Gab es „An­ge­bot“für Über­läu­fe­rin?

Ex-Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin Twes­ten sorgt für Spe­ku­la­ti­on – Land­tags­frak­tio­nen be­ra­ten heu­te über Neu­wahl

Nordwest-Zeitung - - VORDERSEITE - VON GUNARS REICHENBACHS, BÜ­RO HAN­NO­VER

Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil (SPD) for­dert ei­ne ra­sche Ent­schei­dung. Ein ge­mein­sa­mer An­trag scheint mög­lich.

HAN­NO­VER – Mit­ten in der nie­der­säch­si­schen Re­gie­rungs­kri­se hei­zen Spe­ku­la­tio­nen über die Mo­ti­ve der Grü­nen­Über­läu­fe­rin El­ke Twes­ten, die zur CDU wech­selt, die Ge­rüch­te­kü­che an. Wur­de der Hin­ter­bänk­le­rin von der Uni­on et­was ver­spro­chen, da­mit die Ein­stim­men-Mehr­heit von Rot/Grün im Land­tag kippt? CDU-Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler und CDUSpit­zen­kan­di­dat Bernd Al­t­hus­mann wei­sen den Ver­dacht zu­rück. Tat­säch­lich er­klär­te Twes­ten schon im Ju­ni am Rand der Land­tags­sit­zung ge­gen­über­de­mPar­la­men­ta­ri­schen Ge­schäfts­füh­rer der Grü­nen-Frak­ti­on, Hel­ge Lim­burg, wört­lich: „Ich ha­be ein un­mo­ra­li­sches An­ge­bot der CDU.“Das be­stä­tig­te Lim­burg der Ð. „Ich ha­be Twes­ten mei­nen Rat an­ge­bo­ten“, er­gänzt Lim­burg. Sie sei ge­knickt ge­we­sen we­gen ih­rer Nicht-No­mi­nie­rung durch die Grü­nen im Wahl­kreis für die nächs­te Land­tags­wahl.

Und auch ge­gen­über dem frü­he­ren Land­tags­prä­si­den­ten Rolf Wern­stedt (SPD, 77) äu­ßer­te sich Twes­ten noch an die­sem Mitt­woch wort­i­den­tisch. „Sie war tief ent­täuscht über ih­re La­ge“, sag­te Wern­stedt, der sich ak­tu­ell in Ita­li­en auf­hält, der Ð. Wern­stedt ver­such­te noch am Mitt­woch­abend, Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) zu in­for­mie­ren. Weil er­fuhr von dem Ge­spräch aber erst am Don­ners­tag­vor­mit­tag.

Die Spit­zen al­ler Land­tags­frak­tio­nen tref­fen sich am heu­ti­gen Mon­tag mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil, um den Weg zu ra­schen Neu­wah­len aus­zu­lo­ten. Denk­bar ist ein ge­mein­sa­mer An­trag zur Selbst­auf­lö­sung des Land­tags. Mög­li­cher Wahl­ter­min: Der 24. Sep­tem­ber, der Tag der Bun­des­tags­wahl. P

Er­folg­te der Über­tritt der Grü­nen-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten we­ni­ger aus Ge­wis­sens­grün­den denn aus hand­fes­ten ma­te­ri­el­len In­ter­es­sen her­aus? Äu­ße­run­gen der Über­läu­fe­rin le­gen den Ver­dacht na­he. Wer ein „un­mo­ra­li­sches An­ge­bot der CDU“ge­gen­über Ge­sprächs­part­nern ein­räumt, öff­net die Tü­ren weit für Spe­ku­la­tio­nen. Die 54-Jäh­ri­ge selbst gibt frank und frei zu, in der CDU Kar­rie­re ma­chen zu wol­len. Als „Be­rufs­po­li­ti­ke­rin“. Was im­mer sich hin­ter die­ser du­bio­sen Be­zeich­nung ver­birgt. Ab­war­ten, wie groß der Ju­bel an der CDU-Ba­sis aus­fällt. Oder in der CDU-Land­tags­frak­ti­on. Wen möch­te Twes­ten ver­drän­gen oder be­er­ben? Und: Von wem kam das An­ge­bot? Da be­steht noch viel Auf­klä­rungs­be­darf.

Man­che po­li­ti­sche Er­fah­rung spricht da­für, dass El­ke Twes­ten erst aus den Schlag­zei­len und dann aus dem po­li­ti­schen Schein­wer­fer­licht ver­schwin­den wird. Als Epi­so­de der nie­der­säch­si­schen Ge­schich­te. Als Ab­ge­ord­ne­te, die da­für sorg­te, dass ei­ne Land­tags­wahl um ein paar Wo­chen vor­ge­zo­gen wer­den muss­te. Sons­ti­ge Leis­tun­gen der Hin­ter­bänk­le­rin dür­fen noch nicht ein­mal in Rand­no­ti­zen auf­tau­chen.

Viel wich­ti­ger: Wel­chen neu­en Wahl­ter­min neh­men? Vie­les spricht für die Zu­sam­men­le­gung mit der kom­men­den Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber. Das spart Geld und Res­sour­cen. Tra­di­tio­nell er­le­ben Bun­des­tags­wah­len die höchs­te Wahl­be­tei­li­gung. Es kä­me ei­ner par­al­le­len Land­tags­wahl zu­gu­te.

Die gro­ßen Par­tei­en si­gna­li­sie­ren be­reits Zu­stim­mung. Nie­der­sach­sens CDU-Spit­zen­kan­di­dat Bernd Al­t­hus­mann könn­te von der Po­pu­la­ri­tät der Kanz­le­rin pro­fi­tie­ren. In der SPD ist die Wut groß, dass Rot/Grün durch ei­ne Über­läu­fe­rin ge­platzt ist. Über die Mo­bi­li­sie­rung der Ba­sis braucht sich die SPD-Par­tei­zen­tra­le in den nächs­ten Wo­chen des­halb kei­ne Ge­dan­ken zu ma­chen.

Aber schaf­fen klei­ne Par­tei­en die dop­pel­te Kraft­an­stren­gung? Wohl eher nicht. Es ge­hört zur po­li­ti­schen Fair­ness, ih­re Ein­wän­de ernst zu neh­men.

@ Den Au­tor er­rei­chen Sie un­ter Reichenbachs@in­fo­au­tor.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.