, das stolz sein kann auf ei­ne be­ein­dru­cken­de Ent­wick­lung“, sagt Weil.

GRA­FIK::DPA/STEPMAP/OT­TO-MOOG DPA-BILD: LEßMANN

Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent ers­ter Wil­helm Hin­rich Kopf (SPD) ...ist So­zi­al­de­mo­kra­tisch: Von elf Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­hör­ten sie­ben der SPD an, drei der CDU und ei­ner der Deut­schen Par­tei (DP). ...hat­te 2015 ein Brut­to­in­lands­pro­dukt von gut 258,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. 60 ...ist Agrar­land: Pro­zent der Flä­che land­wirt­schaft­lich ge­nutzt, 22 Pro­zent sind Wald. ...ist mit 47 614 Qua­drat­ki­lo­me­tern das zweit­größ­te Bun­des­land nach Bay­ern. Nie­der­sach­sen... ...hat rund 7,8 Mil­lio­nen Ein­woh­ner (2014)

DPA-BIL­DER: DITFURTH/WA­GNER

Wat­ten­meer: Vom Wurm­berg bis zum im Harz... ein Snow­boar­der ...und zwei Tou­ris­tin­nen in der Nord­see am Strand von Nord­deich

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