„To­des­angst wer­de ich nicht los“

Dia­na Müll war als 19-Jäh­ri­ge Gei­sel in ent­führ­ter Luft­han­sa-Ma­schi­ne

Nordwest-Zeitung - - MEINUNG - VON ANDRE­AS HER­HOLZ, BÜ­RO BER­LIN

FRA­GE: Frau Müll, vor ge­nau 40 Jah­ren wur­de im Deut­schen Herbst die Luft­han­sa-Ma­schi­ne Lands­hut von pa­läs­ti­nen­si­schen Ter­ro­ris­ten ent­führt, um RAF-Mit­glie­der aus der Haft frei­zu­pres­sen. Sie wa­ren 11 Jah­re alt und geh2r­ten zu den 3ei­seln an 4ord und ent­gin­gen nur knapp dem Tod. Da­bei hät­ten Sie um ein Haar gar nicht im Flie­ger ge­ses­sen5 MÜLL: Wir wa­ren zu spät am Flug­ha­fen an die­sem Mor­gen. Ei­gent­lich war das Bo­ar­ding der Lands­hut schon ab­ge­schlos­sen. Die Tür der Ma­schi­ne war ei­gens für uns noch ein­mal ge­öff­net wor­den. Wir wa­ren ei­ne Grup­pe jun­ger ver­rück­ter Frau­en, die die Rei­se nach Mallor­ca ge­won­nen und uns dort erst ken­nen­ge­lernt hat­ten. Hät­ten wir die Ma­schi­ne nur ver­passt. Wir hat­ten wie die an­de­ren Pas­sa­gie­re auch ei­nen tol­len Ur­laub ge­habt. Die Stim­mung an Bord war gut und aus­ge­las­sen. Nach ei­ner St­un­de dann be­gann der blan­ke Hor­ror. Da hat noch nie­mand ge­ahnt, was uns noch für ei­ne Odys­see be­vor­steht. FRA­GE: Wie bli­cken Sie heu­te auf die­ses Mar­t6ri­um zu­rück7 MÜLL: Da herrsch­te fünf Ta­ge lang To­des­angst. An Bord herrsch­te Angst. Es wa­ren mehr als 50 Grad in der Ma­schi­ne. Das kann man sich über­haupt nicht vor­stel­len, was sich da ab­ge­spielt hat. Wir wa­ren im Kriegs­zu­stand. Wir hat­ten Durst und Hun­ger. Es gab ei­nen bes­tia­li­schen Gestank. Wir durf­ten die Toi­let­ten nicht be­nut­zen. Die Ter­ro­ris­ten hat­ten ge­droht, zu­nächst die Ma­schi­ne in Brand zu ste­cken und dann ei­ne Hand­gra­na­te hoch­ge­hen zu las­sen. Der Ge­dan­ke, dass ich erst bren­nen muss und dann al­les ganz schnell geht, war un­er­träg­lich. Da über­leg­te ich, wie ich es schaf­fen konn­te, dass sie mich vor­her er­schie­ßen. FRA­GE: Als die Ma­schi­ne bei ei­ner 8wi­schen­lan­dung in Du­bai nicht auf­ge­tankt wer­den soll­te, es­ka­lier­te die Si­tua­ti­on und Sie wä­ren bei­na­he vom Ter­ro­ris­ten Mahmud e9e­ku­tiert wor­den5 MÜLL: Die Stel­le an mei­ner Schlä­fe, die kal­te Be­rüh­rung

der Pis­to­le spü­re ich heu­te noch. Das wer­de ich nicht los. Kei­ne Chan­ce, das zu ver­ges­sen. Ich hat­te To­des­angst. Er hat ge­zählt. Bei neun hat­te ich mit mei­nem Le­ben ab­ge­schlos­sen. Bei zehn kam über Funk die Nach­richt vom To­wer: Stopp. Wir tan­ken auf! Dann wur­de mir schwarz vor Au­gen. Fast wä­re ich ohn­mäch­tig und von der Flug­zeug­tür aus der Ma­schi­ne ge­stürzt. Von da an weiß ich nicht mehr viel. FRA­GE: 4un­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt war nicht be­reit, mit den Ter­ro­ris­ten zu ver­han­deln, woll­te sich nicht er­pres­sen las­sen und in­haf­tier­te RAF-Mit­glie­der nicht ge­gen den ent­führ­ten Ar­beit­ge­ber­prä­si­den­ten Hanns Mar­tin Sch­le6er aus­tau­schen. Hat­ten Sie Hoff­nung auf ei­ne Ret­tung7 MÜLL: Na­tür­lich ha­ben wir uns im Stich ge­las­sen ge­fühlt. Wir hat­ten aber auch kei­ne In­for­ma­tio­nen von au­ßen. Der An­füh­rer der Ter­ro­ris­ten Mahmud hat uns im­mer wie­der er­klärt, dass sich kein Mensch da­für in­ter­es­sie­ren wür­de, was mit uns pas­siert und die Re­gie­rung uns op­fern, al­le Ul­ti­ma­ten ver­strei­chen las­sen wür­de. Wenn Sie das Tag für Tag hö­ren, glau­ben Sie in der Not ir­gend­wann auch dar­an. Na­tür­lich ha­ben wir ge­ahnt, dass die Re­gie­rung den Ter­ro­ris­ten nicht nach­ge­ben wür­de, und konn­ten es auch nach­voll­zie­hen. Aber ge­hofft hat­ten wir es schon. FRA­GE: Wie ha­ben Sie dann den Sturm der Ma­schi­ne und die 4efrei­ung der 3ei­seln durch die 3S31 in Mo­ga­di­schu er­lebt7 MÜLL: Da­von ha­be ich gar nicht so viel mit­be­kom­men. Ich war wie weg­ge­tre­ten vor Er­schöp­fung, stand un­ter Schock. Als ich zu mir kam, war die Ma­schi­ne schon fast leer. Mein Schock­zu­stand war so schlimm, dass ich dann noch in Mo­ga­di­schu ins Kran­ken­haus muss­te. FRA­GE: Wie geht es :hnen heu­te da­mit7 MÜLL: Heu­te geht es mir gut. Ich bin wie­der sta­bil. Gut, dass die Lands­hut jetzt nach Deutsch­land kommt und an die Er­eig­nis­se er­in­nert. Das ist ein Stück Zeit­ge­schich­te. Ich ha­be noch ei­ni­ge Kon­tak­te zu drei, vier an­de­ren Lands­hu­tPas­sa­gie­ren.

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