Wie in der Drei­gro­schen­oper

Ostthüringer Zeitung (Stadtroda) - - Erste Seite - Von Jörg Rie­bartsch

Die Re­fle­xe sind vor­her­seh­bar. Kaum gibt es Kri­tik an Russ­land, mel­den sich wie be­stellt die Freun­de des dor­ti­gen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Pu­tin: in so­zia­len Netz­wer­ken, in Le­ser­brie­fen, teil­wei­se wort­gleich. Nach ei­nem Gift­an­schlag auf ei­nen frü­he­ren rus­si­schen Agen­ten in Lon­don war der Kreml von den Bri­ten rasch als Ur­he­ber des At­ten­tats aus­ge­macht. Un­ter den Mit­glieds­staa­ten der EU hat dies zu ei­ner eher sel­te­nen So­li­da­ri­sie­rung ge­führt. Nicht al­le, aber vie­le Län­der ha­ben als Stra­fe rus­si­sche Di­plo­ma­ten aus­ge­wie­sen. Spio­ne, wie es heißt.

Russ­land wie­der­um re­van­chiert sich und weist je­weils die glei­che Men­ge an Bot­schafts­per­so­nal aus. Das sei wie im Kal­ten Krieg, mah­nen selbst er­nann­te Di­plo­ma­ten. In der Au­ßen­po­li­tik und beim The­ma Frie­den ist es wie beim Fuß­ball­trai­ner: Je­der weiß, wie es bes­ser geht, wenn die ei­ge­ne Mann­schaft ver­lo­ren hat.

Jen­seits vor­ge­stanz­ter und der an­ge­staub­ten Abla­ge ent­nom­me­ner Mei­nun­gen wird man eher zu dem Ur­teil kom­men, dass man sich ab­seits ver­ba­ler Ent­rüs­tun­gen vor al­lem die gu­ten Ge­schäf­te nicht ver­der­ben las­sen will. Deutsch­land mag Pu­tins Ge­sand­te aus­wei­sen, wie es will. Der Han­del mit Russ­land wächst und ge­deiht. Im­por­te wie auch Ex­por­te ha­ben sehr deut­lich zu­ge­nom­men, auch wenn ge­le­gent­lich von der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer in Ost­thü­rin­gen be­klagt wird, dass ein­zel­ne Un­ter­neh­men un­ter den EU-Be­schrän­kun­gen zum Han­del mit Russ­land lei­den.

Da­zu passt, dass in der glei­chen Wo­che, in der mit dro­hen­der Ges­te Di­plo­ma­ten auf Hei­mat­ur­laub ge­schickt wur­den, Deutsch­land ei­nen rie­si­gen Schritt zu ei­nem dau­er­haf­ten stär­ke­ren Han­del mit Russ­land ge­tan hat. Als ers­ter Staat ge­neh­mig­te die Bun­des­re­pu­blik „Nord­stream 2“, ei­ne Gas­pipe­line von Russ­land di­rekt nach Deutsch­land.

Denn wenn es ums Ge­schäft geht, ste­hen für Deutsch­land po­li­ti­sche Er­wä­gun­gen nicht un­mit­tel­bar im Vor­der­grund. Mit der Dik­ta­tur Chi­na pflegt man gern Wirt­schafts­be­zie­hun­gen. Der Han­del zwi­schen der EU und der Volks­re­pu­blik hat sich seit dem Jahr 2000 ver­drei­facht. In kein an­de­res Land der Welt ver­kauft die Fir­ma Volks­wa­gen so vie­le Au­tos wie nach Chi­na.

Ähn­lich er­folg­reich ver­läuft auch das Geld­ver­die­nen mit der so­zia­lis­ti­schen Re­pu­blik Viet­nam. Da soll­te man sich auch nicht stö­ren las­sen, wenn am hell­lich­ten Tag in Ber­lin ein Viet­na­me­se ge­kid­nappt wird, um ihn in Viet­nam vor Ge­richt zu stel­len. Moral macht halt nicht satt, wuss­te schon Brecht in sei­ner Drei­gro­schen­oper.

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