Ge­gen Än­de­run­gen des Wahl­rechts

Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le schal­tet sich in die Is­lam-De­bat­te ein – und warnt vor den Fol­gen der Mi­gra­ti­on

Ostthüringer Zeitung (Stadtroda) - - Erste Seite - Von Jo­chen Gaugele und Phil­ipp Ne­u­mann Dar­über kann man un­ter­schied­li­cher Mei­nung sein.

Ber­lin. Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le hält es für un­rea­lis­tisch, das deut­sche Wahl­recht zu än­dern, um ei­ne Auf­blä­hung des Par­la­ments zu ver­hin­dern.

„Un­ser Wahl­recht ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sehr ver­fes­tigt, au­ßer­dem er­fährt es ho­he Ak­zep­tanz bei den Wäh­lern“, sag­te der CDU-Po­li­ti­ker den Zei­tun­gen der Fun­ke Me­di­en­grup­pe.

Ber­lin. Wäh­rend der Re­gie­rungs­bil­dung hat sich Wolf­gang Schäu­b­le mit Kom­men­ta­ren zu­rück­ge­hal­ten – jetzt öff­net der neue Bun­des­tags­prä­si­dent sein weit­läu­fi­ges Bü­ro im Reichs­tags­ge­bäu­de, vom dem aus er ei­nen Blick auf den Ber­li­ner Tier­gar­ten hat, für die Re­dak­teu­re die­ser Zei­tung. Über sei­nem Schreib­tisch hängt ein mo­nu­men­ta­les Wand­ob­jekt, ei­ne Ver­bin­dung von Ma­le­rei und Skulp­tur, die Schäu­bles Vor­gän­ger Nor­bert Lam­mert aus­ge­sucht hat. Vor ei­nem gel­ben Hin­ter­grund steht ei­ne Bron­ze­fi­gur, die ver­sucht, das Gleich­ge­wicht zu hal­ten. Der Ti­tel des Werks von Hein­rich Brock­mei­er und Uschi Klaas: „Ba­lan­ce“.

Ha­ben Sie Freu­de am neu­en Amt, Herr Schäu­b­le? Wolf­gang Schäu­b­le:Ja.

Gibt es ein Er­leb­nis aus den ers­ten Mo­na­ten, das sich bei Ih­nen be­son­ders ein­ge­prägt hat?

Da muss ich ein biss­chen pas­sen. Ich bin ein so alt­ge­dien­ter Par­la­men­ta­ri­er, dass ich mich nicht wirk­lich ein­ar­bei­ten muss­te. Neu ist, dass ich jetzt ei­ne an­de­re Ver­ant­wor­tung ha­be und dass es sechs Frak­tio­nen im Bun­des­tag gibt – so vie­le wie nie zu­vor.

Wie wirkt sich der Ein­zug der AfD in das Par­la­ment aus?

Die De­bat­ten sind grund­sätz­li­cher und strei­ti­ger ge­wor­den. Das hat auch et­was Po­si­ti­ves, was die Qua­li­tät und die Le­ben­dig­keit der Aus­ein­an­der­set­zung an­geht. Üb­ri­gens sagt die AfD von sich selbst, dass sie sich noch fin­den muss.

Wie neh­men Sie den an­hal­ten­den Streit zwi­schen den Uni­ons­par­tei­en wahr, ob der Is­lam zu Deutsch­land ge­hört? Die Uni­on hat in ih­rer Ge­schich­te reich­lich be­wie­sen, dass sie kei­ne an­de­re Par­tei braucht, um sich zu strei­ten. Ich ha­be noch ei­ne leb­haf­te Er­in­ne­rung an 1976 und den Be­schluss der CSU von Kreuth, die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft auf­zu­kün­di­gen. Ich hal­te es für klug, dass Horst See­ho­fer nun die Is­lam­kon­fe­renz wie­der­be­le­ben will, die ich 2006 als In­nen­mi­nis­ter ge­grün­det ha­be. Ich ha­be da­mals als ers­ter Re­gie­rungs­po­li­ti­ker ge­sagt: Der Is­lam ist ein Teil un­se­res Lan­des. Das hat gar nicht so viel Auf­re­gung aus­ge­löst, weil es ei­gent­lich ei­ne Tat­sa­chen­be­schrei­bung ist. Wenn ich sa­ge, das Wet­ter ist heu­te grau, dann ist das auch ei­ne Tat­sa­chen­be­schrei­bung.

Die Fra­ge ist doch, ob die be­schrie­be­ne Tat­sa­che wün­schens­wert ist. Sa­gen Sie uns Ih­re.

Wir lie­gen im­mer falsch, wenn wir die Ve­rän­de­run­gen, die statt­fin­den, nicht ak­zep­tie­ren wol­len. Wir müs­sen mit den Ve­rän­de­run­gen le­ben und ver­su­chen, sie zu ge­stal­ten. Wir kön­nen nicht den Gang der Ge­schich­te auf­hal­ten. Al­le müs­sen sich da­mit aus­ein­an­der­set­zen, dass der Is­lam ein Teil un­se­res Lan­des ge­wor­den ist.

Be­deu­tet kon­kret?

Die Mus­li­me müs­sen sich klar­ma­chen, dass sie in ei­nem Land le­ben, das nicht von mus­li­mi­schen Tra­di­tio­nen ge­prägt ist. Und der Rest der Be­völ­ke­rung muss ak­zep­tie­ren, dass es in Deutsch­land ei­nen wach­sen­den An­teil von Mus­li­men gibt. Wir brau­chen ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt und Re­geln, die auf den Wer­ten des Grund­ge­set­zes be­ru­hen. Es geht um fried­li­ches Mit­ein­an­der und das Re­spek­tie­ren von Un­ter­schie­den. Das ist ei­ne rie­si­ge Gestal­tungs­auf­ga­be. Ei­ne frei­heit­li­che Ge­sell­schaft bleibt nur sta­bil, wenn sie ein hin­rei­chen­des Maß an Zu­ge­hö­rig­keit und Ver­traut­heit ver­mit­telt.

Was ist mit Mus­li­men, die ih­re Re­li­gi­on über das Grund­ge­setz stel­len – und Nor­men wie die Gleich­be­rech­ti­gung der Frau nicht ak­zep­tie­ren? Ge­hö­ren auch sie zu Deutsch­land? Es gibt Men­schen ganz un­ter­schied­li­cher Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, die un­se­re Re­geln nicht ak­zep­tie­ren wol­len. Des­we­gen ha­ben wir üb­ri­gens die Po­li­zei, die Justiz und so­gar Ge­fäng­nis­se. Da­mit sich al­le in un­se­rem frei­heit­li­chen Staat si­cher füh­len kön­nen, müs­sen die Re­geln für al­le gel­ten. Aber na­tür­lich ge­hö­ren auch die Rechts­bre­cher und die Ge­fäng­nis­in­sas­sen zu Deutsch­land.

Wie ord­nen Sie je­ne ein, die Ju­den­hass zur Schau tra­gen? In den mus­li­mi­schen Ge­mein­schaf­ten gibt es vie­le, die ein star­kes En­ga­ge­ment ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus zei­gen. Und in der Ge­schich­te sind Ju­den­po­gro­me in der is­la­mi­schen Welt nicht so aus­ge­prägt ge­we­sen wie in an­de­ren Re­gio­nen – um auch das mal zu sa­gen. Doch gibt es in der Tat die wach­sen­de Sor­ge, dass ra­di­ka­le Mus­li­me in Eu­ro­pa ei­nen auch vom An­ti­zio­nis­mus ge­speis­ten, ir­ra­tio­na­len Hass auf Ju­den ver­brei­ten. Das ge­schieht be­son­ders in Frankreich, aber auch in Deutsch­land. Da­ge­gen muss man mit al­ler Ent­schie­den­heit vor­ge­hen. Wor­auf wol­len Sie hin­aus? An­ti­se­mi­tis­mus ist kein spe­zi­ell mus­li­mi­sches Pro­blem. An­ti­se­mi­tis­mus gibt es in Eu­ro­pa seit Jahr­hun­der­ten, ge­ra­de in Deutsch­land mit der ent­setz­li­chen Fol­ge des Ho­lo­caust – aber jetzt wird er auch durch Mi­gra­ti­on und durch den von ra­di­ka­len Kräf­ten in der is­la­mi­schen Welt ge­schür­ten Hass auf Is­ra­el wie­der stär­ker. Das zeigt, wie groß die Auf­ga­be für frei­heit­li­che Ge­sell­schaf­ten ist, Er­run­gen­schaf­ten wie To­le­ranz und Re­li­gi­ons­frei­heit un­ter den Be­din­gun­gen des schnel­len Wan­dels und die­ser ge­wal­ti­gen Mi­gra­ti­on durch­zu­set­zen. Das ist der gro­ße Stress­test für die west­li­chen De­mo­kra­ti­en. Und wir in Deutsch­land kön­nen An­ti­se­mi­tis­mus we­ni­ger als je­des an­de­re Land dul­den. Die Be­kämp­fung von An­ti­se­mi­tis­mus ge­hört ge­ra­de­zu zum Grün­dungs­kon­sens der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ...

... dem sich am rech­ten und am lin­ken Rand des po­li­ti­schen Spek­trums je­den­falls nicht al­le ver­pflich­tet füh­len. Tei­len Sie die An­sicht, dass gro­ße Ko­ali­tio­nen die Ex­tre­me stär­ken? Ich bin nie ein An­hän­ger gro­ßer Ko­ali­tio­nen ge­we­sen. Man muss sie ma­chen, wenn es kei­ne an­de­re Mehr­heit gibt. Ich hof­fe, dass die­se Re­gie­rung die nächs­ten vier Jah­re gut ge­stal­ten wird. Die Ve­rän­de­run­gen wer­den so atem­be­rau­bend sein wie in der ver­gan­ge­nen Wahl­pe­ri­ode.

Ist der Bun­des­tag mit mehr als 700 Ab­ge­ord­ne­ten zu groß ge­wor­den? Drin­gen Sie auf ei­ne Än­de­rung des Wahl­rechts wie Ihr Vor­gän­ger Nor­bert Lam­mert? Mein Vor­gän­ger hat­te völ­lig recht, das zu ver­su­chen. Aber ei­ne Än­de­rung des Wahl­rechts ist leicht ge­for­dert und schwer er­reicht. Der Bun­des­tag ist re­la­tiv groß ge­wor­den. Un­ser Wahl­recht ist durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts sehr ver­fes­tigt, au­ßer­dem er­fährt es ho­he Ak­zep­tanz bei den Wäh­lern. Ei­ne Än­de­rung kommt fast schon der Qua­dra­tur des Krei­ses gleich.

Was schla­gen Sie vor?

Ich ha­be gleich zu Be­ginn der Wahl­pe­ri­ode mit al­len Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den das Ge­spräch ge­sucht, weil je­de Wahl­rechts­än­de­rung im über­grei­fen­den Kon­sens be­schlos­sen wer­den soll­te. Un­ter mei­nem Vor­sitz ha­ben wir ei­ne Ar­beits­grup­pe ge­grün­det, in die je­de Frak­ti­on ei­nen Be­auf­trag­ten ent­sandt hat. Aber wer die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein biss­chen liest, der sieht, wie schwie­rig das rein recht­lich wird.

Spre­chen Sie in die­ser Ar­beits­grup­pe auch über ei­ne Ver­län­ge­rung der Wahl­pe­ri­ode? Nein. Ich per­sön­lich bin auch kein An­hän­ger ei­ner län­ge­ren Wahl­pe­ri­ode. Ich bin ganz zu­frie­den, dass wir in die­sem Jahr nicht schon wie­der wäh­len. (lacht)

„Na­tür­lich ge­hö­ren auch die Rechts­bre­cher und die Ge­fäng­nis­in­sas­sen zu Deutsch­land.“

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