Moral­fra­ge

Wie sty­lish muss ei­ne Bä­cke­rei sein? Gar nicht mal so, er­kennt Dr. Clau­dia Ger­des

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● De­sign ist mäch­tig, es kann zau­bern und je­de Krö­te in ei­nen wun­der­schö­nen Prin­zen ver­wan­deln! Et­wa bei der Fi­lia­le ei­ner Bä­cke­rei­ket­te bei mir um die Ecke, wo die Wa­re im­mer eben­so schrot­tig aus­sah wie das In­te­ri­eur. Dann, oh Wun­der: ein neu­es Shop­de­sign mit viel Holz und schwar­zer Aus­la­ge. Und auf Schwarz wir­ken die glei­chen pap­pi­gen Bröt­chen plötz­lich wie Ju­we­len . . .

Ei­gent­lich ist gu­tes De­sign für al­le, auch Käu­fer preis­wer­ter Papp­bröt­chen, ja ei­ne löb­li­che Sa­che. Woll­te das Bau­haus nicht schon so was Ähn­li­ches? Ar­bei­ten wir bei PA­GE nicht seit Jah­ren ver­bis­sen für bes­se­res De­sign im All­tag? Was ist schlecht da­ran, wenn Bröt­chen man­chem bes­ser schme­cken, weil sie aus ei­nem schi­cke­ren La­den kom­men?

Trotz­dem geht mir an der gan­zen neu­mo­di­schen Food­ins­ze­nie­rung ei­ni­ges mäch­tig auf den Keks. Na­tür­lich das ekla­tan­te Aus­ein­an­der­drif­ten von Form und In­halt be­zie­hungs­wei­se Look und Qua­li­tät. Lus­ti­ger­wei­se war­tet fast di­rekt ne­ben oben ge­nann­tem Bä­cker die Fi­lia­le ei­ner un­ge­fähr dop­pelt so teu­ren Bio­bä­cke­rei­ket­te mit ed­ler höl­zer­ner Stra­ßen­front auf, die sich erst bei nä­he­rem Hin­se­hen als pu­re Fo­to­ta­pe­te ent­puppt. Ich hof­fe mal stark, dass die es bei der Bio­qua­li­tät ih­rer Bro­te nicht eben­so lo­cker mit der Wahr­heit neh­men.

Al­le ma­chen zur­zeit halt das­sel­be, ob Back­shop, Asia­im­biss oder Su­per­markt: sich zu­min­dest op­tisch vom Junk­food ab­set­zen. Die ei­nen nen­nen das Hof­la­den­stil, die an­de­ren ei­ne »mo­der­ne In­ter­pre­ta­ti­on des Tan­te­em­ma­la­dens «, wie die Ent­wick­ler der ed­len Rewe­bio­la­den­ket­te Tem­ma (drum der Na­me). Fast zwangs­läu­fig ge­hö­ren zur Op­tik: Holz oder et­was, das so aus­sieht, schwar­ze Flä­chen, die edel wir­ken, aber auch gern wie Krei­de­ta­feln mit »Hand­let­te­ring« ver­se­hen sind, of­fe­ne De­cken mit sicht­ba­rer Haus­tech­nik, Retro­flie­sen et ce­te­ra. Re­tail­de­sign­blogs zei­gen Hun­der­te sol­cher In­te­ri­eurs, aus Ber­lin, Pe­king oder Mel­bourne. Al­les ganz hübsch, aber an­ge­sichts die­ser glo­ba­len vi­su­el­len Mo­no­to­nie seh­ne ich mich fast nach dem voll­ge­stopf­ten al­ten Bio­läd­chen zu­rück, das vor zwei Jah­ren der Hips­ter­kon­kur­renz wei­chen muss­te. Schi­ckes De­sign ist eben doch nicht al­les.

Ju­bi­lä­ums-bran­ding. Ei­gent­lich fei­ert das Bau­haus sei­nen 100. Ge­burts­tag erst 2019. Doch die in­ter­na­tio­na­le Kam­pa­gne der Ber­li­ner Agen­tur Stan He­ma wirft be­reits jetzt ers­te Net­ze aus. Ge­mäß der Dok­trin des Bau­hau­ses, je­den zur Mit­wir­kung ein­zu­la­den, kön­nen In­ter­es­sier­te ih­ren per­sön­li­chen Blick aufs Bau­haus ver­brei­ten. Wie in der ge­sam­ten Ju­bi­lä­ums­kom­mu­ni­ka­ti­on, in der die Zahl 100 ge­mor­pht, aus Gold ge­gos­sen oder aus Mar­mor ge­fräst ist, steht sie auch hier im Mit­tel­punkt. So ist sie als Scha­blo­ne in ei­ne Fo­toApp ein­ge­baut, die ab Ju­ni zum Down­load be­reit­steht und mit der sich die ei­ge­ne Sicht auf das Bau­haus vi­sua­li­sie­ren und dar­über hin­aus un­ter #bau­haus100 in den so­zia­len Me­di­en kom­mu­ni­zie­ren lässt. Al­les un­ter www.bau­haus100.de. sd

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