„Wei­ter die Na­se vorn ha­ben“

Hu­bert Li­en­hard sieht die deut­sche Wirt­schaft in Fer­n­ost gut ver­tre­ten. Der Vor­sit­zen­de des Asi­en­pa­zi­fik-aus­schus­ses for­dert mehr Zu­sam­men­ar­beit mit Län­dern wie Ja­pan.

NWZ (Göppinger Kreisnachrichten) - - WIRTSCHAFT - Von Die­ter Kel­ler

Über man­geln­de Hil­fe der deut­schen Po­li­tik kann sich Hu­bert Li­en­hard als Vor­sit­zen­der des Asi­en-pa­zi­fik-aus­schus­ses der Wirt­schaft nicht be­kla­gen: Er hat die Kanz­le­rin und den Wirt­schafts­mi­nis­ter in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bei zahl­rei­chen Rei­sen in die Re­gi­on be­glei­tet, und sie hät­ten die In­ter­es­sen im­mer en­ga­giert ver­tre­ten, auch bei Pro­ble­men ein­zel­ner Fir­men. Be­vor Li­en­hard zum Jah­res­en­de das Eh­ren­amt ab­gibt, zieht er Bi­lanz

Herr Li­en­hard, wie sehr hat Us-prä­si­dent Do­nald Trump durch sei­nen Han­dels­krieg mit Chi­na den Asi­en-han­del durch­ein­an­der­ge­bracht?

Wir ken­nen bis­her nur sei­ne Zie­le und die Zahl von 250 Mrd. Dol­lar an Im­por­ten, die be­trof­fen sind. Wel­che Aus­wir­kun­gen das hat, wer­den wir erst in den nächs­ten Mo­na­ten se­hen. Aber es wird deut­lich, dass die al­ten Zei­ten des un­ge­hin­der­ten Han­dels vor­bei sind. Of­fen­sicht­lich weiß Chi­na nicht, wie es da­mit um­ge­hen soll. Es gab Ver­hand­lun­gen, aber oh­ne trag­fä­hi­ge Er­geb­nis­se. Ich den­ke, dass sich Chi­na be­droht fühlt.

Was hat das für Aus­wir­kun­gen auf den deut­schen Chi­na-han­del?

Es gibt nicht nur die Ex­por­te aus Deutsch­land. Hie­si­ge Au­to­bau­er, die in den USA für den chi­ne­si­schen Markt pro­du­zie­ren, sind auch be­trof­fen. Au­ßer­dem ist schwer ab­zu­schät­zen, wel­che Aus­wir­kun­gen es auf die kom­pli­zier­ten in­ter­na­tio­na­len Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se hat. Es gibt ei­ni­ge hier­zu­lan­de, die er­war­ten, dass wir pro­fi­tie­ren. Da­vor war­ne ich. Chi­na wird sich ver­än­dern. Es gibt zwei Mög­lich­kei­ten. Die ei­ne ist, dass der Plan, bis 2025 bei al­len Tech­no­lo­gi­en füh­rend zu wer­den, noch ehr­gei­zi­ger um­ge­setzt wird. Auch durch Zu­käu­fe in Eu­ro­pa wird Chi­na ver­su­chen, Tech­no­lo­gie zu ge­win­nen. Die an­de­re ist, dass Chi­na sagt: Wir öff­nen uns stär­ker, wie wir das bei den Jo­int-ven­tures im Au­to­mo­bil­sek­tor ge­se­hen ha­ben.

Was hal­ten Sie für wahr­schein­lich?

Ir­gend­et­was da­zwi­schen. Klar ist, dass der Han­dels­streit zwi­schen den USA und Chi­na die ge­sam­te Welt­wirt­schaft be­las­tet. Das trifft auch uns. Der Us-prä­si­dent spielt der­zeit klar die Kar­te: Ich bin die Welt­macht Num­mer 1 – zum Wohl für Ame­ri­ka, rück­sichts­los und kon­se­quent. Wir ha­ben beim Iran ge­se­hen, dass sich die deut­schen Fir­men an den USA aus­rich­ten muss­ten. Vie­le ha­ben die Ge­schäf­te mit dem Iran ein­ge­stellt, weil sie mit den USA er­heb­lich grö­ßer sind. Wenn wir ver­su­chen, mit Chi­na ag­gres­siv ge­gen die USA vor­zu­ge­hen, könn­ten wir in ei­ne ähn­li­che Si­tua­ti­on ge­ra­ten. Es gilt, die Be­zie­hun­gen nach bei­den Sei­ten klug zu pfle­gen.

Ist der deut­sche Au­ßen­han­del zu stark von Chi­na ab­hän­gig?

Es gibt für die deut­sche In­dus­trie kei­ne Al­ter­na­ti­ve, als dort ak­tiv zu sein. Chi­na ist nun mal der zweit­größ­te Markt der Welt, und er wächst be­son­ders schnell. 2030 soll die Wirt­schafts­kraft so groß sein wie die der USA. Für vie­le Un­ter­neh­men hät­te es deut­li­che Kon­se­quen­zen, auch für die Ar­beits­plät­ze, wenn sie Chi­na nicht

mehr als Markt hät­ten.

Wie sta­bil ist Chi­na? Häu­fig wird von Bla­sen ge­re­det, die bald plat­zen könn­ten.

Ich ha­be seit 30 Jah­ren mit Chi­na zu tun, und seit­her be­glei­tet mich das The­ma Bla­sen. Wenn man übers Land fährt, sieht man Pro­ble­me wie leer­ste­hen­de Woh­nun­gen und Über­ka­pa­zi­tä­ten, et­wa beim Stahl. Ich bin trotz­dem der Mei­nung, dass Chi­na sta­bil und die Re­gie­rung in der La­ge ist, da­mit um­zu­ge­hen und dass es kei­nen Crash gibt, son­dern das Wachs­tum sich nur ver­lang­samt.

Sie ge­ben zum Jah­res­wech­sel den Vor­sitz des Asi­en-pa­zi­fik-aus­schus­ses nach fünf Jah­ren ab. Wie se­hen sie die Ent­wik­clung in die­ser Zeit?

Chi­na ist ge­wal­tig ge­wach­sen. Als ich an­ge­tre­ten bin, ha­be ich er­war­tet, dass sich dort auf­grund der Glo­ba­li­sie­rung zwangs­läu­fig über die Markt­wirt­schaft un­ser west­li­ches Sys­tem mehr und mehr durch­setzt. Die­se Mei­nung ha­be ich heu­te nicht mehr. Chi­na hat sich für sein ei­ge­nes Sys­tem der staats­ge­re­gel­ten Markt­wirt­schaft ent­schie­den mit dem Ziel, 2025 welt­weit tech­no­lo­gisch füh­rend und 2049 die größ­te Wirt­schafts­macht zu sein. Die Her­aus­for­de­rung für uns ist: Wie kann da­ne­ben un­ser Sys­tem der so­zia­len Markt­wirt­schaft be­ste­hen, von dem wir an­neh­men, dass es das bes­se­re ist. Na­tür­lich wol­len wir auch in Zu­kunft die Na­se vorn ha­ben.

Asi­en ist mehr als Chi­na. Wie sieht es mit den deut­schen Ak­ti­vi­tä­ten in an­de­ren Län­dern aus?

In In­di­en ist die deut­sche Wirt­schaft schon seit Jah­ren gut ver­tre­ten. In­klu­si­ve Jo­int-ven­tures sind dort et­wa 1700 deut­sche Un­ter­neh­men tä­tig. Al­le war­ten auf den Wachs­tums­schub, der bald ein­tre­ten müss­te. Dann steht In­do­ne­si­en bei uns im Fo­kus: Ich bin si­cher, dass sich das Land auf der Asi­en-pa­zi­fik-kon­fe­renz der Deut­schen Wirt­schaft An­fang No­vem­ber in Ja­kar­ta gut prä­sen­tie­ren wird. In­do­ne­si­en hat 260 Mil­lio­nen Ein­woh­ner, das Wachs­tum ist über­durch­schnitt­lich hoch.

Län­der wie Viet­nam und Ban­gla­desch ha­ben den Ruf als Bil­lig­pro­du­zen­ten. Beu­tet sie der Wes­ten aus?

Da ver­hält sich die über­wie­gen­de Zahl der deut­schen Fir­men an­stän­dig. Da en­ga­gie­ren sich ge­ra­de vie­le fa­mi­li­en­geführ­te Mit­tel­ständ­ler, die be­son­ders auf So­zi­al­stan­dards und lang­fris­ti­ge Ent­wick­lun­gen ach­ten. Sie hel­fen den Län­dern zu wach­sen. So fängt es an. Auch Chi­na war lan­ge Jah­re die Werk­bank der Welt. Wir nut­zen den Lohn­vor­teil, aber es gibt den Be­schäf­tig­ten die Chan­ce, ih­re Kin­der in die Schu­le zu schi­cken. Ar­mut lässt sich nur über Wirt­schafts­wachs­tum be­kämp­fen. Das wird in Deutsch­land zu we­nig ge­se­hen.

Vor Chi­na war auch Ja­pan ein­mal ein Nied­rig­lohn­land. Vom Ja­pan-han­del ist we­nig zu hö­ren. Läuft er so pro­blem­los?

Wir ha­ben fast 20 Mrd. € Ex­por­te dort­hin und noch mehr Im­por­te. Es gibt vie­le Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men. Weil die Be­zie­hun­gen gut sind, wird we­nig dar­über be­rich­tet. Ge­ra­de in die­sen Um­bruchs­zei­ten soll­ten wir uns mit Län­dern wie Ja­pan, die auf un­se­rer Wel­len­län­ge schwim­men, mehr zu­sam­men­tun. Ich bin si­cher, dass das neue Eu-ja­pan-frei­han­dels­ab­kom­men zu noch mehr Han­del zwi­schen bei­den Län­dern füh­ren wird. Zu un­se­ren en­gen Part­nern ge­hö­ren auch Län­der wie Aus­tra­li­en und Süd­ko­rea. Da soll­te die EU ak­tiv wer­den, auch um die klei­ne­ren Län­der in Asi­en nicht hän­gen zu las­sen. Sonst wer­den die Chi­ne­sen ak­tiv. Mas­se bringt Kraft, wie die USA zei­gen.

In Deutsch­land wird viel über frem­den­feind­li­che Ten­den­zen ge­re­det. Wer­den Sie dar­auf an­ge­spro­chen?

Ja. In Asi­en wird genau ver­folgt, was hier läuft. Ich ha­be von Part­ner­fir­men ge­hört, dass sie sich Sor­gen ma­chen, ob ih­re Mit­ar­bei­ter in Deutsch­land noch si­cher sind. Er­eig­nis­se wie in Chem­nitz scha­den un­se­rem Image. Wir sind ein of­fe­nes und frei­es Land und müs­sen da­für ein­tre­ten.

Fo­to: hum­phe­ry/shut­ter­stock.com

Chi­na galt lan­ge als Bil­lig­lohn­land. Bis 2049 will das Land größ­te Wirt­schafts­macht der Welt wer­den.

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