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Ostthüringer Zeitung (Saalfeld) - - Thüringen -

ur­mansk, ein lang ge­heg­ter Traum! So rich­tig weiß ich auch nicht war­um? Vi­el­leicht weil es die ein­fachs­te Stre­cke war ans Po­lar­meer zu kom­men, wo Fridtjof Jansen und an­de­re For­scher ihr Aben­teu­er er­leb­ten.

Zu DDR-Zei­ten ha­ben wir meh­re­re An­läu­fe un­ter­nom­men und im­mer ei­nen An­lass ge­sucht, um die Son­der­ge­neh­mi­gung zu be­kom­men. Die Olym­pi­schen Spie­le oder der run­de Jah­res­tag der Deutsch-So­wje­ti­schen Freund­schaft. Aber im­mer wur­den wir ab­ge­lehnt. Auch bei un­se­rer Welt­um­rad­lung durf­ten wir nicht in die­se ab­ge­le­ge­ne Ecke auf der Ko­la­halb­in­sel.

Nun woll­ten wir auf un­se­ren ei­ge­nen Spu­ren zu­rück nach St. Pe­ters­burg rei­sen, um uns sehr wich­tig ge­wor­de­ne Freun­de von da­mals wie­der­zu­tref­fen. Da lag es auf der Hand, die Rä­der mit­zu­neh­men und end­lich ans Po­lar­meer zu ra­deln. Die sehr ent­le­ge­ne, so­wie ge­schichts­träch­ti­ge, wie auch land­schaft­lich ein­ma­li­ge Ge­gend hat uns tief be­ein­druckt.

Die Land­schaft wirkt ur­sprüng­lich. Zwar pas­sie­ren uns ab und zu gro­ße, mit Baum­stäm­men be­la­de­ne Last­wa­gen, den­noch sind wir die letz­ten vier Ta­ge auf ei­ner san­di­gen Pis­te aus­schließ­lich durch end­lo­sen Wald ge­ra­delt, in de­nen die Na­tur in­takt schien. Kein Wald, in dem die Bäu­me in Reih und Glied stan­den, son­dern ein rich­ti­ger Ur­wald, ei­ner der letz­ten und größ­ten Eu­ro­pas. Ei­ner, in den sich die spär­lich ge­sä­ten Dör­fer mit ih­ren al­ten Holz­häu­sern und sorg­sam ab­ge­grenz­ten Gär­ten, in wel­chen die Kar­tof­feln noch in vol­ler Blü­te ste­hen, har­mo­nisch ein­fü­gen und nicht wie ein Krebs­ge­schwür end­los wu­chern. Eher das Ge­gen­teil scheint der Fall: ganz of­fen­sicht­lich ver­las­sen im­mer mehr Men­schen die­se so ab­ge­schie­de­ne Re­gi­on Eu­ro­pas. Jun­ge Leu­te sieht man kaum, Ge­höf­te ver­fal­len, neue wer­den nicht mehr er­rich­tet. Und auch die we­ni­gen Tan­te-Em­ma-Lä­den schei­nen ih­re ro­sigs­ten Zei­ten im So­wjet­reich er­lebt zu ha­ben.

Aus die­ser Zeit stammt wohl auch der Wol­ga, der bei ei­ner kur­zen Rast scharf ne­ben uns ab­bremst. Der forsch aus­stei­gen­de Fah­rer sieht al­ler­dings nicht so aus, als ob er sich nett mit uns un­ter­hal­ten will. Er hält uns ei­nen Aus­weis vor die Na­se und sagt: „Do­bryj djen, Ih­re Pa­pier bit­te.“

Axel und ich müs­sen uns das La­chen ver­knei­fen. Hier ist die Zeit wirk­lich ste­hen­ge­blie­ben. KGB in al­ler­bes­ter Ma­nier.

Auf dem Land sind die­se Hin­ter­wäld­ler wie zu So­wjet­zei­ten noch ak­tiv. In den Städ­ten, in de­nen sich ab und zu aus­län­di­sche Tou­ris­ten auf­hal­ten, be­mer­ke ich sie da­ge­gen nie. Auch nicht in Pe­ters­burg, wo wir un­se­re Tour be­gon­nen ha­ben. Trotz­dem ge­fällt mir die Stadt nicht be­son­ders. Das Win­ter­pa­lais fin­de ich klot­zig, die Pe­ter-und-Paul-Fe­s­tung mit der Ka­the­dra­le, in der die meis­ten Za­ren be­er­digt sind, se­hens­wert, aber nur die Smol­ny-Ka­the­dra­le wirk­lich be­ein­dru­ckend. Die Stadt strotzt vor präch­ti­gen Bau­ten und Denk­mä­lern.

Aber ein völ­lig un­schein­ba­res fällt aus der Rol­le. Ir­gend­wo, dort, wo sich ga­ran­tiert we­der Tou­ris­ten noch Ein­hei­mi­sche hin ver­ir­ren, ste­hen zwei klei­ne sphinx­ar­ti­ge Skulp­tu­ren und star­ren sich aus lee­ren Au­gen an. Ih­re Köp­fe sind hal­be To­ten­schä­del. Da­ne­ben wur­den ein paar St­ei­ne aus So­lo­wetz­ki in die Ufer­mau­er der Ne­wa ge­mau­ert. Und ei­ser­ne Fes­seln mit St­a­chel­draht. Ein un­schein­ba­res Kunst­werk und die ein­zi­ge öf­fent­li­che Er­in­ne­rung in der Stadt an das Leid und den Tod Un­zäh­li­ger im „Ar­chi­pel Gu­lag“. Und das ein­zi­ge, das mich wirk­lich be­rührt.

Die Za­ren gel­ten als Hei­li­ge – min­des­tens. Und Pu­tin, des­sen Bild­nis von T-Shirts und An­den­ken­tas­sen prangt, als mar­tia­li­scher Ret­ter aus dem post­so­wje­ti­schen Cha­os. Die Denk­mä­ler Lenins, der die Za­ren er­mor­den ließ, sind nicht ge­stürzt son­dern wei­sen noch im­mer in ei­ne de­sas­trö­se Zu­kunft, von der uns die Ge­schich­te lehrt, dass sie Mil­lio­nen Op­fer kos­te­te, vor­nehm­lich un­schul­di­ge, ein­fa­che Leu­te.

Wir woll­ten nach Mur­mansk ra­deln und da­mit ei­nen lang­ge­heg­ten Traum Axels rea­li­sie­ren. Die ers­ten Ta­ge be­glei­tet uns un­ser Freund Bo­ris, den wir wäh­rend un­se­rer Welt­rei­se in Sa­ra­tow ken­nen­ge­lernt. Wir freun­de­ten uns an und ge­hör­ten schon nach kur­zer Zeit zur Fa­mi­lie. Lei­der ver­lo­ren wir nach der Welt­rei­se den Kon­takt zu ihm und konn­ten un­se­ren „rus­si­schen Va­ti“erst 25 Jah­re spä­ter durch die Hil­fe ei­ni­ger Freun­de wie­der aus­fin­dig ma­chen. Er hat­te sich kur­zer­hand in den Zug ge­setzt und die Zwei-Ta­ges-Fahrt nach Pe­ters­burg auf sich ge­nom­men, als er hör­te, dass wir hier sind.

Bo­ris ist ei­ner je­ner Ty­pen, die ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang aus­se­hen wie Mit­te Fünf­zig, die kei­nen Al­ko­hol trin­ken und sich dank ei­ner gi­gan­ti­schen Bi­b­lio­thek bes­ser in der Welt aus­ken­nen als in der Hei­mat.

„Ich woll­te mir hier schon im­mer das Ark­tis-Mu­se­um an­schau­en“, er­klärt der heu­te 74-jäh­ri­ge gleich nach un­se­rer Be­grü­ßung. „Und lei­der kann ich nicht lan­ge hier blei­ben. Ich muss zu­rück zu mei­ner klei­nen En­ke­lin, die Ge­burts­tag hat.“

Für ei­nem Fa­mi­li­en­men­schen hat­te ich Bo­ris gar nicht ge­hal­ten, eher für je­man­den, der sich zu sei­nen Bü­cher mehr hin­ge­zo­gen fühl­te, als zu lär­men­den Kin­dern. Der ehe­ma­li­ge Ge­schichts­stu­dent schwärmt von sei­ner Zeit als Ver­mes­ser auf der Tschuk­tschen-Halb­in­sel, von der Zeit, als er in Ba­ku ar­bei­te­te, und er be­schwert sich über Sa­ra­tow, wo die Kri­mi­na­li­tät sei­ner Mei­nung nach in den letz­ten Jah­ren so zu­ge­nom­men hät­te. „Aber nach Wa­laam woll­te ich schon im­mer ein­mal.“

Die­ses auf ei­ner idyl­li­schen In­sel in­mit­ten das La­do­ga­sees ge­le­ge­ne Klos­ter hat ei­ne ur­al­te, wech­sel­vol­le Ge­schich­te. Die So­wjet­zeit, in wel­cher es un­ter an­de­rem als Of­fi­zier­s­ca­si­no dien­te, in dem die Iko­nen auch schon ein­mal als Ziel­schei­ben her­hal­ten muss­ten, stell­te ei­nen Tief­punkt dar. Seit es 1989 wie­der er­öff­net wur­de, hat es sich zu ei­nem Tou­ris­ten­ma­gnet son­der­glei­chen ge­mau­sert. Das ist na­tür­lich nicht spur­los an ihm vor­über­ge­gan­gen, und die Mön­che schei­nen mehr an dem Geld der Be­su­cher als an ih­rem See­len­heil in­ter­es­siert zu sein. Trotz­dem ist das sehr ge­pfleg­te Klos­ter mit sei­nen Tür­men und Zwie­bel­kup­peln am Ran­de ei­ner fjordähn­li­chen Bucht se­hens­wert. Er­ha­ben thront es auf ei­nem Hü­gel und scheint die gan­ze, dicht be­wal­de­te In­sel zu be­herr­schen. „Wa­laam ist ei­nes der be­rühm­tes­ten Klös­ter Russ­lands“, er­klär­te uns Bo­ris, als er uns ei­nen Tag spä­ter nach vie­len Umar­mun­gen wie­der ver­lässt und zu­rück nach Pe­ters­burg fährt. „Aber nun reizt mich das Ark­tis­mu­se­um.“

Wie­der al­lein auf klei­nen Wald­pis­ten mit un­se­ren Rä­dern un­ter­wegs ge­nie­ßen wir die Ein­sam­keit. Scha­de fin­de ich, dass wir die vie­len Pil­ze nicht ver­wer­ten kön­nen, die man hier nicht et­wa su­chen, son­dern höchs­tens auf­sam­meln muss. Ei­ne sol­che fast un­vor­stell­ba­re Dich­te an Bir­ken- oder St­ein­pil­zen ha­be ich noch nie ge­se­hen.

Der Bo­den ist feucht und vie­le Leu­te ha­ben uns vor dem vie­len Re­gen ge­warnt, der in die­ser Jah­res­zeit an­geb­lich fast stän­dig fal­len soll. Und es sieht tat­säch­lich stän­dig so aus, als wenn je­den Au­gen­blick ein kräf­ti­ger Re­gen­guss ein­set­zen wür­de. Zwar schla­gen wir vor­sichts­hal­ber Nacht für Nacht un­se­re Zel­te im Wald auf, doch ei­gent­lich ist das über­flüs­sig. Wir ha­ben un­wahr­schein­li­ches Glück mit dem Wet­ter und bis auf ein we­nig Nie­sel­re­gen al­le paar Ta­ge blei­ben wir völ­lig tro­cken.

Am ein­zi­gen Tag der Rei­se, an dem das Wet­ter wirk­lich ein­mal un­ge­müt­lich ist, las­sen wir un­se­re Rä­der in Kem ste­hen und fah­ren mit ei­nem der letz­ten Schif­fe, die die­se Sai­son noch un­ter­wegs sind, auf die na­he­ge­le­ge­ne In­sel So­lo­wet­ski. Fast als ers­tes tau­chen aus dem Ne­bel un­glaub­lich wuch­ti­ge Fes­tungs­mau­ern auf. Dann er­ken­nen wir dar­über die be­rühm­te Sil­hou­et­te ei­nes wei­te­ren, noch be­rühm­te­ren Klos­ters.

Es ist rie­sig und so ver­win­kelt auf­ge­baut, so dass wir nur schwer ei­nen Über­blick ge­win­nen kön­nen. Die mons­trö­sen Mau­ern sind Zar Pe­ter dem Gro­ßen zu ver­dan­ken, der hier we­gen der im­mer wie­der ein­fal­len­den Schwe­den ei­ne Fe­s­tung ha­ben woll­te. Er ver­schaff­te den Mön­chen auch gleich ei­ne Ein­kom­mens­mög­lich­keit – als Wäch­ter für po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne, die in den Kase­mat­ten schmor­ten oder bes­ser fro­ren.

Mit der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on än­der­ten sich die Ver­hält­nis­se. Aus den Ge­fan­gen wur­den Wäch­ter, aus den Wäch­tern Ge­fan­ge­ne. Al­ler­dings ge­nüg­ten Le­nin die paar Zel­len nicht im ent­fern­tes­ten und er ließ das ers­te rus­si­sche Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger auf So­lo­wetz­ki er­rich­ten. Dass wäh­rend ei­ner Epi­de­mie tau­sen­de In­haf­tier­te star­ben, reich­te den Ma­chern des Ro­ten Ter­rors of­fen­bar nicht. Sie lie­ßen wei­te­re Zehn­tau­sen­de in den na­hen Wäl­dern er­schie­ßen. Da­zu ka­men un­zäh­li­ge wei­te­re To­te, die an Ent­kräf­tung und Un­ter­ernäh­rung star­ben. Über zwei­ein­halb Mil­lio­nen To­te gin­gen ins­ge­samt auf das Kon­to der Gu­lags.

Den­noch ist von al­le­dem fast nichts mehr zu se­hen. Füh­run­gen durch das Klos­ter wer­den an­ge­bo­ten, ein Mu­se­ums­be­such emp­foh­len. Aber wer tat­säch­lich et­was über die Zeit des ers­ten rus­si­schen Gu­lags er­fah­ren will, muss sich um­ständ­lich zu ei­nem un­schein­ba­ren Häus­chen durch­fra­gen, in wel­chem ei­ne klei­ne Aus­stel­lung von Fo­tos und Do­ku­men­ten ein we­nig Licht in die Düs­ter­nis die­ser Zeit bringt. Na­tür­lich nur auf Rus­sisch. Doch Rus­sen be­su­chen So­lo­wetz­ki we­gen des Klos­ters, nicht wie wir, we­gen des Gu­lags. Schließ­lich wol­len sie nicht zu­las­sen, dass ih­nen laut Pu­tin „ein Schuld­ge­fühl auf­ge­zwun­gen“wird. Ge­schicht­li­che Au­f­ar­bei­tung ist je­den­falls kei­ne rus­si­sche Stär­ke.

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