„Das Di­gi­ta­le ist Teil des Po­li­ti­schen“

Der Thü­rin­ger Po­li­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler Ma­rio Voigt (CDU) be­trach­tet die schlep­pen­den Be­mü­hun­gen der Par­tei­en beim mo­der­nen Wahl­kampf kri­tisch

Ostthüringer Zeitung (Gera) - - Thüringen -

Uni­on bei der Bun­des­tags­wahl 2017 um ein­ein­halb Punk­te bes­ser ab­ge­schnit­ten als bei de­nen, die ih­re Ent­schei­dung erst am Wahl­sonn­tag in der Wahl­ka­bi­ne end­gül­tig mach­ten. Man­cher ist sich zwar beim Gang zur Wahl­ka­bi­ne lan­ge schon si­cher, wen er wählt. Aber: „30 Pro­zent der Wäh­ler ent­schei­den sich erst in den letz­ten sie­ben Ta­gen“, so Voigt. Für Wahl­kämp­fer heißt das: ei­ner­seits müs­sen sie früh­zei­tig je­ne er­rei­chen, die schon ei­nen Mo­nat vor der Wahl per Brief end­gül­tig ab­stim­men wol­len, an­de­rer­seits müs­sen Wahl­kämp­fer fast bis zum En­de des Wahl­sonn­tags an mög­li­chen Un­ent­schlos­se­nen dran­blei­ben.

In sei­ner Trend­stu­die „Di­gi­tal Cam­pai­gning in der Bun­des­tags­wahl 2017“ha­ben sich Voigt und sein Kol­le­ge Re­né Sei­den­glanz von der Qua­dri­ga Hoch­schu­le Ber­lin da­mit be­schäf­tigt, wie Par­tei­en über Face­book, Twit­ter, Ins­ta­gram, Youtube und E-Mail vom 1. Au­gust bis zum Wahl­sonn­tag En­de Sep­tem­ber 2017 um­ge­gan­gen sind. Auf dem ers­ten Platz lan­den dem­nach SPD und AfD. „Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ver­stan­den es, sich auf al­len Platt­for­men zu ver­net­zen, mit re­la­tiv vie­len In­for­ma­tio­nen ei­ne hö­he­re Teil­ha­be als Ver­gleichs­par­tei­en zu er­rei­chen.

Da­ge­gen punk­te­te die AfD be­son­ders mit ih­rer platt­form­über­grei­fend ho­hen Mo­bi­li­sie­rung durch re­la­tiv vie­le In­for­ma­tio­nen“, so Voigt und Sei­den­glanz. „Wir er­le­ben die di­gi­ta­le Dis­rup­ti­on des Po­li­ti­schen, wo die AfD in so­zia­len Me­di­en ih­re kom­mu­ni­ka­ti­ve Ge­gen­macht mit viel Geld und Da­ten auf­baut.“Häu­fig ist von Voigt der Satz zu hö­ren: „Face­book ist die Ta­ges­schau der AfD.“Das be­deu­tet, dass aus Sicht der Par­tei den Nut­zer das Ge­fühl ge­ge­ben wer­den sol­le, dass das, was die AfD auf Face­book ver­brei­tet, Re­le­vanz hat und ob­jek­ti­ven jour­na­lis­ti­schen Maß­stä­ben ent­spre­chen könn­te, auch wenn es sich um ag­gres­si­ve PR in ei­ge­ner Sa­che und nicht um Jour­na­lis­mus han­delt.

Die Grü­nen hät­ten sich der Ver­net­zungs- und Teil­ha­be­funk­ti­on des Di­gi­tal-Cam­pai­gning ver­schrie­ben – und wa­ren so er­folg­rei­cher als FDP, Lin­ke und CDU, die „das Mit­tel­feld der Kam­pa­gnen­par­tei­en un­ter sich aus­mach­ten“, so die Ex­per­ten. „Wäh­rend die Li­be­ra­len und Lin­ken sich be­son­ders durch ei­ne ho­he Ver­net­zung her­vor­ta­ten, zeig­ten sich die Christ­de­mo­kra­ten vor al­lem von der In­for­ma­ti­ons­funk­ti­on der Platt­for­men über­zeugt. Die CSU kam auf den letz­ten Platz“, sagt Voigt.

Nach der Bun­des­tags­wahl ist vor zwei wich­ti­gen Land­tags­wah­len in die­sem Ok­to­ber. Die Ex­per­ten ha­ben schon mit Blick auf 2017 fest­ge­stellt, dass sich Wahl­kam­pa­gnen dem Echt­zeitWahl­kampf zu­wen­den. Das ent­spre­che den Er­war­tun­gen von Wäh­lern und auch Jour­na­lis­ten, die den Wahl­kampf und sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on et­wa bei Twit­ter oder auf an­de­ren Ka­nä­len ver­fol­gen, macht Voigt deut­lich.

Der ana­lo­ge Wahl­kampf ist aber nicht vor­bei. Viel­mehr geht es heut­zu­ta­ge dar­um, dass et­wa die Tip­pel­tap­pel­tour von Haus­tür zu Haus­tür „in Echt­zeit mit Live­bil­dern auch on­line“prä­sen­tiert wer­de.

Die di­gi­ta­le Zeit hat ei­ge­ne Ge­set­ze, wenn es dar­um geht, auf sich auf­merk­sam zu ma­chen: Ei­ner­seits müs­sen „Bot­schaf­ten früh­zei­tig plat­ziert wer­den, be­vor der Nut­zer schon wie­der wei­terklickt“, an­de­rer­seits muss es auch für ei­nen lan­gen Kam­pa­gnen­zeit­raum et­was zu sa­gen ge­ben, das nicht lang­weilt und zu­gleich Be­stand hat.

Voigt er­klärt, Par­tei­en müss­ten künf­tig „noch stär­ker Stim­mun­gen in Echt­zeit mes­sen, Ar­gu­men­te, Po­si­tio­nen und Auf­trit­te prü­fen“. Das Di­gi­ta­le ent­wick­le sich dann „zu ei­nem na­he­zu syn­chro­nen Feed­back­ka­nal, über den man die Wir­kung der Kam­pa­gne per­ma­nent op­ti­miert“, so die Ex­per­ten.

Da­ten, die von Par­tei­en im Wahl­kampf ge­sam­melt und ana­ly­siert wer­den, er­lau­ben im­mer stär­ker Vor­her­sa­gen. Um­so be­deu­ten­der wer­de die di­gi­ta­le Stra­te­gie, um auf kon­kre­te Ge­bie­te be­zo­gen ziel­grup­pen- und the­men­spe­zi­fisch mo­bi­li­sie­ren zu kön­nen. Voigt und sein Kol­le­ge ma­chen deut­lich: „Um die di­gi­ta­len Ka­nä­le zu reich­wei­ten­star­ken Werk­zeu­gen aus­zu­bau­en, kommt es zu ei­ner Kom­bi­na­ti­on von or­ga­ni­scher und ge­kauf­ter Reich­wei­te, die neue An­sprü­che an die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ver­net­zung zwi­schen Mar­ke­ting, PR und So­ci­al Me­di­aTeam und an die Ver­tei­lung von Bud­gets in Kam­pa­gnen stellt.“Und da­bei sind Par­tei­en und Po­li­ti­ker eher Ge­trie­be­ne als Trei­ber: Sie se­hen sich mit im­mer grö­ße­ren Er­for­der­nis­sen der di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on kon­fron­tiert, so Voigt. Die Ent­wick­lung, die nicht mehr um­kehr­bar ist, lässt sich so zu­sam­men­fas­sen: „Die Wen­dung der po­li­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on und de­ren Ak­teu­re hin zur Echt­zeit­kom­mu­ni­ka­ti­on auf un­ter­schied­li­chen Platt­for­men führt zu ei­ner wach­sen­den Sicht­bar­keit von po­li­ti­schen De­bat­ten und In­hal­ten.“

Al­ler­dings stellt Voigt auch fest, dass sich die­se Ent­wick­lung von zwei Sei­ten be­trach­ten lässt: Wenn et­wa Zwi­schen­stän­de aus Son­die­rungs­run­den get­wit­tert wer­den, kön­ne man dies „wahl­wei­se als er­höh­te Trans­pa­renz oder als un­dich­te Ver­trau­lich­keit se­hen“, so Voigt und Sei­den­glanz.

Der CDU-Land­tags­po­li­ti­ker und Par­tei-Vi­ze Voigt be­tont: „Par­la­men­ta­ris­mus ge­winnt mit der di­gi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on an Be­tei­li­gungs­mög­lich­kei­ten und dem dia­lo­gi­schen Bür­ger­kon­takt. Das Di­gi­ta­le ist Teil des Po­li­ti­schen ge­wor­den. Das gilt ei­ner­seits, wenn es um die In­hal­te geht, wo es ei­ne di­gi­tal den­ken­de Ge­setz­ge­bung braucht. An­de­rer­seits wächst die Teil­ha­be, wenn es um Pe­ti­tio­nen, Dis­kur­se über Ge­set­ze oder neue Initia­ti­ven geht.“

Dies ge­sche­he in ei­ner Zeit, die ge­kenn­zeich­net wer­de von ei­ner po­li­ti­sier­ten Öf­fent­lich­keit jen­seits der Par­tei­en, sich in ge­schlos­se­nen Räu­men kon­zen­triert, de­ren To­na­li­tä­ten und Schwer­punkt­set­zun­gen an­de­ren Lo­gi­ken folgt und da­mit De­bat­ten um Fa­ke News, So­ci­al Bots, Dark Ads oder Echo­kam­mern be­feu­ern, wie Voigt und Sei­den­glanz zu­sam­men­fas­sen.

Neu­er­dings wird die Fra­ge ge­stellt, ob sich in Deutsch­land der Wan­del von der Me­di­en­de­mo­kra­tie zur So­ci­al-Me­dia-De­mo­kra­tie voll­zie­he – und was dies für die De­mo­kra­tie be­deu­tet.

Neue Mög­lich­kei­ten der Kom­mu­ni­ka­ti­on nut­zen Ord­nungs­po­li­ti­scher Dis­kurs drin­gend nö­tig

Für Voigt und Sei­den­glanz folgt aus al­le­dem dies: Ab­seits von den tech­no­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen um Breit­band­aus­bau und 5G wer­de die ak­tu­el­le Bun­des­re­gie­rung ge­for­dert sein, „ei­nen ord­nungs­po­li­ti­schen Dis­kurs über die Rol­le der Di­gi­ta­li­sie­rung für die De­mo­kra­tie zu füh­ren. Da­bei wird es um trans­pa­ren­te Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­ren, E-Go­vern­ment und di­gi­ta­le Be­tei­li­gungs­for­men ge­hen. Es wird die Fra­ge nach Da­ten und de­ren Nut­zung, nach ei­ner Ei­gen­tums­ord­nung und ei­nem Da­ten­ge­setz auf­kom­men. Und schließ­lich wer­den Platt­for­men wie Face­book nach ih­rer Rol­le im de­mo­kra­ti­schen Pro­zess be­fragt wer­den“, sa­gen die Ex­per­ten.

Wie nun aber die Bay­ern an die­sem Sonn­tag und die Hes­sen in zwei­ein­halb Wo­chen bei den je­wei­li­gen Land­tags­wah­len im Ok­to­ber ent­schei­den wer­den, bleibt vor­erst of­fen. Klar ist nur: Wahl­kämp­fe, die einst am Stand, bei Groß­kund­ge­bun­gen auf den Markt­plät­zen und in Bier­zel­ten, bei Po­di­en und beim Blu­men­ver­tei­len am Tag vor der Wahl ih­re für al­le sicht­ba­ren Hö­he­punk­te er­reich­ten und dort auch ent­schie­den wur­den, ge­hö­ren der Ver­gan­gen­heit an.

Und auch wenn noch im­mer die „Bier­zelt­taug­lich­keit“et­wa bei der Wahl des CDU-Land­tags­frak­ti­ons­chefs in Sach­sens ge­ra­de erst als Haupt­grund für sei­ne Eig­nung kom­mu­ni­ziert wur­de von sei­nen Un­ter­stüt­zern, ist da­mit längst et­was an­de­res ge­meint: „Bier­zelt­taug­lich­keit 4.0“be­deu­tet we­ni­ger Neh­mer­qua­li­tä­ten beim Maß­krugstem­men, es geht jetzt um ei­ne Art Volks­nä­he via So­ci­al Me­dia.

Voigt stellt dar­über hin­aus fest: „Wäh­rend sich die AfD im per­ma­nen­ten Kam­pa­gnen­mo­dus be­fin­det, gibt es in al­len an­de­ren Par­tei­en ei­nen Dorn­rös­chen­schlaf in den po­li­ti­schen Füh­rungs­ebe­nen. Sie ha­ben noch nicht be­grif­fen, dass die Di­gi­ta­li­sie­rung zur kom­mu­ni­ka­ti­ven Waf­fen­gleich­heit zwi­schen den Par­tei­en führt.“

Ob sich Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low (links, Lin­ke) mit sei­nem Re­gie­rungs­spre­cher Gün­ter Ko­lod­ziej per Te­le­fon aus­tauscht, ist nicht be­kannt. Das Di­gi­ta­le hat im Po­li­ti­ker-All­tag stark an Be­deu­tung ge­won­nen. Fo­to: Micha­el Rei­chel, dpa

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