Die „Schwei­ne­rei­en“des Zweit­mark­tes

Ti­ckets für ein aus­ver­kauf­tes Rammstein-Kon­zert? Gibt es, aber nicht mit je­dem kommt man rein.

Ostsee Zeitung - - WIRTSCHAFT - Von Ju­lia­ne Schultz und Ra­bea Osol

Ros­tock. Die Band Rammstein ist am Don­ners­tag in die Ge­schich­te ein­ge­gan­gen – zu­min­dest in ei­ne Un­ter­neh­mens­ge­schich­te. Der Ti­cket­händ­ler Even­tim ver­kün­de­te am Frei­tag, dass nie zu­vor mehr Ti­ckets in so kur­zer Zeit über sei­ne Platt­form ver­kauft wur­den wie an die­sem Tag: mehr als 800 000 zu Prei­sen zwi­schen 70 und 120 Eu­ro. Das Um­satz­vo­lu­men liegt da­mit bei et­wa 76 Mil­lio­nen Eu­ro. Das Kon­zert im Ros­to­cker Ost­see­sta­di­on am 16. Ju­ni 2019 war nach we­ni­ger als ei­ner Stun­de aus­ver­kauft. Die Nach­fra­ge über­stieg die ver­füg­ba­ren Kar­ten­kon­tin­gen­te um ein Viel­fa­ches. Die Band, der Ver­an­stal­ter und al­le mit­ver­die­nen­den Ge­wer­ke dürf­ten zu­frie­den sein.

Glück­li­cher als die Fans je­den­falls, die kein Ti­cket ab­be­ka­men. Wäh­rend sie noch den „Viel­be­stel­ler-Check“des On­line-Shops durch­lie­fen – ei­ne Prü­fung, ob der glei­che Käu­fer mehr­mals Ti­ckets be­stell­te – wur­den auf der Platt­form Via­go­go, mit Sitz in der Schweiz, schon gro­ße Kon­tin­gen­te zum Wie­der­ver­kauf an­ge­bo­ten. Ein Vor­gang, der Fra­gen auf­wirft, denn die Band hat­te ver­fügt, dass schon bei der Be­stel­lung je­der Kar­te der Na­me des Kon­zert­be­su­chers zu­ge­ord­net wer­den muss­te.

„Rammstein möch­te die Schwei­ne­rei­en des Ti­cket-Zweit­mark­tes nicht un­ter­stüt­zen“, be­grün­det Rod­ney Aust die­se Vor­ge­hens­wei­se. Der Ver­an­stal­ter der Ros­to­cker und Dresd­ner Kon­zer­te spricht Kl­ar­text: „Die Band möch­te nicht, dass die Ti­ckets zu über­höh­ten Prei­sen an­ge­bo­ten wer­den. Da­von hat nie­mand et­was, nur die Ver­bre­cher, die sich da­mit die Ta­schen voll­ma­chen.“Auf die zahl­rei­chen An­ge­bo­te bei Via­go­go an­ge­spro­chen, zeigt sich Aust ge­las­sen: „Kei­ne Sor­ge, wer dort ei­ne Kar­te kauft, wird kei­nen Ein­lass er­hal­ten. Je­de Kar­te wird kon­trol­liert.“

Doch wie kommt Via­go­go an die vie­len Rammstein-Ti­ckets, die auf der In­ter­net­sei­te bis zu 1000 Eu­ro kos­ten? „Das kann man nicht ver- hin­dern“, sagt Even­tim-Spre­cher Chris­ti­an St­ein­hof. „Selbst wenn wir tech­ni­sche Hür­den beim Kauf ein­bau­en, fin­den Men­schen im­mer We­ge, die zu um­ge­hen.“Er räumt ein: „Un­ser In­ter­es­se ist es zu­nächst, mög­lichst vie­le Ti­ckets zu ver­kau­fen. Wenn die Ti­ckets auf dem Zweit­markt lan­den, ist das nicht un­ser Hand­lungs­be­reich.“Er fügt hin­zu: „Es wer­den bei Via­go­go auch Fake-Ti­ckets an­ge­bo­ten, au­ßer­dem fin­den Leer­ver­käu­fe statt, für Ti­ckets, die sie gar nicht ha­ben.“

„Nein zum Ti­cket-Zweit­markt“heißt des­halb ei­ne Kam­pa­gne des Bun­des­ver­ban­des der Ver­an­stal­tungs­wirt­schaft. „Wir ha­ben ge­ra­de ei­ne Scha­den­er­satz­kla­ge in Vor­be­rei­tung und zu­vor schon meh­re­re Ti­tel ge­gen sie er­wirkt. Ei­ne Voll­stre­ckung ist al­ler­dings schwie­rig, weil sie ih­ren Sitz in der Schweiz ha­ben.“Er fin­det deut­li­che Wor­te: „Das Un­ter­neh­men ver­brei­tet fal­sche In­for­ma­tio­nen auf sei­ner In­ter­net­sei­te, be­haup­tet, dass Ver­an­stal­tun­gen aus­ver­kauft sind, und macht nicht deut­lich, dass die Ti­ckets über dem Ori­gi­nal­preis an­ge­bo­ten wer­den.“

Mat­thi­as Wins, Ju­rist der Ver­brau­cher­zen­tra­le in Ros­tock, kennt zahl­rei­che Fäl­le, bei de­nen Men­schen am En­de nicht das Kon­zert an­se­hen konn­ten, für das sie über die­se Platt­form Kar­ten er­wor­ben hat­ten. Das Pro­blem ist, dass die Men­schen da­von aus­ge­hen, dass sie dort le­gal Ti­ckets er­wer­ben. Die In­ter­net­sei­te wirkt se­ri­ös. Die Ver­brau­cher­zen­tra­le Bay­ern hat des­halb eben­falls ge­gen die Schwei­zer Ti­cket­bör­se we­gen Ir­re­füh­rung ge­klagt. „Doch das Ver­fah­ren ge­gen ein aus­län­di­sches Un­ter­neh­men au­ßer­halb der EU ist schwie­rig“, so Wins. Selbst im Fal­le ei­nes Pro­zess­ge­winns sei die Durch­set­zung ei­nes Ur­teils un­ge­wiss.

Der si­chers­te Weg, da sind sich al­le Ex­per­ten ei­nig, bleibt der Er­werb ei­nes per­so­na­li­sier­ten Ti­ckets mit dem ei­ge­nen Na­men.

FO­TO: J. KALAENE/DPA

Kommt oh­ne Ti­cket rein: Rammstein-Front­mann Till Lin­de­mann.

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