„Nicht war­ten, bis et­was pas­siert“

Im Städ­te­drei­eck gibt es aku­te Pro­ble­me mit ei­ner Grup­pe von jun­gen Aus­län­dern – die La­ge im Über­blick

Ostthüringer Zeitung (Rudolstadt) - - Kultur & Freizeit - Von Thomas Spa­nier

Ru­dol­stadt/Saal­feld. Jun­ge Män­ner mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund prü­geln zwei Deut­sche in Gorn­dorf kran­ken­haus­reif. Im Saal­fel­der Klub­haus der Ju­gend wird der Si­cher­heits­dienst aus ei­ner Grup­pe von Flücht­lin­gen mit ei­nem Mes­ser an­ge­grif­fen. In Ru­dol­stadt be­hin­dern Be­woh­ner der Ge­mein­schafts­un­ter­kunft (GU) für Asyl­be­wer­ber mit kör­per­li­cher Ge­walt Ret­tungs­kräf­te und Si­cher­heits­dienst. Es flie­gen St­ei­ne auf ein Feu­er­wehr­au­to, Prü­ge­lei­en un­ter Asyl­be­wer­bern fül­len fast je­de Wo­che den Po­li­zei­be­richt.

Es ist nicht zu über­se­hen, dass es im Städ­te­drei­eck ein Pro­blem mit ei­ner Grup­pe von jun­gen Aus­län­dern gibt, die sich nicht an die Re­geln hält. Selbst das Land­rats­amt als Be­trei­ber der GUs schlägt jetzt Alarm und bat Jus­tiz­mi­nis­ter Die­ter Lau­in­ger (Grü­ne) vor Ort, um ihm in Ru­dol­stadt deut­lich zu ma­chen, dass man als Be­hör­de an Gren­zen kom­me. „Ich ma­che mir Sor­gen um un­se­re Mit­ar­bei­ter, die Hel­fer vor Ort und die Mit­be­woh­ner in der GU“, sagt Land­rat Mar­ko Wolf­ram (SPD). Er sei scho­ckiert ge­we­sen über das Aus­maß der Ver­ge­hen, die in je­dem ein­zel­nen Fall do­ku­men­tiert und zur An­zei­ge ge­bracht wer­den. Bei ei­ner An­hö­rung im Aus­schuss für Mi­gra­ti­on, Jus­tiz und Ver­brau­cher­schutz will die Ver­wal­tung das Pro­blem vor­tra­gen. „Wir kön­nen nicht war­ten, bis et­was pas­siert“, so Wolf­ram.

Die OTZ er­ör­ter­te im Ge­spräch mit ihm, Pe­tra Maar, Lei­te­rin des Sach­ge­bie­tes Asyl/ Un­ter­kunft/Be­treu­ung, und Ma­xi­mi­li­an Nied­ner vom Sach­ge­biet Aus­län­der­we­sen die Si­tua­ti­on. Hier gibt es die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten.

Wie groß ist die Grup­pe, die re­gel­mä­ßig durch Straf­ta­ten auf­fällt?

Die Vor­fäl­le kon­zen­trie­ren sich im­mer wie­der auf sie­ben bis neun jun­ge Män­ner „mit ho­hem Tes­to­ste­ron­spie­gel“(Maar). Der Kern der Grup­pe sind Af­gha­nen, hin­zu kom­men we­ni­ge Sy­rer und Nord­afri­ka­ner. Das Wis­sen dar­um, dass sie in Thü­rin­gen nicht ab­ge­scho­ben wer­den, und die Er­fah­rung, dass ih­nen bei klei­nen Straf­ta­ten nichts pas­siert, lässt sie im­mer for­scher auf­tre­ten.

Bei­spiel­haft ist ein 18-jäh­ri­ger Ma­rok­ka­ner, der En­de Au­gust mit ei­nem im Supermarkt ge­stoh­le­nen Kü­chen­mes­ser an­ge­trof­fen wur­de, nach­dem er sich in der Gar­ten­stra­ße in Ru­dol­stadt ei­ne Prü­ge­lei mit an­de­ren Asyl­be­wer­bern ge­lie­fert hat­te. Der Mann, der sich in­zwi­schen in der Psych­ia­trie be­fin­det, ist ein Du­blin-Fall und könn­te nach Ita­li­en ab­ge­scho­ben wer­den.

Ka­pi­tu­liert der Staat vor kri­mi­nel­len Asyl­be­wer­bern?

Nein. Fünf Asyl­be­wer­ber, dar­un­ter der Mes­ser­ste­cher vom Saal­fel­der Klub­haus, be­fin­den sich in Haft. Je­de Straf­tat wird von Amts we­gen zur An­zei­ge ge­bracht. Das wei­te­re Vor­ge­hen liegt bei Staats­an­walt­schaft und Po­li­zei, letzt­lich bei den Ge­rich­ten. Fakt ist aber auch, dass vie­le Ver­fah­ren ein­ge­stellt wer­den.

Kann man im Städ­te­drei­eck noch un­be­schwert auf die Stra­ße ge­hen? Laut der Lei­te­rin des Sach­ge­bie­tes Asyl be­steht kein Grund zur Hys­te­rie. Die Asyl­be­wer­ber ge­hör­ten in­zwi­schen zum Stadt­bild, die weit­aus meis­ten ver­hal­ten sich fried­lich und ent­spre­chend den ge­sell­schaft­li­chen Nor­men. Die Mit­ar­bei­ter vor Ort leis­te­ten Groß­ar­ti­ges, um Span­nun­gen her­aus­zu­neh­men. Ei­ne In­te­gra­ti­ons­ma­na­ge­rin und Bil­dungs­ko­or­di­na­to­rin küm­mern sich um Sprach­kur­se und In­te­gra­ti­ons­mög­lich­kei­ten, denn die Spra­che ist nach wie vor das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um für ge­lun­ge­ne In­te­gra­ti­on.

Von den ehe­ma­li­gen Asyl­be­wer­bern, die jetzt ei­nen Auf­ent­halts­ti­tel ha­ben, sind seit 2016 über 200 in Ar­beit ver­mit­telt wor­den, in die­sem Jahr bis jetzt 123. Die Zu­sam­men­ar­beit mit den Woh­nungs­un­ter­neh­men funk­tio­nie­re gut, auch die Po­li­zei ha­be sich als ver­läss­li­cher Partner er­wie­sen.

Hat man das Pro­blem der häu­fi­gen Mel­de­alar­me in der GU Ru­dol­stadt in­zwi­schen im Griff?

Nicht wirk­lich. Erst am vo­ri­gen Sonn­tag rück­ten fünf Feu­er­wehr­fahr­zeu­ge we­gen ei­nes de­fek­ten Was­ser­ko­chers aus. Al­lein seit dem 1. Ju­li gab es - aus­ge­löst durch Brand­mel­der in der GU - acht Feh­l­ein­sät­ze durch die Ru­dol­städ­ter Feu­er­wehr. Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten sind aus­ge­reizt. Beim Vor­schlag, dass bei ei­nem Alarm erst Mit­ar­bei­ter der GU nach­se­hen, ob es wirk­lich brennt, muss noch ge­prüft wer­den, ob da­mit die vor­ge­schrie­be­nen Ret­tungs­fris­ten ein­ge­hal­ten wer­den, falls wirk­lich ein Feu­er aus­ge­bro­chen ist.

Wer kommt für die Ein­sät­ze der Feu­er­wehr fi­nan­zi­ell auf?

In den meis­ten Fäl­len der Land­kreis, letzt­lich al­so der Steu­er­zah­ler. Die Stadt Ru­dol­stadt stellt dem Kreis je­den ein­zel­nen Ein­satz in Rech­nung, wo­bei die Kos­ten pro Ein­satz je­weils in Ab­hän­gig­keit von Mann­schafts­stär­ke und Ge­rät zwi­schen un­ter 200 und über 400 Eu­ro va­ri­ie­ren.

Wird un­ter den Be­woh­nern der GU ein kon­kre­ter Ver­ur­sa­cher des Brand­alarms aus­fin­dig ge­macht – bei­spiels­wei­se, weil auf dem Zim­mer Was­ser­pfei­fe ge­raucht wur­de – wer­den ihm die Ein­satz­kos­ten von der Leis­tung ab­ge­zo­gen.

Wie vie­le Aus­län­der le­ben der­zeit im Land­kreis Saal­feld-Ru­dol­stadt?

Die Zahl hat laut Nied­ner ge­ra­de die 3000 über­schrit­ten. Das sind gut 1200 mehr als noch vor vier Jah­ren. Da­zu ge­hö­ren Leu­te, die bei­spiels­wei­se als Mu­si­ker bei den Thü­rin­ger Sym­pho­ni­kern oder als Arzt in den Thü­rin­gen-Kli­ni­ken ar­bei­ten, EUAus­län­der, aber auch an­er­kann­te Flücht­lin­ge mit Auf­ent­halts­sta­tus.

Wie vie­le da­von zäh­len über­haupt als Asyl­be­wer­ber?

Mit Stand die­se Wo­che sind es 358, üb­ri­gens 16 we­ni­ger als im Jahr 2014. Da­von sind 111, al­so fast ein Drit­tel, aus­rei­se­pflich­tig. 106 ha­ben ei­ne Dul­dung aus per­sön­li­chen oder hu­ma­ni­tä­ren Grün­den. Von ih­nen müss­ten et­wa 60 Pro­zent nach dem Du­blinVer­fah­ren in ei­nen an­de­ren eu­ro­päi­schen Staat ab­ge­scho­ben wer­den, bei je­weils zehn Pro­zent schei­tert die Ab­schie­bung an feh­len­den Rei­se­do­ku­men­ten oder der Tat­sa­che, dass Thü­rin­gen nicht nach Af­gha­nis­tan und in den Irak ab­schiebt.

Wie vie­le Asyl­be­wer­ber wur­den in die­sem Jahr ab­ge­scho­ben?

Bis­her wur­den nach dem vor­ran­gig be­han­del­ten Du­blin-Ver­fah­ren 21 Per­so­nen nach Schwe­den, Ita­li­en, Hol­land, Dä­ne­mark und in an­de­re eu­ro­päi­sche Staa­ten über­stellt, in de­nen sie erst­mals re­gis­triert wor­den wa­ren. Sie­ben Leu­te sind frei­wil­lig aus­ge­reist, die Zahl der Ab­schie­bun­gen in das Her­kunfts­land liegt ex­akt bei null.

Für 23 wei­te­re Asyl­be­wer­ber mit Wohn­sitz im Kreis gab es Ab­schie­be­ter­mi­ne, zu de­nen sie aber nicht an­ge­trof­fen wur­den.

Wel­che Fol­gen hat es, wenn Leu­te sich vor der Ab­schie­bung drü­cken? Die Frist, in der sie ab­ge­scho­ben wer­den kön­nen, ver­län­gert sich bei Nicht­an­tref­fen von sechs auf 18 Mo­na­te.

Zu­dem wer­den Auf­la­gen­be­schei­de er­teilt, die bei­spiels­wei­se den Auf­ent­halt im Wohn­heim­zim­mer zwi­schen 22 Uhr und 6 Uhr vor­schrei­ben. Wer da­ge­gen ver­stößt, wird über die Asyl­be­wer­ber­leis­tun­gen sank­tio­niert. Sie müs­sen ihr Geld in bar ab­ho­len und sich da­bei aus­wei­sen. Da­von ver­spricht sich die Ver­wal­tung er­zie­he­ri­sche Wir­kung.

Or­ga­ni­siert von den Neu­en Nachbarn Ru­dol­stadt und den Be­woh­nern fand am . Au­gust ein Som­mer­fest in der Ge­mein­schafts­un­ter­kunft für Asyl­be­wer­ber in Ru­dol­stadt statt. Am Vor­abend hat­ten zwei Asyl­be­wer­ber Ret­tungs­kräf­te bei ih­rem Ein­satz be­hin­dert. Fo­to: Nor­bert Klein­teich

Mitt­ler­wei­le ein ge­wohn­tes Bild. Ein­satz­kräf­te der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr Ru­dol­stadt in der Ost­stra­ße vor der Ge­mein­schafts­un­ter­kunft für Asyl­be­wer­ber im frü­he­ren Kran­ken­haus. Die Zahl der Ein­sät­ze we­gen Aus­lö­sen der Brand­mel­der hat die  längst über­schrit­ten. Fo­to: Frei­wil­li­ge Feu­er­wehr Ru­dol­stadt

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