Wenn Pflan­zen Sex ha­ben ...

Bio­lo­gin klärt im Bo­ta­ni­schen Gar­ten auf

Nordwest-Zeitung - - STADT OLDENBURG - VON LENA MA­RIE BRINKMANN

OL­DEN­BURG – „Wenn un­schul­di­ge See­len, um durch ei­ge­nes Stu­di­um wei­ter­zu­kom­men, bo­ta­ni­sche Lehr­bü­cher in die Hand neh­men, so konn­ten sie nicht ver­ber­gen, dass ihr sitt­li­ches Ge­fühl be­lei­digt sei“, echauf­fier­te sich Goe­the einst.

Am Sonn­tag be­gab sich Dr. Ma­ria Will, Bio­lo­gin an der Carl-von-Os­sietz­ky-Uni­ver­si­tät Ol­den­burg, mit ei­ner Viel­zahl un­schul­di­ger See­len auf ei­ne Rei­se durch Zeit und Flo­ra. Die Fra­ge lau­te­te da un­ver­blümt: Ha­ben Blu­men Sex? Ge­sucht wur­de die Ant­wort hier­auf je­doch nicht in bo­ta­ni­schen Lehr­bü­chern, son­dern im Bo­ta­ni­schen Gar­ten.

Hier klärt Will auf: Blü­ten sind so­wohl weib­lich als auch männ­lich. Die Staub­blät­ter ent­spre­chen dem männ­li­chen, die Frucht­blät­ter dem weib­li­chen Ge­schlecht. Um die­se Er­kennt­nis an­schau­lich zu ma­chen, über­trug Carl von Lin­né in sei­nem Werk „Sys­te­ma Na­tu­rae“(1735) die Kon­stel­la­ti­on in der Blü­te auf die der Ehe.

Ei­ne Blü­te mit ei­nem Frucht- und sechs Staub­blät­tern ent­spre­che ei­nem Ehe­bett, in dem ei­ne Frau im Krei­se ei­nes hal­ben Dut­zends Män­ner lie­ge. Huch! Ein Af­front ge­gen das Kon­zept der Mo­no­ga­mie, „auf wel­che Sit­te, Ge­setz und Re­li­gi­on ge­grün­det sind“(so Goe­the wei­ter). Lin­né hat­te sei­ner­zeit ein Klas­sen­sys­tem ent­wi­ckelt. Die Klas­se ist nach An­zahl der männ­li­chen Staub­blät­ter be­nannt, die Un­ter­klas­se nach der An­zahl der weib­li­chen Frucht­blät­ter.

Sal­via sclarea, so der la­tei­ni­sche Ge­nau un­ter die Lu­pe ge­nom­men: Sal­via sclarea (Sal­bei) Na­me des Sal­b­eis, ge­hört dem­nach in die Klas­se „Di­an­dria Mo­no­gy­mia“. Da (in die­sem Fal­le tat­säch­lich wie beim Men­schen) die Fort­pflan­zung mit dem ver­wand­ten Sa­men­gut evo­lu­tio­när ei­ni­ge Nach­tei­le birgt, sind die Blü­ten auf hel­fen­de In­sek­ten an­ge­wie­sen. Trotz des scho­nungs­lo­sen Auf­klä­ren­wol­lens führt die Ent­de­ckungs­rei­se al­so wie­der zum Ur­sprung – ganz im Sin­ne Goe­thes: Bi­en­chen und Blüm­chen.

Eben­falls im 18. Jahr­hun­dert mach­te ein Laie der Bo­ta­nik in­ter­es­san­te Be­ob­ach­tun­gen: Chris­ti­an Kon­rad Spren­gel stell­te fest, dass In­sek­ten die Pol­len trans­por­tie­ren und so die Frucht­blät­ter frem­der Blü­ten be­fruch­ten. „Das ent­deck­te Ge­heim­nis der Na­tur“lau­tet der Ti­tel sei­nes 1793 er­schie­ne­nen Werks und gleich­zei­tig auch die Ver­an­stal­tung im bo­ta­ni­schen Gar­ten.

Spren­gels Be­ob­ach­tun­gen lie­fer­ten fas­zi­nie­ren­de Er­kennt­nis­se. Die Blü­ten der

Pflan­zen sind oft­mals durch Far­be, Grö­ße und Form auf die ge­wünsch­ten tie­ri­schen Pol­len­bo­ten ab­ge­stimmt. At­trak­tiv – möch­te man in die­sem Kon­text sa­gen.

Die Blü­te des Sal­b­eis be­dient sich ei­nes be­son­ders raf­fi­nier­ten Tricks: Um an den Nekt­ar zu ge­lan­gen, muss das In­sekt ei­nen He­bel­me­cha­nis­mus aus­lö­sen. Den be­gehr­ten Nekt­ar freu­dig kos­tend be­merkt die Bie­ne nicht, dass das an­de­re En­de des He­bels wohl por­tio­nier­ten Blü­ten­staub auf ih­rem Rü­cken ent­leert. Aber: Pssst! – Was die Bie­ne nicht weiß, macht sie nicht heiß.

Und so ha­ben al­le ei­nen Nut­zen: Die Frucht­blät­ter ih­re Pol­len, die Bie­nen ih­ren Nekt­ar und die Men­schen ern­ten Früch­te. Eben die­se – Erd­bee­ren – ver­teilt Will an ih­re Gäs­te, samt dem Wis­sen des­sen, dass die Erd­bee­re zu den Sam­mel­nuss­früch­ten ge­hört. Die ,Nüs­se’ sind die gel­ben Pünkt­chen auf der Frucht.

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