A 20-Geg­ner kri­ti­sie­ren Mi­nis­ter

Nordwest-Zeitung - - OLDENBURGER LAND -

IM NORD­WES­TEN/LL – Mit Un­ver­ständ­nis re­agiert .usan­ne Gru­be aus Wes­ter­ste­de (Am­mer­land) aut die ÄuHe­run­gen von Nie­der­sach­sens Ver­kehrs­mi­nis­ter Olat Lies (.an­de) zum Bau der Küs­ten­au­to­bahn A20. Der .PD-Po­li­ti­ker hat­te das Ver­kehrs­pro­jekt im Ge­spräch mit der Ð ge­gen Kri­tik ver­tei­digt und als enorm wich­tig tür die wirt­schatt­li­che Ent­wick­lung der ge­sam­ten Re­gi­on her­aus­ge­stellt.

Gru­be, .pre­che­rin der Initia­ti­ve „Am­mer­län­der Bür­ger ge­gen die A20“und Mit­glied im „Ko­or­di­na­ti­ons­kreis der Initia­ti­ven ge­gen die A20“, sieht das völ­lig an­ders. „Doch, Herr Lies, das Ver­kehrs­pro­jekt A 20 muss grund­sätz­lich in­tra­ge ge­stellt wer­den“, be­tont die A 20-Geg­ne­rin. Im­mer­hin han­de­le es sich bei der A20 um das „um­welt­schäd­lichs­te Pro­jekt des ge­sam­ten Bun­des­ver­kehrs­we­ge­plans“. Der Nut­zen im Ver­gleich zu den Kos­ten sei „mi­se­ra­bel“. „Die Ver­schwen­dung von .teu­er­gel­dern tür ein Pro­jekt mit groHem .cha­den und mar­gi­na­lem Nut­zen geht uns al­le an“, meint Kri­ti­ke­rin Gru­be.

Wo an­de­re lie­ber fern­blei­ben, hält sich Ma­this Trei­ber gern auf. Er ist ein Lost Place Hun­ter – und im­mer auf der Su­che nach span­nen­den Mo­ti­ven.

HARPSTEDT/GANDERKESEE – Ks ist stock­dus­ter. Die Ori­en­tie­rung tällt schwer. Der Bo­den knarzt. Wo­hin jetzt? Ma­this Trei­ber weiH, wo es lang geht. .ei­ne Ka­me­ra hält er test um­klam­mert, im­mer be­reit tür ei­nen .chnapp­schuss und be­son­de­re Mo­ti­ve. In dem ver­win­kel­ten Ge­bäu­de kennt sich der 18-jäh­ri­ge Gan­der­ke­se­er aus. Er ist ein Ur­ban Ex­plo­rer, auch Lost Place Hun­ter ge­nannt – ein Jä­ger ver­lo­re­ner Or­te. .eit meh­re­ren Jah­ren schon ist der jun­ge Mann aut der .uche nach ver­las­se­nen Plät­zen mit be­son­de­rer Ge­schich­te und Aus­strah­lungs­kratt.

Nur noch Über­res­te

Die ehe­ma­li­ge Lutt­mu­ni­ti­ons­an­stalt Harpstedt (Mu­na) ist so ein Ort. Einst wur­de dort Mu­ni­ti­on tür die Flug­ab­wehr und die In­tan­te­rie pro­du­ziert. Da­zu ka­men Ab­wurt­be­häl­ter tür den Ein­satz durch die Lutt­wat­te. In der Nach­kriegs­zeit wur­de das Ge­län­de un­ter an­de­rem durch die Bun­des­wehr, die Nie­der­län­di­schen .treit­krät­te und die U. Ar­mee ge­nutzt.

Wat­ten gibt es hier schon län­ger nicht mehr, seit En­de der 1990er Jah­re wird die Mu­na nicht mehr mi­li­tä­risch ge­nutzt. Vor mehr als zehn Jah­ren tand sich ein pri­va­ter Käu­ter tür das nun gröH­ten­teils trei zu­gäng­li­che Are­al.

Die Bäu­me spen­den .chat­ten, hier und da ver­steckt sich ein al­tes Wach­häus­chen. Am Ein­gang der ehe­ma­li­gen Werk­statt-Ba­ra­cke hängt ein .child: „Dies ist ein Übungs­haus der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Harpstedt. .ie kön­nen und dür­ten es ger­ne be­tre­ten. Bit­te ver­las­sen .ie es so, wie .ie es vor­ge­tun­den ha­ben“steht dar­aut.

Ein Ko­dex, an den sich auch Ma­this Trei­ber hält. „Ver­las­se die Or­te im­mer so, wie du sie vor­ge­tun­den hast“, sagt er. Nichts mit­neh­men, nichts ver­än­dern, mög­lichst nur FuH­spu­ren hin­ter­las­sen (Ta­ke not­hing but pic­tu­res, lea­ve not­hing but toot­prints) lau­tet die De­vi­se der Ur­ban Ex­plo­rer.

Lost Place Hun­ter blei­ben meist un­ter sich – im In­ter­net, in Fo­ren, in so­zia­len Netz­wer­ken. Man tauscht sich aus über ver­las­se­ne Or­te, die nicht je­der tin­den soll – auch zum .chutz vor Van­da­lis­mus – oder ver­ab­re­det sich zu Tret­ten. Trei­ber nutzt das In­ter­net aber „haupt­säch­lich tür die Re­cher­che über die Ge­schich­te ver­las­se­ner Or­te“, sagt er.

.ei­ne Urbex-Lei­den­schatt be­gann vor ei­ni­gen Jah­ren bei ei­nem Fa­mi­li­en­aust­lug nach Hu­de. Als er die ab­ge­sperr­te al­te Ver­zin­ke­rei sah, war sie plötz­lich da, die Neu­gier­de. „Was ist da wohl drin? Wo­tür wur­de das Ge­bäu­de mal ge­nutzt, wie sah es mal aus?“Fra­gen, die ihn im­mer wie­der auts Neue mo­ti­vie­ren, ge­heim­nis­vol­le Or­te aut­zu­su­chen.

Aut ein .chrei­ben, ob ei­ne Füh­rung in der Ver­zin­ke­rei mög­lich wä­re, hat der Ei­gen­tü­mer bis­lang nicht re­agiert. Leicht­sin­nig wird der jun­ge Mann des­we­gen nicht. „Ist ein Ort ge­sperrt, be­tre­te ich ihn nicht“, sagt er. Nur we­nig spä­ter be­sucht Trei­ber zum ers­ten Mal die Mu­na – ein .chlüs­sel­er­leb­nis. .eit­dem kommt er öt­ter hier­her – lang­wei­lig wird es nie. „Man ent­deckt viel Neu­es und sieht, wie sich das Ge­län­de ver­än­dert“, sagt er.

.tück­tür.tück­holt­sich­die Na­tur das Are­al zu­rück. Löch­ri­ge .ta­chel­draht­zäu­ne, in de­nen Äs­te hän­gen, ver­gilb­te .chil­der mit kaum noch les­ba­rer Aut­schritt und ver­las­se­ne Häu­ser. Auch der Van­da­lis­mus hat hier lei­der Ein­zug ge­hal­ten. Vie­le Ge­bäu­de sind mit Grat­ti­ti be­schmiert, Elek­tro­nik aus .chalt­käs­ten her­aus­ge­ris­sen, Tü­ren mut­wil­lig geött­net wor­den. Von an­de­ren Ge­bäu­den er­kennt man nur noch Über­res­te.

„Man­che tei­ern hier Par­tys“, sagt Trei­ber und är­gert sich über die .ach­be­schä­di­gung. „Da konn­te man letz­tes Mal noch rein­ge­hen“, sagt er und zeigt aut ei­nen ver­las­se­nen Turm. In­zwi­schen sind die Ein­gän­ge zu­ge­schüt­tet und groHe Baum­stäm­me lie­gen da­vor. „Wahr­schein­lich hat der Ei­gen­tü­mer das

In sei­nem Ele­ment: Ma­this Trei­ber mit Ka­me­ra vor dem Funk­turm auf dem Mu­na-Ge­län­de. Die an­de­ren Bil­der zei­gen De­tails der ehe­ma­li­gen Luft­mu­ni­ti­ons­an­stalt.

zum .chutz ge­macht“, er­klärt Trei­ber. Beim Be­such ver­las­se­ner Or­te geht er aber im­mer aut Num­mer si­cher.

Nie al­lein un­ter­wegs

„Ich bin nie­mals al­lein un­ter­wegs. Wenn was pas­siert, ha­be ich je­man­den da­bei, der hel­ten kann.“Auch an öt­tent­lich zu­gäng­li­chen Plät­zen ist er vor­sich­tig. Un­über­sicht­li­che La­ge, mög­li­che Ge­tah­ren? „Dann ge­he ich da bes­ser nicht rein.“

Oh­ne Au­to ist es tür den Be­ruts­schü­ler schwer, zu wei­ter ent­tern­ten Lost Pla­ces zu ge­lan­gen. Ein wei­te­res Pro­blem: „Vie­le Or­te sind nicht trei zu­gäng­lich“, sagt Trei­ber. Haus­trie­dens­bruch möch­te er nicht be­ge­hen. Fest vor­ge­nom­men hat er sich aber ei­nen Be­such der Geis­ter­stadt Pry­pjat in der Oblast Kiew in der Ukrai­ne. .ie wur­de 1986 nach dem Atom­re­ak­tor­un­glück (Tscher­no­byl) ge­räumt. In­zwi­schen wer­den Er­leb­nis­rei­sen dort­hin an­ge­bo­ten. „.ehr be­drü­ckend, aber ver­dammt span­nend“, sagt Trei­ber. Wenn er ver­las­se­ne Or­te be­sucht, möch­te er nicht nur Bil­der ma­chen, „son­dern et­was über die Ge­schich­te ler­nen, rich­tig ein­tau­chen“.

Dass die­se Lei­den­schatt ir­gend­wann mal nach­lässt, glaubt er nicht. „Ich bin ein­tach neu­gie­rig.“.pä­ter ein­mal kön­ne er sich vor­stel­len, in Berlin zu le­ben. „Ein Pa­ra­dies tür Lost Place Hun­ter.“Und ir­gend­wann – hottt Trei­ber – „klappt es auch mit der Ver­zin­ke­rei“. Bil­der­stre­cke und 9ideo un­ter @ @ Die al­te Werk­statt-Ba­ra­cke ist frei zu­gäng­lich

Beim „Urb­ex­ing“

ist die recht­li­che Ei­n­ord­nung oft schwie­rig, sagt Rechts­an­walt Jörg Im­feld aus Müns­ter. Be­tre­ten Lost Place Hun­ter aber ab­ge­sperr­te Ge­bie­te – auch wenn die­se nicht of­fen­sicht­lich ab­ge­grenzt sind, oder Zäu­ne, To­re etc. Durch­schlup­fe bie­ten oder mut­wil­lig ge­öff­net wur­den – so be­ge­hen sie Haus­frie­dens­bruch und müs­sen mit ei­ner Straf­an­zei­ge rech­nen. Wer die­se Ge­bie­te be­tre­ten möch­te, soll­te sich vom Ei­gen­tü­mer ei­ne schrift­li­che Er­laub­nis ho­len. Ist die­ser nicht mehr er­mit­tel­bar, ist das Be­tre­ten den­noch nicht ein­fach so er­laubt.

Auch öf­fent­lich

zu­gäng­li­che 8rte dür­fen laut Im­feld nicht ein­fach be­tre­ten wer­den, denn es blei­be frem­des Ei­gen­tum. „Hin­weis­schil­der war­nen zum Teil“, sagt er. Bei Haus­frie­dens­buch kön­ne un­ter Um­stän­den der Un­fal­lund Kran­ken­ver­si­che­rungs­schutz ent­fal­len. Soll­te es zu Stür­zen oder ähn­li­chem beim Be­tre­ten der Grund­stü­cke oder Ge­bäu­de kom­men, so kön­ne die 9er­si­che­rung den Schutz ver­wei­gern. Das Mit­füh­ren von Waf­fen und ge­fähr­li­chen Ge­gen­stän­den (auch schwe­re Ta­schen­lam­pen) kann nach § 244 StGB straf­bar sein, wenn je­mand et­was steh­len möch­te.

BIL­DER: SOBRI.O WE.DT BILD: WE.DT

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