Be­trof­fen über „Nie­der­tracht“

Über­läu­fe­rin Twes­ten em­pört über Grü­ne – De­bat­te um Neu­wahl-Ter­min für Land­tag

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON GUNARS REACHENBACHS, BÜ­RO HAN­NO­VER

Der Über­tritt zur CDU löst 3ut­re­ak­tio­nen aus. Die S5D spricht von „Miss­ach­tung“.

HAN­NO­VER – Nie ee­le­fon­dräh­te glü­hen. Seit dem Pau­ken­schlag am Frei­tag, dem Über­tritt der Grü­nen-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten El­ke Twes­ten (54) zur CDU, löst ein Kri­sen­ge­spräch das nächs­te ab. Wie hand­lungs­fä­hig bleibt der Land­tag nach dem Ver­lust der rot-grü­nen Ko­ali­ti­ons­mehr­heit von ei­ner Stim­me? Der Wunsch nach mög­lichst schnel­len Neu­wah­len – for­mu­liert im Schock der ers­ten St­un­den – kris­tal­li­siert sich auch am Wo­che­n­en­de bei SPD, Grü­nen, CDU und FDP her­aus. „Wir wol­len jetzt Neu­wah­len“, lässt vor al­lem Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil in ei­nem Brief an al­le SPDMit­glie­der kei­nen Zwei­fel an dem Ent­schluss, dem Wäh­ler das Ur­teil über die Lan­des­kri­se zu über­las­sen. Der meist­ge­nann­te Ter­min: 24. Sep­tem­ber, zeit­gleich mit der Bun­des­tags­wahl. Die Land­tags­ju­ris­ten ha­ben be­reits grü­ne Licht ge­ge­ben: „Mach­bar“.

Die Al­ter­na­ti­ve, dass sich CDU-Spit­zen­kan­di­dat Bernd Al­t­hus­mann im Zu­ge ei­nes Miss­trau­ens­vo­tums mit Hil­fe der FDP zum neu­en Mi­nis­ter­prä­si­den­ten wäh­len lässt, ma­chen die Li­be­ra­len nicht mit. „Das wür­de das Cha­os nur noch per­fekt ma­chen“, sagt FDP-Frak­ti­ons­chef Chris­ti­an Dürr im Ge­spräch mit die­ser Zei­tung. Sei­ne Frak­ti­on ma­che „kei­ne wei­te­ren Wech­sel­spiel­chen mit“, be­tont der Ab­ge­ord­ne­te aus Gan­der­ke­see. Die For­de­rung, dass Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) we­gen des par­la­men­ta­ri­schen Macht­ver­lus­tes zu­rück­tre­ten sol­le, nennt Dürr „zweit­ran­gig“. „Es gibt nur ein Ziel: Den Land­tag mög­lichst schnell auf­lö­sen und Neu­wahl“, sagt

Dürr, der al­len­falls noch über die 25 Mil­lio­nen Eu­ro für die Op­fer des letz­ten Hoch­was­sers im Land­tag be­ra­ten will. Im üb­ri­gen rät der FDP-Spit­zen­po­li­ti­ker dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten drin­gend, an­ge­sichts des Schei­terns von Rot/Grün und sei­ner un­glück­li­chen Fi­gur in der VW-Kri­se auf ei­ne Kan­di­da­tur „als SPD-Spit­zen­kan­di­dat zu ver­zich­ten“.

Der FDP-Frak­ti­ons­chef legt Wert auf die Fest­stel­lung, dass es im Vor­feld des Twes­tenWech­sels zur CDU „kei­ne Ge­sprä­che zwi­schen ihr und der FDP“ge­ge­ben ha­be. Tat­säch­lich gab es in FDP-Krei­sen am Mitt­woch aber schon ein dif­fu­ses Gerau­ne.

Twes­ten selbst gibt sich scho­ckiert, über die Re­ak­tio­nen nach ih­ren Aus­tritt bei den Grü­nen. „Nie­der­träch­tig, zu­tiefst be­lei­di­gend und mensch­lich un­an­stän­dig“, emp­fin­det die Ab­ge­ord­ne­te aus Ro­ten­burg/Wüm­me die

Kom­men­ta­re von ehe­ma­li­gen Par­tei­freun­den. „Aufs Schärfs­te“weist Twes­ten in ei­ner per­sön­li­chen Er­klä­rung vom Sonn­tag be­son­ders den Ver­dacht zu­rück, sie ha­be sich von der CDU „kau­fen“las­sen oder sei Teil ei­ner „In­tri­ge“(Weil). Doch Twes­ten selbst hat min­des­tens zwei­mal in ver­trau­li­chen Ge­sprä­chen von ei­nem „un­mo­ra­li­schen An­ge­bot der CDU“ge­spro­chen. Jetzt spricht sie von „Un­ter­stel­lun­gen“und „Le­gen­den­bil­dung“. Zu­min­dest mit CDU-Frak­ti­ons­chef Björn Thüm­ler stand sie „seit dem Früh­jahr“, wie Thüm­ler selbst be­stä­tigt, in ei­nem en­gen Aus­tausch. Dass Twes­ten in der CDU Kar­rie­re ma­chen will, gibt die Ex-Grü­ne, die im ei­ge­nen Wahl­kreis in der Par­tei ge­schei­tert ist, zu. Sie möch­te auch in Zu­kunft „Be­rufs­po­li­ti­ke­rin“blei­ben, be­tont die 54Jäh­ri­ge – even­tu­ell mit Bun­des­tags­oder Eu­ro­pa­man­dat.

Bei der CDU na­tür­lich. Nicht nur bei den Grü­nen ist die Wut groß über die Über­läu­fe­rin.

War­um die frau­en­po­li­ti­sche Spre­che­rin aus­ge­rech­net zur Män­ner­par­tei CDU wech­selt, kann nicht nur die Ol­den­bur­ger Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­te Su­san­ne Men­ge nicht ver­ste­hen. SPD-Frak­ti­ons­che­fin Jo­han­ne Mod­der (Bun­de) spricht von ei­ner „gro­ben Miss­ach­tung des Wäh­ler­wil­lens“. Der Über­tritt zur CDU sei „ver­ant­wor­tungs­los“und „un­de­mo­kra­tisch“, zürnt Mod­der, die ver­mu­tet, dass der Über­lauf „of­fen­bar von lan­ger Hand im Hin­ter­zim­mer zum Scha­den der De­mo­kra­tie vor­be­rei­tet“wor­den sei.

Bei der SPD löst die Ko­ali­ti­ons­kri­se aber auch ei­ne Trotz­re­ak­ti­on aus. „Jetzt erst recht“, heißt es bei vie­len Mit­glie­dern, sagt Den­nis Roh­de vom SPD-Be­zirks­vor­stand We­ser-Ems im Ge­spräch mit

die­ser Zei­tung. „Mo­ti­va­ti­ons­pro­ble­me ha­ben wir kei­ne für den Bun­des­tags- und jetzt auch Land­tags­wahl­kampf“, er­gänzt Roh­de.

Aber klappt der 24. Sep­tem­ber? Der Par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­rer der Grü­nen-Land­tags­frak­ti­on, Hel­ge Lim­burg, hegt Zwei­fel. Der Grü­nen-Po­li­ti­ker fürch­tet, dass vor al­lem klei­ne Par­tei­en kla­gen könn­ten ge­gen den en­gen Zeit­rah­men. Und soll­ten Rich­ter den Ar­gu­men­ten fol­gen, „dann hät­ten wir erst recht ein Cha­os“, gibt Lim­burg im Ge­spräch mit die­ser Zei­tung zu be­den­ken. „Wir wis­sen noch nicht, ob es beim 24. Sep­tem­ber bleibt“, sagt auch Re­gie­rungs­spre­che­rin An­ke Pörk­sen am Sonn­tag. Die recht­li­chen und tat­säch­li­chen Ab­läu­fe müss­ten zu­erst von der Lan­des­wahl­lei­te­rin ge­klärt wer­den. Erst dann kön­ne ei­ne Ent­schei­dung fal­len.

DPA-BILD: STEF­FEN

Stürz­te Nie­der­sach­sen in die Kri­se: Die ehe­ma­li­ge Grü­nen Po­li­ti­ke­rin El­ke Twes­ten ver­än­der­te durch ih­ren Über­tritt die Mehr­heits­ver­hält­nis­se. Rot/Grün ver­lor die Mehr­heit.

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