Ru­le­brea­ker

PAGE - - Editorial Page -

● Ge­ben Sie mal das Wort »ru­le« auf Ih­rer Tas­ta­tur ein. Und? Wie fühlt sich das an? Ganz nor­mal? Nun, Wör­ter wer­den nicht nur da­nach be­ur­teilt, wie sie aus­se­hen, ge­hört oder ge­spro­chen wer­den, son­dern zu­neh­mend auch nach ih­rer Tipp­wei­se. Be­grif­fe, die sich über­wie­gend aus Buch­sta­ben der rech­ten Sei­te der Tas­ta­tur zu­sam­men­set­zen, lö­sen po­si­ti­ve­re Emo­tio­nen aus als sol­che aus dem lin­ken Be­reich, be­rich­ten Ko­gni­ti­ons­for­scher vom Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don – und genau: Das Wort »ru­le« liegt zu glei­chen Tei­len auf der rech­ten wie auf der lin­ken Hälf­te, Re­geln ha­ben eben ihr Gu­tes und ihr Schlech­tes.

Be­reits die Kul­tur­tech­nik des Sim­sens ha­be un­ser Ver­hält­nis zu Wör­tern und Zah­len ver­än­dert. Zah­len­fol­gen wie et­wa 54323, mit der man auf al­ten Han­dys »Lie­be« buch­sta­biert, lö­sen bei der ein­ge­ben­den Per­son po­si­ti­ve Ge­füh­le aus. So wit­zel­te »Sz«­ko­lum­nist Patrick Bernau auch schon: »Plötz­lich ist voll­kom­men klar, war­um Kar­stadt am Bo­den liegt, wäh­rend es Kauf­hof noch re­la­tiv gut geht.«

Was aber, wenn die Tech­no­lo­gie noch wei­ter vor­an­schrei­tet? Rich­tung Sprach­steue­rung zum Bei­spiel. Wer­den wir dann wie­der ganz an­de­re Brands prä­fe­rie­ren? Oder be­deu­tet das gar kom­plett das En­de der Mar­ken­ge­stal­tung, wie wir sie heute ken­nen? Brands kom­men schon heute oh­ne Lo­gos aus, um wahr­ge­nom­men zu wer­den, sprich: im Goog­le Pa­ge Rank un­se­re Auf­merk­sam­keit zu er­lan­gen. Es ist zu­neh­mend die Schnitt­stel­le zwi­schen Mensch und Ma­schi­ne, die Mar­ken prägt. So be­inhal­ten zu­kunfts­taug­li­che Sty­le­gui­des auch längst nicht mehr star­re vi­su­el­le De­si­gn­vor­ga­ben, son­dern im­mer mehr Co­deS­nip­pets. Ja, es liegt im We­sen un­se­rer Pro­fes­si­on, dass wir uns kul­tu­rel­len, ge­sell­schaft­li­chen und tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen an­pas­sen.

Spin­nen wir den Ge­dan­ken al­so wei­ter: Was wird aus un­se­ren Gestal­tungs­grund­sät­zen, wenn die Welt noch vir­tu­el­ler wird und noch nä­her zu­sam­men­rückt? Wie wird es dann wohl um die Rams’sche The­se »Gu­tes De­sign ist äs­the­tisch« be­stellt sein? Wer­den wir, wie Trend­for­sche­rin Li Edel­ko­ort schon mut­maßt, das durch den IS dis­kre­di­tier­te Schwarz aus un­se­ren Klei­der­schrän­ken ver­ban­nen? Und die Ma­xi­me »We­ni­ger ist mehr« über Bord wer­fen, um der viel­fäl­ti­gen vi­su­el­len Kul­tur der Mi­gran­ten ge­recht zu wer­den? Und wie wird es sich mit dem Leit­satz »To break the ru­les, you ha­ve to know them« ver­hal­ten, wenn es gar kei­ne Re­geln mehr gibt? Wird Ty­po­gra­fie schlicht ei­ne Fra­ge der schnel­len Er­fass­bar­keit? Oder Si­ri die neue Hel­ve­ti­ca? . . . Höchs­te Zeit, die gol­de­nen Re­geln der Gestal­tung auf den Prüf­stand zu stel­len (sie­he Sei­te 18 ff.) – Ru­le the Fu­ture!

Top 20: PA­GE Cd/ci-ran­king Die­ser Aus­ga­be liegt das 40-sei­ti­ge Ex­tra mit den um­satz­stärks­ten Bü­ros und Agen­tu­ren in den Be­rei­chen Cor­po­ra­te De­sign, Cor­po­ra­te Iden­ti­ty und Cor­po­ra­te Pu­blis­hing bei

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.