Schlem­mer-Brunch

Hin­ter dem neu­en Re­stau­rant „Omay­ya“in Ge­ra steht ei­ne sy­risch-deut­sche Fa­mi­li­en­ge­schich­te: Ei­ne Ge­schich­te über Lie­be, Krieg und Frie­den

Ostthüringer Zeitung (Stadtroda) - - Erste Seite - Von El­ke Lier

Aus­ge­dehn­tes Früh­stück hier­zu­lan­de und an­ders­wo

Ge­ra. Wer im kal­ten Ge­ra­er Früh­ling die Tür zum Re­stau­rant „Omay­ya“öff­net, tritt ein in ei­ne Welt wie aus Tau­send­und­ei­ner Nacht. Mär­chen­blaue Wän­de, Sitz­bän­ke mit gold­ge­wirk­ten und bun­ten Kis­sen mit Trod­deln, fei­ne Flie­sen am Bo­den und an den Wän­den, ver­spie­gel­te klei­ne Fens­ter­chen, hand­ge­schmie­de­te Lam­pen und da­zu ei­ne de­zen­te ori­en­ta­li­sche Mu­sik. Im De­zem­ber 2017 hat das Ehe­paar Bet­ti­na Hol­len­stei­ner und Ma­zen Kal­fou­ny das Re­stau­rant in der Pfor­te­ner Stra­ße 13 A er­öff­net. Ein Wag­nis. Doch ein­grei­fen­de Ent­schei­dun­gen prä­gen das Le­ben der bei­den stän­dig.

Al­les be­ginnt 2003 mit dem Tanz in den Mai

Der Sy­rer Ma­zen Kal­fou­ny kam be­reits vor 20 Jah­ren aus Da­mas­kus nach Deutsch­land: „Die Ziel­stre­big­keit und Wil­lens­kraft der Deut­schen, die nach dem Krieg al­les wie­der auf­ge­baut ha­ben, das hat­te mich als jun­gen Mann be­ein­druckt. Ich ging nach Ham­burg, wo ich ei­ne Lo­gis­tik­aus­bil­dung mach­te und ne­ben­her in der Kü­che und im Ser­vice sy­ri­scher Re­stau­rants ar­bei­te­te. Das Ko­chen war schon im­mer mei­ne ge­hei­me Lei­den­schaft .“

Bet­ti­na Hol­len­stei­ner ist Tän­ze­rin mit Mu­si­call­auf­bahn und seit 20 Jah­ren am re­nom­mier­ten St. Pau­li Thea­ter Ham­burg en­ga­giert. Sie ar­bei­te­te als Cho­reo­gra­phin, Re­gie­as­sis­ten­tin und Abend­spiel­lei­te­rin, mitt­ler­wei­le in der Ver­triebs­lei­tung. Gas­tro­no­mi­sche Er­fah­run­gen sam­mel­te sie als Stu­den­tin beim Be­die­nen und in der Spül­kü­che.

„Der Tanz in den Mai hat uns am letz­ten April­tag 2003 zu­sam­men­ge­bracht“, er­in­nert sich Bet­ti­na Hol­len­stei­ner an die ers­te Be­geg­nung mit dem Sy­rer Ma­zen. Vor acht Jah­ren wur­den sie ein Paar, vor ei­nem Jahr ein Ehe­paar. Sie hei­ra­te­te sei­ne gro­ße Fa­mi­lie mit.

Zu­sam­men­halt, Ver­läss­lich­keit, un­be­ding­te Hil­fe un­ter­ein­an­der, das ist un­ge­schrie­be­nes Ge­setz in al­len ara­bi­schen Fa­mi­li­en. Erst recht in Kriegs­zei­ten. Der sy­ri­sche Bür­ger­krieg ver­trieb auch Ma­zens Fa­mi­lie aus der un­si­cher und ge­fähr­lich ge­wor­de­nen sy­ri­schen Haupt­stadt Da­mas­kus. 2013 hol­ten Bet­ti­na und Ma­zen die El­tern und ei­ne der Schwes­tern mit Nef­fen per Nach­zugs­vi­sum nach Ham­burg. Am Hei­lig­abend 2013 schloss sich die Fa­mi­lie in die Ar­me.

In Bet­ti­na Hol­len­stei­ners Ham­bur­ger Alt­bau­woh­nung rück­te man eng zu­sam­men, sie war zum ganz pri­va­ten Erst­auf­nah­me­la­ger der Flücht­lin­ge ge­wor­den. „Aus Lie­be zu Ma­zen und sei­nen An­ge­hö­ri­gen, aber auch, weil ich als Ham­bur­ge­rin ein welt­of­fe­ner Mensch bin, im Thea­ter mit in­ter­na­tio­na­len Künst­lern zu­sam­men­ar­bei­te, ha­be ich das ger­ne ge­tan““, er­klärt Bet­ti­na Hol­len­stei­ner .

Der Krieg in Sy­ri­en wei­te­te sich aus, wur­de im­mer bru­ta­ler, fin­det bis heu­te kein En­de. Mit der Flücht­lings­wel­le 2015 ka­men nach drei­mo­na­ti­ger Fluch­todys­see wei­te­re 19 Fa­mi­li­en­mit­glie­der der Kal­fou­n­ys nach Deutsch­land. Aber nicht in den Nor­den zur Fa­mi­lie nach Ham­burg, son­dern ins thü­rin­gi­sche Herms­dorf und von dort nach Ge­ra. Ma­zen und sein Va­ter, ein Da­ma­sze­ner Ein­zel­händ­ler, mach­ten sich auf den Weg nach Ge­ra, um zu hel­fen. In Ham­burg blieb Bet­ti­na Hol­len­stei­ner zu­rück.

„Wir führ­ten nur noch ei­ne Fern­be­zie­hung. An den Wo­che­n­en­den, im Ur­laub kam ich von Ham­burg nach Ge­ra, un­ter­stütz­te die Neu­an­kömm­lin­ge bei Schu­le, Aus­bil­dung und Deutsch ler­nen.“Zu kräf­te­zeh­rend wur­de die­se Pen­de­lei über fast 500 Ki­lo­me­ter von Nord nach Süd und re­tour. Plä­ne ei­nes ei­ge­nen klei­nen, fei­nen Re­stau­rants in Ge­ra reif­ten. Und da­mit auch Um­zugs­plä­ne für Bet­ti­na Hol­len­stei­ner. „Im Sep­tem­ber 2017 ent­deck­ten wir die­se ehe­ma­li­ge Gas­tro­no­mie“, be­rich­tet Ma­zen Kal­fou­ny. Im No­vem­ber gab es den ers­ten Schnup­per­tag und im De­zem­ber öff­ne­te das Re­stau­rant „Omay­ya“. Be­trie­ben wird es von dem deutsch-sy­ri­schen Ehe­paar, ei­nem Cou­sin und ei­nem Freund der Fa­mi­lie.

Ein ech­ter Fa­mi­li­en­be­trieb, der auf sei­ner Spei­se­kar­te „fei­ne sy­ri­sche Kü­che“ver­spricht. Und das zu Recht. „Wir woll­ten kei­nen Im­biss oder ein Schnell­re­stau­rant, son­dern auch Kul­tur und ku­li­na­ri­sche Spe­zia­li­tä­ten mei­ner sy­ri­schen Hei­mat ver­mit­teln“, er­klärt Ma­zen die Ge­schäfts­idee.

Auf zwölf Tel­ler­chen wie aus der Pup­pen­kü­che ist die be­lieb­te, tra­di­tio­nel­le sy­ri­sche Vor­spei­se Maz­za an­ge­rich­tet mit ver­schie­de­nen Ge­mü­sen, Pas­ten, Lamm­würst­chen, Fala­fel. So ein ku­li­na­ri­sches Kunst­werk kann man nur mit gro­ßer Akri­bie, Phan­ta­sie und Ge­duld her­stel­len. Ma­zen freut sich über das Lob: „Maz­za ist mei­ne Spe­zia­li­tät.“ Ob Lin­sen­sup­pe, Fat­tusch, ein Sa­lat mit Nüs­sen und Gra­nat­äp­feln oder Schau­wer­ma, Hähn­chen­ge­schnet­zel­tes mit Thy­mi­an und Kur­ku­ma, al­le Lan­des­ge­rich­te und ih­re Zu­ta­ten sind auf Deutsch er­klärt. Al­le Ge­wür­ze, Oli­ven­öl, Si­rup, Tro­cken­wa­re kom­men aus Sy­ri­en. Die Spei­se­kar­te wur­de mit Un­ter­stüt­zung ei­nes Freun­des der Kal­fou­n­ys zu­sam­men­ge­stellt, ei­nem Koch, der be­reits für das sau­di­sche Kö­nigs­haus ge­kocht hat.

Der wach­sen­de Zustrom an Gäs­ten be­stä­tigt, dass den Ge­ra­ern die sy­ri­sche Kü­che schmeckt.

Die Han­sea­tin Hol­len­stei­ner cha­rak­te­ri­siert die Ge­ra­er als „im Grun­de wahn­sin­nig net­te Men­schen. Nur ist es manch­mal schwie­rig, hin­ter die Fas­sa­de zu gu­cken, sie sind sehr vor­sich­tig, zu­rück­hal­tend. Es ist eben ein ganz an­de­rer Sch­nack hier.“

Auch ha­be sie ein­mal un­an­ge­nehm die ab­schät­zi­gen Bli­cke ge­spürt, als sie mit der fröh­lich­lau­ten Kin­der­schar der gro­ßen sy­ri­schen Ver­wandt­schaft auf dem Spiel­platz un­ter­wegs war. Völ­lig be­geis­tert hat die bei­den Ham­bur­ger der Be­such im Ge­ra­er Me­tro­pol Ki­no. „Das ist et­was ganz Ei­ge­nes. Das hat At­mo­sphä­re“, schwärmt Bet­ti­na, die als ehe­ma­li­ge Tän­ze­rin un­be­dingt auch das Thü­rin­ger Staats­bal­lett am Ge­ra­er Thea­ter er­le­ben möch­te. Im Mo­ment je­doch ge­hört ih­re gan­ze Zeit dem Re­stau­rant.

Ein­tra­gun­gen ins vir­tu­el­le Gäs­te­buch wi­der­spie­geln die Über­ra­schung und Zuf­rie­den­heit, die die Be­su­cher nach dem Re­stau­rant­be­such mit nach Hau­se neh­men. Das Ehe­paar Chris­ti­ne und Die­ter Schmei­ßer aus Ge­ra hat sich sei­nen 43. Hoch­zeits­tag aus­ge­sucht, um den Re­stau­rant­be­such hier zu wie­der­ho­len: „Es ist ei­ne ganz an­de­re Welt, mit un­be­kann­ten, wohl­schme­cken­den Spei­sen und man wird sehr freund­lich be­dient“, nennt Chris­ti­ne Schmei­ßer die Grün­de, im „Omay­ya“Gast zu sein.

Sy­ri­en auf kleins­tem Raum zum Er­leb­nis wer­den zu las­sen, auch auf der Ter­ras­se, das ist das nächs­te Ziel. „Wir sind mit der Haus­ver­wal­tung in Ver­hand­lung, Zi­tro­nen-, Oran­gen- und Oli­ven­bäu­me pflan­zen zu dür­fen. Es soll ei­ne Ecke mit groß­städ­ti­schem Flair ge­ben eben­so wie ein Be­dui­nen­zelt, das an die Wüs­te der Hei­mat er­in­nert.“

Zu­rück nach Hau­se, wol­len das die sy­ri­schen Lands­leu­te? „Ja, wenn end­lich wie­der Frie­den ist in Sy­ri­en, sich al­les be­ru­higt, wür­den vie­le Fa­mi­li­en ger­ne zu­rück­keh­ren“, weiß Ma­zen. „Leu­te mei­ner Ge­ne­ra­ti­on hat­ten gu­te Be­ru­fe, wa­ren In­ge­nieu­re, Ärz­te, Leh­rer, Apo­the­ker, ex­zel­len­te Hand­wer­ker. Hier in Deutsch­land be­ruf­lich wie­der Fuß zu fas­sen ist schwer, äu­ßerst lang­wie­rig. Die Sehn­sucht bleibt. Und Sy­ri­en braucht Men­schen, die das Land wie­der auf­bau­en, das Le­ben in den zer­stör­ten Städ­ten und Dör­fern wie­der er­we­cken.“

Das Re­stau­rant in Pfor­ten trägt den Na­men „Omay­ya“. Die Omay­y­den sind ein ara­bi­scher Fa­mi­li­en­stamm, dem auch der Re­li­gi­ons­grün­der Mo­ham­med an­ge­hör­te. Sie tru­gen we­sent­lich zum Na­tio­nal­be­wusst­sein des ara­bi­schen Vol­kes bei. In Ge­ra ha­ben ak­tu­ell 298 aus­län­di­sche Mit­bür­ger ein Ge­wer­be an­ge­mel­det. Das Re­stau­rant „Omay­ya“ge­hört da­zu. Es ist ein ku­li­na­ri­scher Bot­schaf­ter Sy­ri­ens, ei­ne Oa­se der Gast­freund­schaft und Herz­lich­keit.

Vor­sich­tig und nett sind die Ge­ra­er

Das Ehe­paar Ma­zen Kaslfou­ny und Bet­ti­na Hol­len­stei­ner mit Da­ma­sze­ner Köst­lich­kei­ten, die ein sy­ri­scher Kon­di­tor in Ber­lin fer­tigt: Bak­la­va und Vo­gel­nes­ter aus Cas­hew­ker­nen und fei­nen Blät­ter­teig­fä­den. Fo­tos (): El­ke Lier

Das Re­stau­rant „Omay­ya“in der Pfor­te­ner Stra­ße A in Ge­ra.

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