„Ner­ven be­hal­ten, ru­hig blei­ben“

Bernd Müh­len­beck war 33 Mo­na­te Gei­sel der pa­kis­ta­ni­schen Ta­li­ban

Nordwest-Zeitung - - MEINUNG - VON ALEX­AN­DER WILL

FRA­GE: 33 Mo­na­te in den Hän­den der Ta­li­ban. Wie wird man da­mit fer­tig? MÜH­LEN­BECK: In der Si­tua­ti­on muss man da­mit fer­tig wer­den, da hat man kei­ne Wahl. Ich hat­te vor der Ent­füh­rung noch ei­ne Si­cher­heits­aus­bil­dung bei der Welt­hun­ger­hil­fe. Es gab un­ter an­de­rem auch ei­ne Ent­füh­rungs­si­mu­la­ti­on, die im Nach­hin­ein be­trach­tet schon sehr stark am Ori­gi­nal war. Das hat sehr ge­hol­fen. Es wa­ren wert­vol­le Tipps da­bei: Ner­ven be­hal­ten. Ru­hig blei­ben. Du kannst so­wie­so nichts tun. Das ist auch so. Sie ha­ben da Leu­te mit Waf­fen und Hand­gra­na­ten um sich. Was will man da ver­su­chen? FRA­GE: Wie muss man sich das vor­stel­len? Wie geht so ei­ne Ent­füh­rung vor sich? MÜH­LEN­BECK: Wir wohn­ten mit fünf in­ter­na­tio­na­len Kol­le­gen zu­sam­men in ei­nem Haus in Mul­tan in Zen­tral­pa­kis­tan. In die­sem Haus wa­ren fünf Zim­mer, je­weils mit an­ge­schlos­se­nem Bad. An dem Tag war ich tags­über drau­ßen. Wir ha­ben mit lo­ka­len Part­ner­fir­men zu­sam­men­ge­ar­bei­tet, weil die bes­se­re Orts­kennt­nis­se ha­ben. Ich war um 18 Uhr wie­der rein­ge­kom­men, mein ita­lie­ni­scher Kol­le­ge Gio­van­ni kurz nach mir. Ich saß in mei­nem Zim­mer und ha­be mit mei­ner Frau geskypt. Wir hat­ten al­so bei­de die Ka­me­ras an. Ein Ord­ner mit Fo­tos lag aber auf dem Rech­ner über ih­rem Ka­me­ra­bild. Ich konn­te sie al­so nicht se­hen, aber sie mich. Dann wur­de es auf ein­mal laut im Haus. Ich konn­te mir zu­nächst kei­nen Reim dar­auf ma­chen.Ich­ha­be­dieTür­auf­ge­macht und auf den Flur ge­schaut. Da war aber nichts zu se­hen. Dann ha­be ich mich wie­der hin­ge­setzt. Da wur­de es wie­der laut, ich ha­be die Tür ge­öff­net, und da stan­den sie: Drei Leu­te. Ei­ner mit Ma­schi­nen­ge­wehr, ei­ner mit Ma­schi­nen­pis­to­le, ei­ner mit Pis­to­le. Ich weiß heu­te nicht mehr, ob die mas­kiert wa­ren. Sie wa­ren laut. Die schrien in Ur­du, der Lan­des­spra­che, zwi­schen­durch mal ein eng­li­sches Wort. Ich ha­be im­mer nur ver­stan­den: „Run­ter!“„Auf den Bo­den!“„Au­gen zu!“Ich ha­be die Hän­de hoch ge­nom­men und ge­sagt: „Kein Pro­blem! Kein Tö­ten. Kein Schie­ßen!“Ich ha­be mich lang­sam hin­ge­legt, und ha­ben mir die Hän­de auf den Rü­cken ge­fes­selt Ich dach­te, das ist ein Über­fall. Die neh­men sich den Com­pu­ter und das Han­dy vom Schreib­tisch, und dann sind die wie­der weg. Sie ha­ben mich dann um­ge­dreht, die Ho­se und die Schu­he aus­ge­zo­gen. Und da lag ich: in Un­ter­ho­se, So­cken und Pul­li. Den ha­ben sie mir spä­ter vom Leib ge­schnit­ten, und da­nach hieß es nur noch „Be­weg Dich!“Spä­tes­tens ab da wuss­te ich, dass das nicht nur ein Über­fall war.

FRA­GE: Und Ih­re Frau hat das al­les mit­an­ge­se­hen? MÜH­LEN­BECK: Ja. Wir ha­ben letz­tens noch dar­über ge­spro­chen. Sie sag­te, sie wuss­te über­haupt nicht, was sie da­von hal­ten soll­te. Das sei al­les so un­rea­lis­tisch ge­we­sen. Ich hat­te bei an­de­ren Ge­sprä­chen auch schon mal Quatsch ge­macht, so­dass sie dach­te, ich ver­al­be­re sie. Als sie schließ­lich aber die Ge­weh­re ge­se­hen hat, war sie sprach­los. Dann sei auf ein­mal Ru­he ge­we­sen. Ir­gend­wann kam je­mand, und hat den Rech­ner aus­ge­macht. Je­den­falls scho­ben die mich aus dem Haus und im Au­to lag schon mein ita­lie­ni­scher Kol­le­ge. Den hat­ten sie vor­her ge­holt.

FRA­GE: Wie ha­ben die sich dann ge­ou­tet? Wie ist es denn klar ge­wor­den, wo Sie sich be­fan­den?

MÜH­LEN­BECK: Das kam erst sehr viel spä­ter. Wir ha­ben na­tür­lich im­mer mal nach­ge­fragt. Am En­de ha­ben wir uns dann auf „Mu­ja­hed­din“ge­ei­nigt. Bei an­de­ren Ge­le­gen­hei­ten ha­ben sie ge­sagt, je­der Mu­ja­hed­din sei auch ein Ta­li­ban, aber nicht je­der Ta­li­ban ein Mu­ja­hed­din. Die wa­ren sehr gläu­big, be­te­ten fünf Mal amTag.

FRA­GE: Ha­ben die ver­sucht, Sie zu be­keh­ren? MÜH­LEN­BECK: Nicht di­rekt. Was sie ge­sagt ha­ben ist: „Wenn ihr frei seid, tut uns den Ge­fal­len und lest den Koran. Dann wer­det ihr fest­stel­len, das ist das ein­zi­ge Buch, das ihr über­haupt braucht.“Das sei der ein­zig wah­re Weg. FRA­GE: Und, ha­ben Sie den Koran ge­le­sen? MÜH­LEN­BECK: Ich ha­be den Koran ge­le­sen. Ich ha­be ihn dort auch schon ge­hört. Ein­mal ha­ben sie mir so ein klei­nes Ab­spiel­ge­rät ge­ge­ben, da war er in meh­re­ren Spra­chen drauf. Ich ha­be ihn mir in Deutsch und Eng­lisch an­ge­hört und da­mals schon fest­ge­stellt, dass die bei­den Ver­sio­nen sich un­ter­schie­den. Als ich dann zu Hau­se war, ha­be ich ihn hier auf Deutsch ge­le­sen. Ich be­hal­te mei­ne an­de­ren Bü­cher trotz­dem. Aber ich bin in die­ser Be­zie­hung to­le­rant. Ich kann mit Jehovas Zeu­gen oder Mos­lems an ei­nem Tisch sit­zen – da ha­be ich kein Pro­blem. Das war ei­ne Sa­che, die sie auch nicht ver­stan­den ha­ben. Die­se re­li­giö­se To­le­ranz. Das woll­ten sie auch nicht ver­ste­hen. Es gibt eben nur den Is­lam. Das ist der ein­zig wah­re Glau­be, und al­les an­de­re zählt ei­gent­lich nicht.

FRA­GE: Ih­re Frei­las­sung – wie lief das ab?

MÜH­LEN­BECK: Ein­mal hat­ten sie mich zum Te­le­fo­nie­ren mit­ge­nom­men. Da soll­te ich mich ge­gen­über je­man­dem am Te­le­fon iden­ti­fi­zie­ren. Der­je­ni­ge, der am an­de­ren En­de war, sprach zwar Deutsch, war aber kein Deut­scher. Der hat­te Fra­gen, und an de­nen konn­te ich se­hen, dass die­se Fra­gen von zu Hau­se ka­men. Der hat am Te­le­fon so­gar noch ge­sagt: „Du bist Groß­va­ter ge­wor­den.“Dann ka­men die ei­nes Mor­gens in den Raum und mach­ten mich los und sag­ten: „Wir brin­gen Dich zur af­gha­ni­schen Gren­ze.“Wir ha­ben ir­gend­wann an­ge­hal­ten, und ein Mit­tels­mann kam. Der war aus Kabul und hat­te das Geld da­bei. Dann ha­ben die sich in ein Haus ver­zo­gen und das Geld ge­zählt. Ich bin schließ­lich in das an­de­re Fahr­zeug ge­stie­gen, und dann ist der mit mir los. Al­les noch in der Bur­ka. Es ging mit­ten durch die Hü­gel Af­gha­nis­tans mit dem PKW. FRA­GE: Und da hat man Sie bei der Bot­schaft ab­ge­lie­fert? MÜH­LEN­BECK: Nein. Der end­gül­ti­ge Über­ga­be­punkt wur­de erst per Te­le­fon durch­ge­ge­ben. Bei ei­ner Tank­stel­le war es so­weit. Da stand ein Wa­gen, und das wa­ren Son­der­ein­satz­kräf­te der Bun­des­wehr. Das war wirk­lich wie im ame­ri­ka­ni­schen Film: Hel­me, Mi­kros, Ka­me­ras, schuss­si­che­re Wes­ten. Die wa­ren auf al­les vor­be­rei­tet. Wenn ich in Stü­cken ge­kom­men wä­re, hät­te die mich auch wie­der zu­sam­men­ge­flickt. Als ers­tes ha­ben sie mir auch so ei­ne schuss­si­che­re Wes­te um­ge­hängt. Ei­ner hat mich ab­ge­tas­tet und ge­fragt, ob ich et­was an mir hät­te, was ih­nen ge­fähr­lich wer­den könn­te. Im Au­to lag hin­ten ein Arzt, der mich gleich in­ter­viewt hat, ob ich Be­schwer­den ha­be. In die­sem Bun­des­wehr­camp dann war es wun­der­schön: Da gab es Kar­tof­feln und Rot­kohl und ein Stück Fleisch und ein Bier – und das Ge­spräch mit der Psy­cho­lo­gin, was ich erst nicht woll­te. Nach­her ha­be ich ge­dacht, scha­den kann das ja nicht. Dann ha­ben wir bis mor­gens halb fünf ge­ses­sen und ge­quatscht, ein­fach nur ge­quatscht. Das war gut. In Han­no­ver hat schließ­lich mei­ne Frau ge­war­tet. FRA­GE: Was hat Sie auf­recht­er­hal­ten ?

MÜH­LEN­BECK: Zum ei­nen war es der fes­te Glau­be, dass ich das schaf­fe. Für mich war das im­mer nur ei­ne Fra­ge der Zeit. Eben­so war es auch auf die­ser Sei­te. Mei­ne Frau hat auch zu je­der Zeit ge­wusst, dass ich nach Hau­se kom­me. Zum an­de­ren – und das hät­te ich von mir nicht er­war­tet – ich ha­be in die­ser Zeit auch ei­nen Weg zum Glau­ben ge­fun­den, zur Re­li­gi­on. Ich bin von Haus aus ka­tho­lisch, ha­be mich aber mit 15 oder 16 für Jahr­zehn­te dar­aus ge­löst. Es ist scha­de, dass man erst in sol­chen Si­tua­tio­nen wie­der dar­auf kommt. Das hat mir ge­hol­fen. Aber ich bin auch nach der Zeit da­bei ge­blie­ben, mich da­mit mehr zu be­schäf­ti­gen. Wenn ich früh zur Ar­beit fah­re, geht es 30 Ki­lo­me­ter durch Wäl­der und Fel­der. Dann den­ke ich oft: „Dan­ke, dass ich das al­les noch se­hen darf.“

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