Zer­bro­che­nes Glas kippt ntim­mung

Zeu­gen schil­dern letz­ten Abend von Ger­da Bas­se – Tat­ver­däch­ti­ger war an­geb­lich be­trun­ken

Nordwest-Zeitung - - OLDENBURGER - VON MAR­CO SENG

Mie­ter Chris­ti­an I. soll die Lee­ra­ner Mil­lio­nä­rin bru­tal ge­tö­tet ha­ben. Fünf Leu­te sa­ßen am Tisch im Ga­le­rie-Ca­fé.

AURI012LEER – Ger­da Bas­se ist sau­er, als Chris­ti­an I. das Glas zer­dep­pert. „So je­mand brau­che ich nicht, der kann ge­hen“, ze­tert die Mil­lio­nä­rin vor Gäs­ten in ih­rem Ga­le­rieCa­fé in Leer-Bingum. Ger­da Bas­se hat nur noch we­ni­ge St­un­den zu le­ben. Spä­ter in der Nacht wird sie bru­tal ge­tö­tet. Ver­mut­lich von Chris­ti­an I. Es ist der 21. Ok­to­ber 2016.

Zwei Zeu­gen schil­dern am Don­ners­tag im Land­ge­richt Au­rich den ver­häng­nis­vol­len Abend. Ein Leh­rer­paar aus Bingum, Be­kann­te von Bas­se, die im Ga­le­rie-Ca­fé mit am Tisch sa­ßen. Die Be­fra­gung dau­ert St­un­den. Es kommt auf Klei­nig­kei­ten an.

„Die At­mo­sphä­re war sehr fröh­lich“, sagt der Zeu­ge. Kein Streit, kei­ne Vor­wür­fe, kei­ne Dro­hun­gen. Bis auf die Epi­so­de mit dem zer­bro­che­nen Glas. Da ha­be Bas­se auf dem Weg in die Kü­che lei­se ge­schimpft. Auch mit Vo­ka­beln, die den Gäs­ten nicht ge­fal­len. „Dann ha­ben wir sie aber be­ru­higt“, sagt der Zeu­ge. Nichts deu­tet auf ei­nen töd­li­chen Aus­gang hin.

Die bei­den Zeu­gen kom­men an die­sem Abend eher zu­fäl­lig mit der Ga­le­ris­tin und ih­rem Mie­ter Chris­ti­an I. ins Ge­spräch, ob­wohl sie zu­min­dest Bas­se schon ei­ni­ge Zeit ken­nen. Im über­schau­ba­ren Bingum gibt es kein an­de­res Lo­kal. Wer nicht nach Leer fah­ren will, geht ins Ga­le­rieCa­fé, ein um­ge­bau­ter Stall.

Die bei­den Leh­rer sind mit ei­ner Freun­din ver­ab­re­det. Bas­se winkt sie an den run­den Tisch in der Mit­te. Die fünf un­ter­hal­ten sich rund ei­ne St­un­de lang. Chris­ti­an I. er­zählt, dass er Mu­si­ker sei, auf Ibi­za ge­lebt ha­be. Der Zeu­ge be­schreibt den Tat­ver­däch­ti­gen als „freund­lich, höf­lich, elo­quent“.

Chris­ti­an I. hört auf der An­kla­ge­bank fast reg­los zu. Dun­kel­grau­er Ger­da Bas­se wur­de in ih­rem Ca­fé ge­tö­tet.

An­zug, die an­ge­grau­ten Haa­re zum Pfer­de­schwanz ge­bun­den.

„Die bei­den wa­ren sicht­lich be­trun­ken“, er­zählt die Zeu­gin. „Wie be­trun­ken?“, will der Rich­ter wis­sen. Chris­ti­an I. ha­be beim Ge­hen ge­schwankt, er­in­nert sich die Zeu­gin. „Und die Aus­spra­che war auch nicht im­mer ganz deut­lich“.

Der Gut­ach­ter will es noch ge­nau­er wis­sen. Man ver­sam­melt sich am Rich­ter­tisch, be­trach­tet Bil­der von Sekt­fla­schen, ei­nigt sich auf Rot­käpp­chen, wahr­schein­lich tro­cken, han­dels­üb­lich. Zwei lee­re Fla­schen stan­den un­ter dem Tisch im Ga­le­rie-Ca­fé. Ger­da Bas­se trank Rot­wein.

Chris­ti­an I. greift zur Gi­tar­re, spielt Kla­vier, singt. Es wird ge­re­det und ge­trun­ken. Bis das Glas zer­bricht.

Da wol­len die drei Gäs­te ge­hen, weil sie aus Er­fah­rung wis­sen, wann bei Ger­da Bas­se die Stim­mung kippt, wann sie aus­fal­lend und zor­nig wer­den kann – und es Schimpf­wör­ter ha­gelt.

Sie ha­be sich ver­folgt ge­fühlt we­gen ih­res Gel­des, er­zählt der Zeu­ge. Und schlecht be­han­delt, wenn die Ge­schäf­te nicht gut lie­fen. Auch Gäs­ten und Be­die­nun­gen trau­te sie wohl nicht im­mer.

Der Zeu­ge hilft Bas­se noch, ei­ne Ma­trat­ze für die Nacht be­reit­zu­le­gen. Die Ga­le­ris­tin und Chris­ti­an I. wol­len im Ca­fé über­nach­ten, weil sie zu be­trun­ken sind, um mit dem Au­to nach Leer zu fah­ren. „Er schläft heu­te bei mir“, soll Bas­se ge­sagt ha­ben. Freun­de oder Paar? „Ich bin nicht da­von aus­ge­gan­gen, dass da ei­ne Be­zie­hung ist“, sagt die Zeu­gin.

Ei­ne Ge­fahr für die Mil­lio­nä­rin wit­tern bei­de Zeu­gen nicht, als sie zu­sam­men mit der an­de­ren Frau ge­gen 23 Uhr das Ca­fé ver­las­sen. „Es war nicht so, dass wir uns Sor­gen ge­macht ha­ben.“

Was dann pas­siert, ist un­klar. Die Staats­an­walt­schaft wirft Chris­ti­an I. vor, Ger­da Bas­se mit ei­nem Mes­ser die lin­ke Hals­schlag­ader auf­ge­schnit­ten und mit ei­nem Bar­ho­cker mehr­fach bru­tal auf sie ein­ge­schla­gen zu ha­ben. Bis die 66-Jäh­ri­ge tot ist. Ver­blu­tet. Ih­re Lei­che wur­de erst ein hal­bes Jahr spä­ter in ei­nem Wald­stück bei Ham­burg ge­fun­den.

Chris­ti­an I. ist we­gen Tot­schlag an­ge­klagt. Zur Halb­zeit des Pro­zes­ses sind noch vie­le Fra­gen of­fen. Zum Bei­spiel, wo­her die vie­len Zi­ga­ret­ten­kip­pen im Ca­fé ka­men. Chris­ti­an I. ist an­geb­lich Nicht­rau­cher. Und laut der Zeu­gen wa­ren sie am 21. Ok­to­ber nicht da. Auch das Mo­tiv des Tat­ver­däch­ti­gen bleibt un­klar.

BILD: ARCHIV

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