Gärt­ner wol­len Geld von Ros­tock

Han­se­stadt will Hun­der­te Par­zel­len zu Bau­land ma­chen / Gar­ten­freun­de wol­len fi­nan­zi­el­le Ent­schä­di­gung statt neu­er An­la­gen / Rat­haus soll Fonds ein­rich­ten

Ostsee Zeitung - - ROSTOCK - Von Andre­as Mey­er

Stadt­mit­te. Ros­tock ist ei­ne Gar­ten­stadt: Auf knapp vier Pro­zent der ge­sam­ten Stadt­flä­chen wach­sen Obst­bäu­me und Blu­men, Möh­ren, Kar­tof­feln und To­ma­ten. Denn: Rund 150 Klein­gar­ten-Ver­ei­ne und um die 15 000 Par­zel­len gibt es zwi­schen War­ne­mün­de und Bies­tow. Noch. Denn ein Teil der An­la­gen steht vor ei­ner un­ge­wis­sen Zu­kunft: Ros­tock braucht Bau­land, will da­für auch Gär­ten op­fern. Pro­blem nur: Laut Ge­setz müss­te die Stadt dann „Er­satz“schaf­fen. Der Ver­band der Gar­ten­freun­de kommt dem Rat­haus aber ent­ge­gen – und wür­de auf neue An­la­gen ver­zich­ten. Be­din­gung: Da­für muss die Stadt zah­len. Ver­bands­chef Chris­ti­an Sei­fert for­dert ei­nen „Fonds für Klein­gär­ten“.

Ros­tock braucht al­le Par­zel­len

„Fakt ist, wir brau­chen in Ros­tock um die 15 000 Par­zel­len – auch in Zu­kunft“, sagt Sei­fert. Die Leer­stands­quo­te lie­ge der­zeit bei ge­ra­de mal 0,5 Pro­zent. Heißt: Nur rund 75 Par­zel­len ste­hen leer, wer­den nicht be­wirt­schaf­tet. Das In­ter­es­se an Gär­ten sei aber seit ei­ni­gen Jah­ren in Ros­tock un­ge­bro­chen. Vor al­lem jün­ge­re Fa­mi­li­en zie­he es wie­der in die An­la­gen. Sie su­chen „grü­ne Oa­sen“mit­ten in der Stadt. „Na­tür­lich sind wir un­glück­lich über je­de An­la­ge und je­de Par­zel­le, die dem Woh­nungs­bau wei­chen soll. Aber wir se­hen auch die Not­wen­dig­keit ein“, sagt der Ver­bands­vor­sit­zen­de. Dem Ver­band stün­de laut Pa­ra­graf 14 des Bun­des­klein­gar­ten­ge­set­zes ein Er­satz für die Par­zel­len zu. Das räumt auch die Stadt­ver­wal­tung auf OZNach­fra­ge ein.

So­wohl im Rat­haus als auch bei den Klein­gärt­nern selbst wächst die Ein­sicht, dass kom­plet­te neue An­la­gen auch neue Pro­ble­me mit sich brin­gen: „An­ge­sichts des stei­gen­den Flä­chen­be­darfs für Woh­nen und Ge­wer­be er­scheint es nicht sinn­voll, neue Flä­chen für Klein­gär­ten aus­zu­wei­sen“, schreibt Stadt­spre­cher Ul­rich Kun­ze. Und Gar­ten­Chef Sei­fert sagt: „Ei­ne neue An­la­ge braucht Jah­re, bis sie funk­tio­niert – so­wohl un­ter so­zia­len Ge­sichts­punk­ten als auch un­ter bio­lo­gi­schen. Bis die Bäu­me Früch­te tra­gen, die Gär­ten an­ge­legt sind: Das dau­ert!“

Ver­dich­ten statt neu bau­en

Die Lö­sung aus Sicht des Ver­bands­chefs: „Wir wol­len in­ner­halb be­ste­hen­der An­la­gen ver­dich­ten“, so Sei­fert. Zwar sei die Leer­stands­quo­te ge­ring, der Zu­stand vie­ler Par­zel­len aber „schlecht“. Und: „Wir ha­ben im Be­stand auch sehr vie­le sehr gro­ße Par­zel­len. Das ist heu­te nicht mehr zeit­ge­mäß.“Gär­ten mit bis zu 700 Qua­drat­me­tern Flä­che sei­en in der Han­se­stadt kei­ne Sel­ten­heit. „Vie­le die­ser Gär­ten ge­hö­ren äl­te­ren Gärt­nern, die gar nicht mehr in der La­ge sind, so viel Land zu be­wirt­schaf­ten.“Sei­fert will des­halb gro­ße Par­zel­len tei­len – aus ei­ner gro­ßen könn­ten zwei in Stan­dard­grö­ße wer­den. „Und wir könn­ten Gär­ten, die in ei­nem schlech­ten Zu­stand sind und kaum mehr zu ver­pach­ten, wie­der her­rich­ten.“Doch ge­nau das kos­te Geld. Geld, dass der Ver­band und die Ver­ei­ne nicht ha­ben. „Des­halb wol­len wir ei­nen Klein­gar­ten­fonds von der Stadt.“

Sei­ferts Idee ist ein­fach: Das Rat­haus stellt Geld zur Ver­fü­gung, mit dem die Ver­ei­ne ar­bei­ten kön­nen. „Wir kön­nen dann in­ner­halb be­ste­hen­der An­la­gen neue Par­zel­len schaf­fen. Statt neue An­la­gen zu er­schlie­ßen, wol­len wir auf ei­ne Ver­dich­tung set­zen. Da­mit wä­re vie­len Ver­ei­nen in der Stadt ge­hol­fen – und vie­len Gärt­nern eben­falls.“Vor­teil für das Rat­haus: Es muss kei­ne neu­en Flä­chen für Gär­ten su­chen, kau­fen und her­rich­ten. „Die­ser Fonds hilft der Stadt, sich zu ent­wi­ckeln.“

Ent­schei­dung im De­zem­ber?

In der Bür­ger­schaft kommt Sei­ferts Vor­stoß gut an. Die SPD hat be­reits für die De­zem­ber-Sit­zung ei­nen An­trag ge­stellt und will den Ober­bür­ger­meis­ter be­auf­tra­gen, die Rah­men­be­din­gun­gen für ei­nen sol­chen Klein­gar­ten­fonds prü­fen zu las­sen. „In ei­ni­gen An­la­gen gibt es un­ge­nutz­te Gär­ten, die durch die Ver­ei­ne wie­der ak­ti­viert und nutz­bar ge­macht wer­den soll­ten – mit städ­ti­scher Un­ter­stüt­zung“, schreibt SPD-Frak­ti­ons­chef Stef­fen Wand­schnei­der-Ka­s­tell. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben Ros­tocks mehr als 30 000 Klein­gärt­ner in den ver­gan­ge­nen Wo­chen als The­ma für sich ent­deckt: So for­dert die SPD bei­spiels­wei­se auch, dass bei den Pla­nun­gen für Ros­tocks neue Bau- und Ge­wer­be­ge­bie­te si­cher­ge­stellt wer­den soll, dass die Zahl der Gär­ten in der Han­se­stadt sta­bil bleibt. Und so­lan­ge der „Zu­kunfts­plan“, der neue Flä­chen­nut­zungs­plan der Stadt, nicht fer­tig ist, sol­len kei­ne wei­te­ren An­la­gen auf­ge­ge­ben wer­den.

Kaum In­ter­es­se an Neu­an­la­ge

Auch in­ner­halb der Stadt­ver­wal­tung ist der „Klein­gar­ten­fonds“The­ma: Bis En­de März 2019 will das Amt für Stadt­grün sein Klein­gar­ten­kon­zept vor­le­gen. Schon jetzt heißt es aber aus dem Amt: Ein sol­cher Fonds kön­ne Sinn ma­chen – mög­li­cher­wei­se auch, um be­ste­hen­de An­la­gen nicht zu „re­ak­ti­vie­ren“und zu ver­dich­ten, son­dern auch, um sie so­gar noch zu er­wei­tern. Wie vie­le Gär­ten den Wohn- und Ge­wer­be­plä­nen der Stadt­pla­ner zum Op­fer fal­len sol­len, kön­ne der­zeit aber noch nicht ab­ge­schätzt wer­den.

An der No­bel­stra­ße ha­ben OB Ro­land Meth­ling (UFR), Chris­ti­an Sei­fert und Grün­amts­che­fin Ute Fi­scher-Gä­de üb­ri­gens auf den Tag ge­nau vor ei­nem Jahr den ers­ten Spa­ten­stich für Ros­tocks ers­te neue Klein­gar­ten-An­la­ge seit der Wen­de aus­ge­führt. 23 Par­zel­len sol­len auf ei­ner al­ten Wie­se ent­ste­hen. Nach An­ga­ben von Stadt­spre­cher Ul­rich Kun­ze gibt es bis­her aber erst fünf fes­te In­ter­es­sen­ten für die neu­en Gär­ten. Sei­fert sagt: „Wir ha­ben die Par­zel­len noch nicht be­wor­ben. Gärt­ner aus An­la­gen an der Sa­to­wer Stra­ße und am Püt­ter­weg, de­ren Par­zel­len Bau­vor­ha­ben wei­chen müs­sen, ha­ben dort ein Vor­griffs­recht.“Spä­tes­tens 2019 soll die neue An­la­ge über­ge­ben wer­den.

RolRnc Meth­li­ne (v.l.), Chris­tiRn Sei­fert unc Ute Fi­scher-Gäce eR­ben 2017 cen StRrt­schuss fvr cen BRu cer ers­ten neu­en Klei­neRr­ten-An­lRee in Ros­tock. Es wirc wohl Ruch cer ein­ziee „Neu­bRu“blei­ben.

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