Prin­zip Ri­si­ko Frei­heit und Glück sind oh­ne Ri­si­ko nicht zu ha­ben.

Al­le vier Wo­chen fin­den in Ham­burg die »Crea­ti­ve Mornings« statt. Nicht De­si­gner stel­len sich hier mit span­nen­den Bei­trä­gen vor, son­dern Men­schen, die auf an­de­re Wei­se krea­tiv sind. Das April­mot­to war »Ri­si­ko« und zu Gast der Ham­bur­ger Re­kord­seg­ler Bo­ris

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●» Po­int Ne­mo« heißt die Stel­le im Pa­zi­fi­schen Oze­an, die wei­ter weg von al­len be­haus­ten Ge­bie­ten die­ses Pla­ne­ten ist als ir­gend­ein an­de­rer Ort. Die Mög­lich­keit ei­ner See­not ist dort nicht grö­ßer als auf der Ost­see bei Or­kan, aber die Wahr­schein­lich­keit von Ret­tung deut­lich ge­rin­ger. »Pol der Un­zu­gäng­lich­keit« wird die­ser Punkt im Pa­zi­fik ge­nannt. Das klingt sehr ein­sam und sehr ge­fähr­lich. Will man da­hin?

Bo­ris Herr­mann muss­te mit sei­ner Cr­ew genau dort vor­bei, woll­te er den Ge­schwin­dig­keits­re­kord im Welt­um­se­geln bre­chen. Und das war nicht das ein­zi­ge Ri­si­ko, das die Be­sat­zung der IDEC Sport ein­ging. Je­de See­mei­le be­deu­te­te Ge­fahr und Ent­beh­rung. Auf ex­akt 45 Ta­ge wa­ren die Vor­rä­te aus­ge­legt, län­ger durf­te die Rei­se nicht dau­ern. Und zwei Schlaf­sä­cke an Bord wa­ren der gan­ze Ru­he­kom­fort. »Sich men­tal leicht ma­chen«, nennt Herr­mann das. Von den sechs Seg­lern muss­ten so­wie­so im­mer vier wach sein.

Es ist fas­zi­nie­rend, Bo­ris Herr­mann zu­zu­hö­ren, wie er über Ri­si­ken spricht. Nüch­tern, fo­kus­siert, aber mit bren­nen­dem Wil­len be­schreibt er Ri­si­ko als loh­nen­des Prin­zip auf dem Weg zum Er­folg. Und be­weist, dass es Sinn macht, viel wei­ter zu ge­hen, als wir uns ge­mein­hin trau­en.

Denn was Herr­mann meint, ist das rea­le Ri­si­ko. Nicht das Brett­spiel, nicht »No risk no fun«. Wer mit 40 Kno­ten haar­scharf an rie­si­gen Eis­ber­gen vor­bei­bret­tert, um Zeit zu spa­ren, der ris­kiert sein Le­ben. Das ist Bun­gee am Bind­fa­den – und trotz­dem kal­ku­lier­bar. Denn die IDEC Sport ist nicht ge­sun­ken. Sie hat al­le Ri­si­ken si­cher um­schifft.

Herr­mann nennt sei­nen Trip die al­ter­na­tiv­lo­se Rea­li­sie­rung ei­nes Traums und ma­xi­ma­le, selbst­be­stimm­te Frei­heit. Für den eng­li­schen Phi­lo­so­phen John G. Ben­nett (1897–1974) macht erst die Mög­lich­keit des Schei­terns die Din­ge »wirk­lich«. Ech­te Frei­heit ist nach Ben­nett nur in nicht de­ter­mi­nier­ten (al­so nicht ri­si­ko­mi­ni­mier­ten) Si­tua­tio­nen denk­bar, de­ren Aus­gang of­fen ist. Wie weit muss man als De­si­gner ge­hen, um frei zu sein?

Der be­lieb­tes­te Zu­satz zum Ri­si­ko ist die Ver­mei­dung. Nur sel­ten kommt uns in den Sinn, die po­si­ti­ven Ei­gen­schaf­ten von Ri­si­ken zu nut­zen. Da­bei lie­gen doch erst auf dem schma­len Grat am Rand des Schei­terns die gro­ßen Po­ten­zia­le. Liegt das Neue. Lie­gen das Glück und die Frei­heit. Po­int Ne­mo als per­sön­li­ches Traum­ziel. Nicht im­mer, das hält ja nie­mand aus, aber auch nicht nie.

Ich ken­ne nur we­ni­ge Gestal­ter, die ech­tes Ri­si­ko als Op­ti­on se­hen. Die be­reit sind, dort­hin zu ge­hen, wo noch nie­mand war. Die auf die­se Wei­se auch mal schei­tern und trotz­dem wei­ter­ma­chen, weil sie sie spü­ren, die­se Frei­heit.

Die un­längst ver­stor­be­ne Ar­chi­tek­tin Za­ha Ha­did war so je­mand. Ih­re Ent­wür­fe gal­ten lan­ge Zeit als nicht rea­li­sier­bar – weil sie Din­ge ma­chen woll­te, die es noch nicht gab. Da ha­ben erst ein­mal al­le ge­knif­fen. Zu gu­ter Letzt je­doch schenk­te uns Ha­dids Ri­si­ko­be­reit­schaft ei­ni­ge der fas­zi­nie­rends­ten Bau­wer­ke un­se­rer Zeit.

Der Schrift­stel­ler Rai­nald Goetz, der es sich und sei­nen Le­sern nie leicht macht, sag­te in sei­ner Büch­ner­preis­re­de: »… nur wenn sie (die Li­te­ra­tur, An­mer­kung des Au­tors) das Ab­sei­ti­ge, was sie von dort­her weiß, nicht auf­gibt, son­dern im­mer wie­der er­neu­ert, kann sie Re­le­van­tes zum Ge­spräch bei­tra­gen.«

Und un­ter Gra­fik­de­si­gnern? Fal­len mir nur ganz we­ni­ge ein, aber ei­ner ist si­cher Mir­ko Bor­sche. Mir­ko ar­bei­tet mit Mut und Chuz­pe. Oft ist er da­für be­lä­chelt oder be­schimpft wor­den. Heu­te sieht der Main­stream aus wie Mir­kos Sa­chen vor zehn Jah­ren. Nur nicht bei ihm selbst.

Und das neh­me ich mit von Bo­ris Herr­mann: Wenn ich glau­be, schon im Ri­si­ko zu sein, ist das ech­te Wag­nis noch see­mei­len­weit ent­fernt.

PS: Mu­ti­ge Men­schen sind oft sehr lus­ti­ge Men­schen. Das Mot­to von Fran­cis Jo­yon, Skip­per der IDEC Sport, lau­tet: »Man ist vor po­si­ti­ven Über­ra­schun­gen nie si­cher!« Das mag ich!

Crea­ti­ve-mornings­Vi­de­os. Das Vi­deo zum Crea­ti­ve Morning mit Re­kord­seg­ler Bo­ris Herr­mann gibt’s un­ter ↗ www.pa­ge-on­li­ne.de/ crea­ti­ve-mornings-hh

Jo­han­nes Er­ler ist Part­ner des De­si­gn­bü­ros Er­ler­skib­be­töns­mann, das die Crea­ti­ve Mornings in Ham­burg ver­an­stal­tet, und Mit­be­grün­der des De­si­gn­kol­lek­tivs Sü­per­grüp.

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