„Är­ger der Au­to­fah­rer ist be­rech­tigt“

Mi­nis­ter­prä­si­dent und VW-Auf­sichts­rats­mit­glied Ste­phan Weil im In­ter­view

Nordwest-Zeitung - - HINTERGRUND - VON LARS RECKERMANN, ALEX­AN­DER WILL UND HANS BEGEROW

FRA­GE: Herr Mi­nis­ter­prä­si­dent, in den Um­fra­gen für die Land­tags­wahl liegt die SPD weit hin­ter CDU und FDP. Es könn­te sein, dass Sie ab No­vem­ber Op­po­si­ti­ons­füh­rer und nicht mehr Mi­nis­ter­prä­si­dent sind? ÖEIL: Ab­war­ten. Wir ha­ben ja wil­de Ta­ge hin­ter uns. Und so et­was ha­be ich per­sön­lich noch nicht er­lebt. Vor die­sem Hin­ter­grund bin ich von den Um­fra­ge­zah­len durch­aus an­ge­tan. Dass die SPD sta­bil ist und so­gar zu­ge­legt hat, ist er­freu­lich. Und dass ich der­je­ni­ge bin, dem die Nie­der­sach­sen mit Ab­stand das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten am meis­ten zu­trau­en, freut mich auch. Das macht mir Mut und wir sind jetzt erst am An­fang des Wahl­kampfs. FRA­GE: +hr Ko­ali­ti­ons­part­ner schwä­chelt in den Um­fra­gen, das Er­geb­nis von 2013 scheint für die 1rü­nen nicht wie­der­hol­bar. WEIL: Als SPD-Lan­des­vor­sit­zen­der ma­che ich mir vor al­lem Ge­dan­ken über mei­ne Par­tei. Und für die SPD in Nie­der­sach­sen se­he ich durch­aus noch Luft nach oben. Erst kommt die Bun­des­tags­wahl, und am 24. Sep­tem­ber star­tet die zwei­te Hälf­te des Wahl­kampfs. Ab­ge­rech­net wird am En­de. FRA­GE: Ste­hen Sie denn als Op­po­si­ti­ons­füh­rer 2ur 3er­fü­gung? WEIL: Dar­über ha­be ich mir einst­wei­len noch kei­ne Ge­dan­ken. FRA­GE: 4ür­den Sie denn noch ein­mal ei­ne Ko­ali­ti­on mit ei­ner Stim­me Mehr­heit bil­den? WEIL: Ja. Wir ha­ben vier­ein­halb Jah­re Nie­der­sach­sen gut vor­an­ge­bracht. Die­se Er­fah­rung wird nicht ent­wer­tet, nur weil kurz vor Tores­schluss ei­ne Ab­ge­ord­ne­te auf­grund ei­ner ein­sa­men und sehr per­sön­lich mo­ti­vier­ten Ent­schei­dung die La­ger ge­wech­selt hat. Ich war mit der Zu­sam­men­ar­beit mit den Grü­nen im­mer zu­frie­den, üb­ri­gens bis Frei­tag auch mit der Zu­sam­men­ar­beit mit Frau Twes­ten, da gab es nie Är­ger. FRA­GE: Ha­ben Sie mit Frau 5wes­ten ge­spro­chen? WEIL: Nein. Ehr­lich ge­sagt, hat­te ich seit Frei­tag an­de­re Din­ge zu tun. Die Ent­schei­dung muss sie auch selbst ver­ant­wor­ten. Ich schaue nach

vorn. Ich will die Wah­len ge­win­nen. FRA­GE: 4omit wol­len Sie die 4ah­len ge­win­nen, was sind +hre 5he­men? WEIL: Mei­ne The­men sind die Her­aus­for­de­run­gen in der Ge­sell­schaft. Ich möch­te zu ei­ner ge­büh­ren­frei­en Bil­dung kom­men. Das fängt bei den Ki­ta­Ge­büh­ren an, die wir ab­schaf­fen wol­len. Auch die kos­ten­freie Meis­ter­aus­bil­dung ist zu nen­nen. Noch gibt es zahl­rei­che Be­rufs­aus­bil­dun­gen, für die ge­zahlt wer­den muss. Das soll sich än­dern. FRA­GE: 4er soll das be2ah­len? WEIL: Das Land. Wir ha­ben ja den Lan­des­haus­halt sa­niert. Zum ers­ten Mal seit 70 Jah­ren nimmt das Land kei­ne neu­en Schul­den auf. FRA­GE: 1ibt es wei­te­re 5he­men? WEIL: Wir wol­len die In­fra­struk­tur vor­an­brin­gen. Das gilt für den Ver­kehr wie für die Breit­band­net­ze. Wir müs­sen über­all zum Gi­ga­bit-Be­reich kom­men. Zur In­fra­struk­tur zäh­len auch die Kran­ken­häu­ser. Die Lan­des­re­gie­rung hat be­reits ein 3,5-Mil­li­ar­den-In­ves­ti­ti­ons­pa­ket ge­schnürt.

Ins­be­son­de­re möch­te ich, dass die At­trak­ti­vi­tät des länd­li­chen Raums ge­stei­gert wird. Des­halb ha­ben wir ein ÖPNVPro­gramm ent­wi­ckelt, da­mit jun­ge Leu­te im länd­li­chen Raum kos­ten­frei mo­bil blei­ben kön­nen. FRA­GE: Da­für wer­den Sie Part­ner brau­chen. 4er­den Sie im 6wei­fels­fall mit der Link­s­par­tei oder der CDU ko­alie­ren? WEIL: Ich lei­de nicht un­ter Au­schlie­ße­ri­tis, aber ich kämp­fe für ei­ne star­ke SPD und die Fort­set­zung der rot­grü­nen Ko­ali­ti­on. FRA­GE: 5hema 34. 4ar­um ist das vom Land mit­kon­trol­lier­te Un­ter­neh­men 2ur Skan­dal­nu­del der deut­schen 7uto­in­dus­trie ge­wor­den? WEIL: Die Skan­da­le bei VW ha­ben mit Verlaub ih­re Ur­sa­che nicht in der Lan­des­be­tei­li­gung. Bei zahl­rei­chen füh­ren­den In­dus­trie­un­ter­neh­men in Deutsch­land, an

de­nen die öf­fent­li­che Hand nicht be­tei­ligt ist, wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eben­falls Skan­da­le auf­ge­deckt. Kei­ne Fra­ge: Die­sel­ga­te ist ei­ner der größ­ten Scha­dens­fäl­le in der deut­schen Wirt­schafts­ge­schich­te. Ge­ra­de die Lan­des­ver­tre­ter sind es üb­ri­gens, die bei der Auf­klä­rung Druck ge­macht ha­ben. FRA­GE: 8et2t kann man doch nicht so tun, als wenn das Land das al­les auf­ge­klärt hat. Das Land kon­trol­liert mit und hat von die­sen Skan­da­len nichts mit­be­kom­men. WEIL: Ich bin seit 2013 im Auf­sichts­rat von VW. Die­se Vor­gän­ge sind von den Auf­sichts­gre­mi­en über Jah­re fern­ge­hal­ten wor­den, auch zu Zei­ten mei­ner Vor­gän­ger. Dass das mög­lich war, ist in der Tat ein Pro­blem in­ner­halb der Or­ga­ni­sa­ti­ons­kul­tur. FRA­GE: 4as hal­ten Sie von dem 3or­schlag von 8us­ti2mi­nis­ter Heiko Maas, die 9oni der:eni­gen 2u kap­pen, die das ver­ant­wor­tet ha­ben? WEIL: Aus tie­fer Kennt­nis der Ma­te­rie weiß ich, dass das leich­ter ge­sagt als ge­tan ist. Ich bin da­für, al­le Haf­tungs­mög­lich­kei­ten zu nut­zen. Wir müs­sen sol­che An­sprü­che aber auch durch­set­zen kön­nen. Dar­an wird ge­ar­bei­tet. FRA­GE: 4o2u braucht man ei­ne Staats­be­tei­li­gung an ei­nem sol­chen S;stem? WEIL: An der Be­tei­li­gung des Lan­des an VW will die ge­sam­te Po­li­tik in Nie­der­sach­sen fest­hal­ten. VW ist das größ­te deut­sche In­dus­trie­un­ter­neh­men, das größ­te in Eu­ro­pa. Al­lein in Nie­der­sach­sen be­schäf­tigt Volks­wa­gen rund 100 000 Mit­ar­bei­ter. Volks­wa­gen spielt als In­no­va­ti­ons­mo­tor ei­ne her­aus­ra­gen­de Rol­le im Land. Kurz ge­sagt: Das Land hat ein ho­hes In­ter­es­se an Volks­wa­gen. Es hat schon ver­schie­dent­lich Be­stre­bun­gen ge­ge­ben, Volks­wa­gen zu zer­schla­gen. Wir sind da in ei­ner Wäch­ter­rol­le. Des­halb: Volks­wa­gen soll er­folg­reich und sau­ber sein. FRA­GE: 4as wür­den Sie denn :eman­dem sa­gen, der ei­nen mas­si­ven 4ert­ver­lust für sein Die­sel­fahr2eug rea­li­sie­ren und 2usät2lich Fahr­ver­bo­te be­fürch­ten muss? WEIL: Dass die Be­trof­fe­nen wirk­lich je­den be­rech­tig­ten Grund zum Är­ger ha­ben, liegt auf der Hand. Volks­wa­gen hat mas­si­ve Feh­ler ge­macht. Es ist jetzt die Pflicht der Au­to­mo­bil­in­dus­trie, Volks­wa­gen ein­ge­schlos­sen, da­für zu sor­gen, dass die­se Kun­den un­ein­ge­schränkt fah­ren kön­nen. Hier wird die In­dus­trie hart ar­bei­ten und lie­fern müs­sen. Die Um­tausch­prä­mie ist da­für ein gu­ter Schritt nach vorn. FRA­GE: 4ie ha­ben Sie auf die Die­sel-7bgas­af­fä­re re­agiert? Sind Sie aus der Haut ge­fah­ren? WEIL: In­ner­halb des Auf­sichts­ra­tes und auch in der Öf­fent­lich­keit ha­be ich deut­li­che Wor­te ge­fun­den ha­be. Und der Auf­sichts­rat hat sehr schnell und kon­se­quent ei­ne scho­nungs­lo­se Auf­klä­rung ein­ge­lei­tet. FRA­GE: Hät­ten Sie nicht kla­rer nach au<en po­si­tio­nie­ren müs­sen, sa­gen= Mir reicht es :et2t? WEIL: Ich ha­be auch nach au­ßen im­mer sehr klar ge­sagt, dass ei­ne Ma­ni­pu­la­ti­on von Emis­si­ons­tests völ­lig un­ak­zep­ta­bel und durch nichts zu recht­fer­ti­gen ist, dass die Vor­fäl­le schnell und gründ­lich auf­ge­klärt wer­den müs­sen und es in Zu­kunft selbst­ver­ständ­li­cher An­spruch des VWKon­zerns sein muss, die ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten ein­zu­hal­ten. Auch in der seit Sonn­tag viel­dis­ku­tier­ten Re­gie­rungs­er­klä­rung von Mit­te Ok­to­ber 2015 spre­che ich von Ma­ni­pu­la­tio­nen, von Ent­set­zen, von schwe­ren Feh­lern und Män­geln in der Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur. Ich ha­be mich in­tern noch um ei­ni­ges kri­ti­scher mit Volks­wa­gen aus­ein­an­der­ge­setzt, als in der Öf­fent­lich­keit – was nicht im­mer al­len bei Volks­wa­gen ge­fal­len hat. FRA­GE: Ha­ben Sie die 3or­wür­fe we­gen der 7bspra­che mit 34 ge­trof­fen? WEIL: Man muss wis­sen, dass die­se Vor­wür­fe wi­der bes­se­res Wis­sen er­ho­ben wur­den. Die Op­po­si­ti­on im Land­tag war seit ei­nem Jahr de­tail­liert dar­über in­for­miert, dass wir mei­ne Re­gie­rungs­er­klä­rung Volks­wa­gen zu­ge­lei­tet hat­ten, um recht­li­che und fach­li­che Feh­ler aus­zu­schlie­ßen. Da­mals ha­ben die Ver­tre­ter der Op­po­si­ti­on kei­nen An­lass ge­se­hen, die Sa­che wei­ter zu pro­ble­ma­ti­sie­ren prü­fen und uns kor­rek­tes Han­deln at­tes­tiert. Un­ter den­sel­ben Be­din­gun­gen wür­de ich mich wie­der genau­so ver­hal­ten. In so ei­ner Si­tua­ti­on kann der Mi­nis­ter­prä­si­dent nicht ein­fach drauf­los­re­den. Schlimms­ten­falls geht es um Tau­sen­de von Ar­beits­plät­zen.

>Die 9il­dung im Land Nie­der­sach­sen soll ge­büh­ren­frei sein. Das fängt bei den Ki­ta-1ebüh­ren an, die wir ab­schaf­fen wol­len?

BILD: TORS­TEN VON REEKEN

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (2. von links) im In­ter­view mit c-Chef­re­dak­teur Lars Reckermann, Po­li­tik­chef Hans Begerow und dem Lei­ter des News­desk, Alex­an­der Will (von links).

BILD: TORS­TEN VON REEKEN

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil er­läu­ter­te, war­um Volks­wa­gen so wich­tig für Nie­der­sach­sen ist.

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