Hard­ro­cker fei­ern im Schlamm

Ver­an­stal­ter von Wa­cken Open Air rund­um zu­frie­den – 75 000 Be­su­cher

Nordwest-Zeitung - - KULTUR - VON OLI­VER BECKHOFF

In Wa­cken be­gann am Sonn­tag das gro­ße Auf­räu­men. Po­li­zei und Ret­tungs­diens­te spra­chen von ei­nem weit­ge­hend fried­li­chen Fest.

WA­CKEN – Wie ein Schlei­er liegt am Sonn­tag­mor­gen noch ein schwe­rer Duft über den Wie­sen und dem Fes­ti­val­ge­län­de des „Wa­cken Open Air“. So muss es in ei­nem mit­tel­al­ter­li­chen La­ger ge­ro­chen ha­ben: nach Es­sens­res­ten, Un­rat und al­ler­lei Un­de­fi­nier­ba­rem. Es ist die na­tür­li­che Fol­ge, wenn 75 000 Gäs­te ein Dorf für meh­re­re Ta­ge zur dritt­größ­ten Stadt Schles­wig-Hol­steins ma­chen.

Weil es zum Fes­ti­val-Er­leb­nis ge­hört, den hy­per­sen­si­blen Ge­ruchs­sinn ab­zu­le­gen, der sich ein­stellt, wo Men­schen sich im All­tag den Lu­xus täg­li­chen Du­schens, funk­tio­nie­ren­der Ab­was­ser­sys­te­me und lü­cken­lo­ser Ab­fall­ent­sor­gung leis­ten kön­nen, tritt der Duft ge­fühlt wie­der stär­ker in Er­schei­nung, so­bald das Fes­ti­val-Spek­ta­kel be­en­det ist. „Am drit­ten Tag ist mir al­les egal. Kör­per­hy­gie­ne, was

war das noch mal?“, sin­gen die Spaß-Me­tal­ler der Band J.B.O. in der Nacht zu Sonn­tag zum Ab­schied ih­re Fes­ti­valHym­ne „Wa­cken ist nur ein­mal im Jahr.“Im Pu­bli­kum ken­nen fast al­le den Text: „Scheiß drauf, Wa­cken ist nur ein­mal im Jahr.“

Wäh­rend die letz­ten Fes­ti­val­be­su­cher die Au­to­bah­nen des Um­lands ver­stop­fen, sam­meln Ga­bel­stap­ler Bau­zäu­ne ein, wer­den die schein­bar zahl­lo­sen Kunst­stoff-Toi­let­ten­häus­chen ge­putzt, ge­hen Mit­ar­bei­ter ei­nes Land­schafts­bau-Be­triebs auf den Wie­sen auf Müll­su­che. Wo am Vor­tag Ali­ce Cooper wie ein

Der­wisch über die Büh­ne feg­te, sor­gen Tech­ni­ker und ein Kran da­für, dass von den Haupt­büh­nen bald nur noch Ge­rip­pe üb­rig­blei­ben.

Wie im­mer – das be­tont die Po­li­zei – war es auch 2017 in Wa­cken wie­der fried­lich. Et­wa 1600 Mal muss­ten Fes­ti­val­be­su­cher bis Sams­tag­nach­mit­tag von den rund 700 ein­ge­setz­ten Ret­tungs­kräf­ten be­han­delt wer­den. Die Po­li­zei er­fass­te rund 175 Straf­ta­ten – die meis­ten da­von Dieb­stäh­le. Ge­gen­über dem Vor­jahr ha­be sich die Zahl kör­per­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen um mehr als die Hälf­te – von 20 auf acht Fäl­le – re­du­ziert.

„In Kur­bä­dern muss man viel, viel Geld für Schlamm­pa­ckun­gen be­zah­len, das ist hier al­les all-in“, scherzt Wa­ckenMit­grün­der Tho­mas Jen­sen am Sams­tag über das nach Re­gen­schau­ern auf­ge­weich­te Ge­län­de. Die Be­su­cher re­agier­ten sport­lich: mit Schlit­ten, auf Luft­ma­trat­zen und nack­ter Haut schlit­ter­ten sie durch die trü­be Brü­he oder gin­gen mit Bier­do­sen als Kö­der „Schlamm-An­geln“.

Und ir­gend­wie scheint die gan­ze Zeit je­mand da­bei zu sein, der nicht mehr lebt: Lem­my Kil­mis­ter, 2015 ge­stor­be­ner Front­mann der Band Motörhead. Ob „Me­talQueen“Do­ro Pesch, die 2018 ihr 35. Büh­nen­ju­bi­lä­um in Wa­cken fei­ern will, oder der 69-jäh­ri­ge Ali­ce Cooper: Bands und So­lis­ten er­in­nern an Lem­my oder spie­len Co­ver­ver­sio­nen sei­ner Songs. Zum Ab­schluss ruft Jen­sen von der Büh­ne da­zu auf, Lem­mys In­ter­pre­ta­ti­on des Da­vi­dBo­wie-Klas­si­kers „He­roes“mit­zu­sin­gen, als die­se auf ei­ner Vi­deo-Lein­wand ab­ge­spielt wird: „So laut, dass Lem­my uns hö­ren kann.“Tau­sen­de stim­men ein.

Ins­ge­samt spiel­ten rund 150 Bands auf dem dies­jäh­ri­gen Wa­cken Open Air.

DPA-BILD: IMA­GO STOCK&PEOP­LE

Fans der här­te­ren Mu­sik ha­ben dem Re­gen ge­trotzt und Wa­cken wie­der zum Er­folg ge­macht.

BILD: CHRIS­TO­PHE GA­TEAU

Feg­te wie ein Der­wisch über die Büh­ne: der US-ame­ri­ka­ni­sche Schock-Ro­cker Ali­ce Cooper

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