Auf 25 M t rn Erinn rung an Schr ck n d s Kri g s

Sa­ra­je­vos „Tun­nel des Le­bens“heu­te ein Mu­se­um – 1425 Ta­ge Be­la­ge­rung

Nordwest-Zeitung - - REISE - VON PHIL­IPP LAA­GE

SA­RA­JE­VO – Wo ein­mal der Tod durch Scharf­schüt­zen lau­er­te, hän­gen heu­te Blu­men­käs­ten vor den Fens­tern. Vie­le Häu­ser sind frisch ge­stri­chen, Ro­sen blü­hen in den Vor­gär­ten. Schup­pen, Ge­wächs­häu­ser, Wä­sche­lei­nen: die be­schau­li­che Idyl­le der Pe­ri­phe­rie. Die schma­le Stra­ße führt zu ei­nem un­schein­ba­ren Ort, oh­ne den es Sa­ra­je­vo heu­te so nicht ge­ben wür­de.

Der „Tun­nel des Le­bens“war wäh­rend der Be­la­ge­rung Sa­ra­je­vos durch bos­nisch-ser­bi­sche Mi­li­zen die ein­zi­ge Ver­bin­dung der mus­li­mi­schen Be­völ­ke­rung zur Au­ßen­welt. Er führ­te un­ter dem Flug­ha­fen hin­durch. Auf die­sem Weg ge­lang­ten Waf­fen, Mu­ni­ti­on, Me­di­zin und Le­bens­mit­tel in die Stadt. Sol­da­ten und Be­woh­ner ka­men hin­ein und wie­der hin­aus.

Der Ein­gang zum Tun­nel jen­seits des Be­la­ge­rungs­rings lag im Kel­ler ei­nes Pri­vat­hau­ses im Vo­r­ort But­mir. Heu­te be­fin­det sich dort ein klei­nes Mu­se­um.

„Für vier Stan­gen Zi­ga­ret­ten konn­te man in der Stadt ein Fahr­rad kau­fen“, er­in­nert sich Jas­min Ha­s­a­no­vic, der Tou­ris­ten führt und die über­schau­ba­re Aus­stel­lung mit An­ek­do­ten be­lebt. Als die of­fi­zi­el­le Blo­cka­de der Stadt im Mai 1992 be­gann, war er zwölf Jah­re alt. Der Tun­nel er­laub­te gu­te Ge­schäf­te. Vor­ran­gig aber be­wahr­te er Sa­ra­je­vo vor dem Fall.

Der Hor­ror in nack­ten Zah­len: Im Schnitt feu­er­ten die Mi­li­zen täg­lich 329 Gra­na­ten auf die Stadt, an ei­nem Tag so­gar 3777. He­cken­schüt­zen tö­te­ten ge­zielt Zi­vi­lis­ten. Iden­ti­fi­ziert wur­den 11 541 To­te, da­von rund 1600 Kin­der. Sa­ra­je­vo war 1425 Ta­ge ein­ge­kes­selt, die längs­te Be­la­ge­rung ei­ner Stadt im 20. Jahr­hun­dert.

Der Tun­nel­bau be­gann un­ter größ­ter Ge­heim­hal­tung. Von bei­den Sei­ten wur­de ge­gra­ben. Vier Mo­na­te und vier Ta­ge schuf­te­ten die Bos­nia­ken un­ter Ta­ge, im Ju­li 1993 wur­de der Tun­nel er­öff­net. Ein Me­ter Brei­te, Hö­he 1,60 Me­ter, 800 Me­ter Län­ge. Noch 25 Me­ter des Tun­nels sind heu­te für Tou­ris­ten ge­öff­net.

All­zu lan­ge dau­er­te es nicht, bis die bos­nisch-ser­bi­schen Mi­li­zen von der Exis­tenz des Tun­nels wuss­ten und den Aus­gang un­ter Feu­er nah­men – doch die Ver­bin­dung wur­de nie ge­kappt. Im Ge­gen­teil: Der Tun­nel wur­de noch aus­ge­baut.

Die Ge­schich­te des Krie­ges ist heu­te ei­ne Säu­le des Tou­ris­mus in Sa­ra­je­vo, es gibt Füh­run­gen und Aus­stel­lun­gen. His­to­risch hat die Stadt aber auch sonst viel zu bie­ten: die os­ma­ni­sche Alt­stadt mit dem Ba­sar Bas­car­si­ja, Got­tes­häu­ser al­ler Welt­re­li­gio­nen auf engs­tem Raum, Fla­nier­mei­len aus der Zeit der ös­ter­rei­chisch-un­ga­ri­schen Mon­ar­chie.

@ sa­ra­je­vo-tou­rism.com Im „Tun­nel des Le­bens“: 25 Me­ter des einst 800 Me­ter lan­gen Schachts sind für Tou­ris­ten zu­gäng­lich.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.