Die Sam­mel­kla­ge muss her

Im Die­sel-Skan­dal kön­nen sich Ver­brau­cher nicht auf Po­li­tik ver­las­sen

Nordwest-Zeitung - - MEINUNG -

Die Au­to­in­dus­trie ist mit ih­rem Be­trug in Deutsch­land bis­her un­ge­scho­ren da­von­ge­kom­men. Die Kos­ten tra­gen die Ver­brau­cher, de­ren Die­sel an Wert ver­lie­ren und wo­mög­lich bald mit ei­nem Fahr­ver­bot rech­nen müs­sen. In ei­ner un­glaub­li­chen Gleich­gül­tig­keit dem Ver­brau­cher ge­gen­über hat Alex­an­der Do­brindt (CSU), Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter von Horst See­ho­fers Gna­den, die Sa­che beim Die­sel­gip­fel in Ber­lin ge­gen die Wand ge­fah­ren.

Mehr als ein Soft­ware-Up­date hat­ten die Kon­zer­ne nicht zu bie­ten.

Ver­kauf­te dre­cki­ge Die­sel müss­ten statt­des­sen bau­lich so nach­ge­rüs­tet wer­den, dass sie im Re­al­be­trieb die Grenz­wer­te ein­hal­ten. Wenn da­für teu­re tech­ni­sche Ein­bau­ten not­wen­dig sind, müss­ten die Her­stel­ler die­se Au­tos auf ih­re Kos­ten ver­kehrstaug­lich ma­chen. An­dern­falls dürf­ten die­se Au­tos je­den­falls nicht in die In­nen­stadt. Tech­nisch ist die Nach­rüs­tung bei vie­len jün­ge­ren Fahr­zeu­gen mach­bar. Doch da­zu müss­ten die Kon­zer­ne im Kopf um­par­ken – und vor al­lem be­reit sein, mehr Geld in die Hand zu neh­men für den von ih­nen ver­ur­sach­ten Scha­den: um­rüs­ten statt in ho­möo­pa­thi­schen Do­sen hei­len.

Doch die Po­li­tik lässt sie ge­wäh­ren. Und das hat Tra­di­ti­on. Als En­de 2015 er­kannt wur­de, dass VW bei Ab­gas­wer­ten

be­tro­gen hat, wur­de Ak­tio­nis­mus vor­ge­täuscht. Auf den po­li­ti­schen Wil­len zur Ver­zö­ge­rung folg­te der po­li­ti­sche Wil­le zu groß­zü­gi­ge­ren Mess­wer­ten. Neue Re­geln soll­ten die In­dus­trie nicht über­for­dern. Schließ­lich hat­te aber längst die Pro­fit­gier die Kon­zer­ne zur Ein­füh­rung der Ab­schalt­ein­rich­tung der Mess­wer­te mo­ti­viert. Der Die­sel­gip­fel in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat aber auch deut­lich ge­macht, dass die Po­li­tik als Kon­troll­or­gan der Au­to­bau­er ver­sagt. Die Kon­zer­ne ha­ben den Kun­den­dienst „Rei­ni­gung“an­ge­for­dert, und der hat brav „ge­lie­fert“. Denn selbst beim Gip­fel hat die In­dus­trie mit der Po­li­tik das ge­macht, was sie seit Jah­ren tut: Die po­li­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­ger mit ei­ner hoch­mü­ti­gen Her­ab­las­sung be­trach­ten. Die Po­li­tik als ver­län­ger­te Werk­bank der In­dus­trie. So geht das nicht wei­ter.

Die Glo­ba­li­sie­rung der Au­to­in­dus­trie muss in ei­ne Glo­ba­li­sie­rung der Straf­ver­fol­gung in Deutsch­land münden. Die Kun­den ha­ben durch­aus die Mög­lich­keit, Ge­währ­leis­tungs­an­sprü­che gel­tend zu ma­chen. Und die Jus­tiz kann die Au­to­bau­er we­gen vor­sätz­li­cher Ver­brau­cherTäu­schung be­lan­gen. Doch das dau­ert. Und des­halb brau­chen wir in Deutsch­land die Mög­lich­keit der Sam­mel­kla­ge. Und hier schließt sich der Kreis: Das wuss­te die Po­li­tik bis­her im In­ter­es­se der Kon­zer­ne zu ver­hin­dern.

Ein Soft­ware-Up­date ist ei­ne wei­te­re Schum­mel-Soft­ware. Es müs­sen Hard­wareLö­sun­gen her. Die Die­selKun­den wol­len kei­ne Wert­ver­lus­te ih­rer Fahr­zeu­ge hin­neh­men, und sie kön­nen sich nicht kurz­fris­tig mal eben ein neu­es sau­be­res Au­to leis­ten. Den Au­to­fah­rern geht es nicht um die Zu­kunfts­fä­hig­keit ei­ner gan­zen Bran­che, ih­nen geht um die ei­ge­ne mo­bi­le Zu­kunfts­fä­hig­keit.

Ein Au­to­händ­ler aus Es­sen hat den Skan­dal kürz­lich in ei­nem In­ter­view mit NDRIn­fo auf den Punkt ge­bracht: „Die Her­stel­ler ha­ben uns Händ­ler be­schis­sen und die Kun­den ver­arscht.“Genau­so ist das. Schluss da­mit.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.