„Be­ken­nen­der Ol­den­bur­ger und Nie­der­sach­se“

Ex-Land­tags­prä­si­dent Horst Mil­de (SPD) er­leb­te den Auf­bau des Lan­des haut­nah mit

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON GUNARS REICHENBACHS, BÜ­RO HAN­NO­VER

FRA­GE: Herr Mil­de, im Rück­blick auf 70 Jah­re Nie­der­sach­sen: Wel­che po­li­ti­schen Er­war­tun­gen hat­ten Sie in jun­gen Jah­ren an das Land? MIL­DE: Der Zwei­te Welt­krieg war noch nicht lan­ge zu En­de. Deutsch­land war im Nord­wes­ten von den Bri­ten be­setzt, die die Re­gie­rungs­ge­walt aus­üb­ten. Nach der von ih­nen er­folg­ten Grün­dung des Lan­des Nie­der­sach­sen kam es da­mals zu­al­ler­erst dar­auf an, den jun­gen neu ent­stan­de­nen de­mo­kra­ti­schen Staat bis in sei­ne Ve­räs­te­lun­gen hin­ein zu fes­ti­gen und wei­ter aus­zu­bau­en. Die Si­tua­ti­on war nicht ein­fach, der Pro­ble­me gab es vie­le. Die Er­näh­rungs­la­ge war sehr schlecht, viel­fach gras­sier­te der Hun­ger, den auch ich ver­spürt ha­be. Die gro­ßen, aber auch mitt­le­re Städ­te wa­ren weit­ge­hend zer­stört und muss­ten auf­ge­baut wer­den. In die­ser Not­la­ge ka­men über 1,8 Mil­lio­nen Ver­trie­be­ne aus den deut­schen Ost­ge­bie­ten, die prak­tisch über Nacht ins Land ge­presst, die auf­ge­nom­men und ver­sorgt wer­den muss­ten. Das Geld war nichts mehr wert. Der Schwarz­han­del blüh­te. So war es zur Le­bens- und Staats­er­hal­tung un­ab­ding­bar, al­le Kraft auf die Lö­sung die­ser Haupt­auf­ga­ben ein­zu­set­zen. Die Er­war­tung war vor al­lem an­dern, dass das ge­lin­gen mö­ge. Die Wäh­rungs­re­form im Jah­re 1948 brach­te den Auf­bruch in ei­ne bes­se­re Zeit und war der Be­ginn ei­ner glück­li­chen Zu­kunft, die heu­te Ge­gen­wart ist. FRA­GE: Wel­che Er­eig­nis­se wa­ren prä­gend? MIL­DE: Ich will nur drei nen­nen: Die von 1972 bis 1978 voll­zo­ge­ne Ver­wal­tungs- und Ge­biets­re­form, die ei­ne groß­ar­ti­ge po­li­ti­sche Leis­tung war. Sie trug zu ei­ner ein­heit­li­chen Ver­wal­tung in Nie­der­sach­sen und zur Stei­ge­rung der Leis­tungs­fä­hig­keit un­se­rer Ge­mein­den we­sent­lich bei. Zwei­tens die Ver­ab­schie­dung der Nie­der­säch­si­schen Ver­fas­sung mit ver­spä­te­tem Got­tes­be­zug. Sie lös­te nach der Ver­ei­ni­gung der DDR mit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die bis da­hin gel­ten­de Vor­läu­fi­ge Ver­fas­sung ab. Wich­tig für Ol­den­burg war da­bei, dass die so­ge­nann­te Tra­di­ti­ons­klau­sel mit ih­ren Ga­ran­ti­en zu­guns­ten Ol­den­burgs in die neue Ver­fas­sung über­nom­men wur­de. Drit­tens: Die Ab­schaf­fung der in ei­nem Flä­chen­land un­ab­ding­ba­ren Be­zirks­re­gie­run­gen. FRA­GE: In man­chen Re­gio­nen wur­de das Kunst­ge­bil­de Nie­der­sach­sen mit Skep­sis be­trach­tet. Wä­ren an­de­re Lö­sun­gen denk­bar ge­we­sen? MIL­DE: Es gab nicht nur Skep­sis, son­dern auch Ab­leh­nung. Der Ol­den­bur­gi­sche Land­tag und die Lan­des­re­gie­rung un­ter Füh­rung von Theo­dor Tant­zen ta­ten al­les, um Ol­den­burg als Staat zu er­hal­ten. Des­sen un­ge­ach­tet möch­te ich das neu ent­stan­de­ne Land Nie­der­sach­sen nicht un­be­dingt als Kunst­ge­bil­de be­zeich­nen. Es war ja nicht die bri­ti­sche Mi­li­tär­re­gie­rung al­lein, die letzt­lich mit ih­rer Ver­ord­nung Nr. 55 dem neu­en Land ei­ne Rechts­grund­la­ge gab, die Ge­burts­ur­kun­de aus­stell­te. Vor­aus­ge­gan­gen wa­ren Vor­schlä­ge des Zo­nen­bei­rats, von Hin­rich Wil­helm Kopf und Theo­dor Tant­zen. Für mich wä­re ein Nord­staat die bes­te Lö­sung ge­we­sen. FRA­GE: Hat sich mitt­ler­wei­le ein Stolz ent­wi­ckelt, „Nie­der­sach­se“zu sein? MIL­DE: Ich wür­de nicht von Stolz spre­chen, eher von ei­nem vor­ur­teils­frei­en Be­kennt­nis, Nie­der­sach­se zu sein. Das wie­der­um ein­ge­schränkt da­durch, zu­erst Ol­den­bur­ger oder Braun­schwei­ger zu sein. Ich be­zeich­ne das als ge­stuf­te Iden­ti­tät. Man kann ein be­ken­nen­der Ol­den­bur­ger oder Braun­schwei­ger und zu­gleich ein be­ken­nen­der Nie­der­sach­se sein.

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