Schwe­re der Schuld

Nordwest-Zeitung - - MEINUNG -

Der Mör­der wird mit le­bens­lan­ger Frei­heits­stra­fe be­straft. So steht es im Straf­ge­setz­buch. Vor fast ge­nau 40 Jah­ren hat sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit der Fra­ge be­fasst, ob die­se Straf­zu­mes­sungs­re­gel mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist.

Die­se Fra­ge hat das Ge­richt be­jaht, al­ler­dings mit ei­ner Ein­schrän­kung: Grund­sätz­lich müs­se ei­nem ver­ur­teil­ten Mör­der die Chan­ce ein­ge­räumt wer­den, „je wie­der der Frei­heit teil­haf­tig zu wer­den“. Das ge­hö­re zu den Vor­aus­set­zun­gen ei­nes men­schen­wür­di­gen Straf­voll­zugs. Dar­aus ist die 15-Jah­re-Re­gel ent­stan­den. Da­nach kann auch ei­ne le­bens­lan­ge Frei­heits­stra­fe zur Be­wäh­rung aus­ge­setzt wer­den, wenn 15 Jah­re ver­büßt sind und „nicht die be­son­de­re Schwe­re des Schuld“ei­ne vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung ver­bie­tet.

Magnus Gäf­gen, der Mör­der des Frank­fur­ter Ban­kiers­sohns Ja­kob von Metz­ler, hat ei­nen An­trag auf vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung ge­stellt. Gäf­gen hat­te den Ban­kiers­sohn im Sep­tem­ber 2002 ent­führt, ge­tö­tet und da­nach ver­sucht, von den El­tern sei­nes Op­fers Lö­se­geld zu er­pres­sen, um sei­nen auf­wän­di­gen Le­bens­stil fi­nan­zie­ren. Nach sei­ner Fest­nah­me hat­te er den Ein­druck er­weckt, sein Op­fer sei noch am Le­ben. Da er sich wei­ger­te, das Ver­steck preis­zu­ge­ben, und die Er­mitt­ler ein ums an­de­re Mal in die Ir­re führ­te, hat­te der da­ma­li­ge Po­li­zei­prä­si­dent mit Fol­ter ge­droht. Nach der Ver­ur­tei­lung zu ei­ner le­bens­lan­gen Frei­heits­stra­fe hat­te Gäf­gen vom Land Hes­sen we­gen der Fol­ter­an­dro­hung ei­ne Ent­schä­di­gung von 3000 Eu­ro erstrit­ten.

Da das Land­ge­richt Frankfurt in sei­nem Straf­ur­teil die be­son­de­re Schwe­re der Schuld fest­ge­stellt hat, ist je­den­falls jetzt mit ei­ner vor­zei­ti­gen Haft­ent­las­sung nicht zu rech­nen. Gleich­wohl wird sich die Jus­tiz mit die­sem Fall auch in ab­seh­ba­rer Zu­kunft be­schäf­ti­gen müs­sen. Auch wenn ein An­trag auf vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung ab­ge­lehnt wor­den ist, kann ein Mör­der spä­tes­tens nach zwei Jah­ren ei­nen er­neu­ten An­trag stel­len. Die­se Mög­lich­keit wird Gäf­gen sich nicht ent­ge­hen las­sen.

Denn kaum ein Mör­der hat die Öf­fent­lich­keit nach sei­ner Ver­ur­tei­lung so be­schäf­tigt wie Magnus Gäf­gen. Vor al­lem sei­ne Kla­ge auf Schmer­zens­geld we­gen der an­geb­lich er­lit­te­nen Fol­ter­qua­len und der An­trag auf Zu­las­sung ei­ner ge­mein­nüt­zi­gen Magnus-Gäf­gen-Stif­tung mit dem Ziel der Hil­fe für ju­gend­li­che Ver­bre­chens­op­fer sind im­mer wie­der in Zu­sam­men­hang ge­bracht wor­den mit sei­nem un­ge­heu­ren Gel­tungs­be­dürf­nis, das letzt­lich zu dem furcht­ba­ren Ver­bre­chen ge­führt hat.

Die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer, die sich mit dem An­trag auf vor­zei­ti­ge Haft­ent­las­sung zu be­fas­sen hat, wird es nicht leicht ha­ben. Hat Gäf­gen sich wirk­lich zwi­schen­zeit­lich ge­än­dert? Oder ist er im­mer noch der kalt­her­zi­ge und gel­tungs­süch­ti­ge Straf­tä­ter? Ei­ne Ant­wort dar­auf könn­te vi­el­leicht sein Buch „Al­lein mit Gott – der Weg zu­rück“ge­ben. Chris­ti­an Rath, rechts­po­li­ti­scher Kor­re­spon­dent der „Ta­ges­zei­tung“be­rich­tet da­zu, kri­ti­sche Le­ser hät­ten dem 215-Sei­ten-Werk vor al­lem ein Über­maß an Selbst­mit­leid at­tes­tiert.

Selbst­mit­leid dürf­te wohl kein Grund sein, ei­ne Haft­ent­las­sung in die We­ge zu lei­ten.

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