EU ver­klagt Deutsch­land

Kom­mis­si­on geht der Kampf ge­gen Stick­oxid-Be­las­tung zu lang­sam. Er­mah­nung we­gen Um­gang mit Ab­gas­skan­dal

Ostthüringer Zeitung (Greiz) - - Wirtschaft -

Stick­oxid pro Ku­bik­me­ter Luft gilt in der EU seit 2010. In Deutsch­land wur­de er noch 2017 in 66 Städ­ten nicht ein­ge­hal­ten; be­son­ders deut­lich über dem Li­mit lie­gen un­ter an­de­rem Ber­lin, Ham­burg, Köln und Mün­chen. Dort und in ei­nem Dut­zend wei­te­rer deut­scher Städ­te wer­den die Grenz­wer­te so weit über­schrit­ten, dass sich oh­ne ra­di­ka­le Maß­nah­men – Fahr­ver­bo­te oder um­fas­sen­de Die­sel­nach­rüs­tun­gen – nichts auf die Schnel­le ver­bes­sert. Schon vor drei Jah­ren hat die Kom­mis­si­on ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ge­gen Deutsch­land und an­de­re Um­welt­sün­der ein­ge­lei­tet – oh­ne gro­ßen Er­folg.

Als wich­ti­ge Ur­sa­che der Stick­oxid-Be­las­tung gel­ten Die­sel-Fahr­zeu­ge, de­ren Zahl in den ver­gan­ge­nen Jah­ren noch ge­stie­gen ist. En­de Ja­nu­ar hat­te die Kom­mis­si­on der Bun­des­re­gie­rung ei­ne letz­te Chan­ce ge­ge­ben, mit neu­en Maß­nah­men ei­ne Kla­ge ab­zu­wen­den – doch das von Ber­lin vor­ge­leg­te „So­fort­pro­gramm für sau­be­re Luft“über­zeug­te in Brüs­sel nicht. Ob jetzt schnell stren­ge­re Maß­nah­men fol­gen, ist un­ge­wiss.

Der Rechts­streit vor dem EuGH dürf­te sich über Jah­re hin­zie­hen, sol­che Kla­gen we­gen Ver­trags­ver­let­zun­gen sind nicht un­ge­wöhn­lich. Erst wenn Deutsch­land vor Ge­richt un­ter­liegt, wür­de es ernst, dann droht ho­hes Zwangs­geld – doch blie­be theo­re­tisch im­mer noch Zeit, mit dras­ti­schen Maß­nah­men kurz­fris­tig zu re­agie­ren. Sven­ja Schul­ze, Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) kom­men­tier­te die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on wohl auch des­halb ge­las­sen und er­klär­te, Deutsch­land sei auf ei­nem „sehr gu­ten Weg“zu bes­se­rer Luft in Städ­ten.

Die Kanz­le­rin hat­te wohl För­der­töp­fe et­wa für neue Bus­se oder An­rei­ze für den Kauf von Elek­tro­au­tos im Sinn. Doch in der Ko­ali­ti­on be­ginnt schon die De­bat­te über zu­sätz­li­che Maß­nah­men: Bun­des­um­welt­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD) et­wa for­dert ei­ne ra­sche tech­ni­sche Nach­rüs­tung von Die­sel-Pkw. „Wenn wir vor Ge­richt be­ste­hen wol­len, brau­chen wir grö­ße­re und schnel­le­re Fort­schrit­te, um die Luft sau­ber zu be­kom­men.“Die Kos­ten müss­ten die Au­to­her­stel­ler tra­gen. Oh­ne Nach­rüs­tung droh­ten Fahr­ver­bo­te und ei­ne Nie­der­la­ge vor Ge­richt. Un­ter­stüt­zung be­kam sie vom Deut­schen Städ­te­tag.

Auch der Au­to­ex­per­te Fer­di­nand Du­den­höf­fer sag­te: „Mit Hard­ware-Nach­rüs­tun­gen von Die­sel-Pkw wür­de das Pro­blem auf ei­nen Schlag ge­löst.“Pe­ter Lie­se, CDU-Um­welt­ex­per­te im EU-Par­la­ment, for­der­te, sich vor al­lem auf die Nach­rüs­tung von Bus­sen zu kon­zen­trie­ren. Ein Bus ver­ur­sa­che 150-mal so vie­le Schad­stof­fe in In­nen­städ­ten wie ein Pkw, die Tech­nik zur Nach­rüs­tung sei vor­han­den.

Wäh­rend die Es­ka­la­ti­on im Stick­oxid-Streit ab­seh­bar war, leg­te die Kom­mis­si­on über­ra­schend auch in ei­nem wei­te­ren Ver­fah­ren nach: Sie wirft Deutsch­land seit Län­ge­rem vor, nicht ent­schlos­sen ge­nug auf den Die­selskan­dal re­agiert zu ha­ben. Die EU-Vor­schrif­ten, die für die Her­stel­ler ab­schre­cken­de Sank­tio­nen bei Ver­stö­ßen vor­se­hen, sei­en nicht aus­rei­chend be­ach­tet wor­den. Jetzt for­dert die Kom­mis­si­on von der Bun­des­re­gie­rung wei­te­re Aus­künf­te über die Er­mitt­lun­gen und die recht­li­chen Maß­nah­men. An­lass sei­en auch „neue Fäl­le von Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten“bei der Mo­tor­steue­rung in Die­sel­fahr­zeu­gen, et­wa beim Por­sche Cay­enne, VW Toua­reg und in Au­di A6 und A7. Die­se Er­mah­nung der EU kann spä­ter eben­falls in ei­ner Kla­ge en­den. Be­trof­fen sind auch Groß­bri­tan­ni­en, Ita­li­en und Lu­xem­burg.

Ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) wies die Vor­wür­fe „aufs Schärfs­te“zu­rück und nann­te das Ver­hal­ten der Kom­mis­si­on „zu­tiefst ent­täu­schend und rea­li­täts­fern“. Scheu­er er­klär­te, die Re­gie­rung ha­be „wirk­sa­me und kon­se­quen­te Maß­nah­men er­grif­fen, zum Bei­spiel ver­pflich­ten­de Rück­ru­fe und Soft­ware-Up­dates auf Kos­ten der Her­stel­ler“. Und na­tür­lich wür­den die Au­to­kon­zer­ne zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen.

„Wir brau­chen grö­ße­re und schnel­le­re Fort­schrit­te.“

New York/Lon­don. Die Öl­prei­se sind am Don­ners­tag stark ge­stie­gen. Ge­gen Mit­tag sprang die No­tie­rung für Nord­see-Öl der Sor­te Brent über 80 US-Dol­lar – das ist der höchs­te Stand seit No­vem­ber 2014. Preis­trei­bend wirkt nach wie vor die Sor­ge vor ei­ner An­ge­bots­ver­knap­pung auf­grund der US-Sank­tio­nen ge­gen das wich­ti­ge För­der­land Iran. Ana­lys­ten der Bank Gold­man Sachs war­nen, dass selbst die stei­gen­de US-Öl­för­de­rung nicht aus­rei­che, um die mög­li­chen Rück­gän­ge der Lie­fe­run­gen aus dem Iran aus­zu­glei­chen. (dpa)

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