Moral­fra­ge

Dür­fen Krea­tiv­pro­fis sich über Hob­by­krea­ti­ve lus­tig ma­chen? Dr. Clau­dia Ger­des über­legt

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● Ten­den­zi­ell den­ke ich ja, dass man über al­les Wit­ze ma­chen darf – auch über The­men, mit de­nen es mir jen­seits der gren­zen­lo­sen Welt des Hu­mors wirk­lich ernst ist. Doch wie sieht es mit dem Krea­tiv­boom aus, der der­zeit be­son­ders weib­li­che Zeit­ge­nos­sen in Bas­tel- und Hand­ar­beits­rausch ver­setzt? Ist es nicht fies, über Leu­te mit we­ni­ger krea­ti­ven Jobs zu wit­zeln, die in der Frei­zeit auch mal der Lust frö­nen wol­len, Schö­nes mit Bunt­stif­ten oder Strick­na­deln zu schaf­fen? An­ge­sichts der per­ma­nen­ten Hor­ror­nach­rich­ten aus den Me­di­en kann man es doch nie­man­dem ver­übeln, dass er sich in Bü­cher zu­rück­zieht wie »Hä­kelt­raum und Win­ter­zau­ber« oder »Hand­let­te­ring-sprü­che zum Aus­ma­len« – Letz­te­res hat per­fo­rier­te Sei­ten, um die ent­stan­de­nen Kunst wer­ke an die Wand zu hän­gen.

Trotz­dem fällt es nicht leicht, ganz oh­ne bis­si­ge Kom­men­ta­re durch die Ka­ta­lo­ge zu blät­tern, die uns bei PA­GE der­zeit aus den ge­ra­de­zu ex­plo­die­ren­den Ver­la­gen für Krea­tiv­hand­bü­cher auf den Tisch schnei­en. Nicht nur, dass die dort ge­pfleg­te or­na­men­ta­le Nied­lich­keitsäs­the­tik ein Alb­traum für je­den Mi­ni­ma­lis­ten ist und die viel ge­prie­se­ne »Ori­gi­na­li­tät« und »In­di­vi­dua­li­tät« an­ge­sichts der Gleich­för­mig­keit der Diy-pro­duk­te nach An­lei­tung oft eher wie ein Witz wirkt.

Ir­gend­wie scheint der Trend auch ei­ner Sehn­sucht nach hei­ler Welt ent­sprun­gen, die trotz vor­der­grün­di­ger Zeit­geis­tig­keit er­schre­ckend rück­wärts­ge­wandt ist. Sie­he bei­spiels­wei­se Diy-ti­tel wie »Last-mi­nu­teGe­schen­ke für Frau­en. Vom Be­au­ty­pee­ling bis zum Ku­schel­kis­sen« oder »Last-mi­nu­te- Ge­schen­ke für Män­ner: Vom Bar­t­öl bis zum Mes­ser­block«. Was na­tür­lich un­ter dem Mot­to »ein ori­gi­nel­les Ge­schenk sel­ber ma­chen!« läuft .

So man­cher Re­vo­lu­tio­när wür­de sich im Gr­a­be wäl­zen, wenn er dann noch lä­se, mit wel­cher Über­schrift ei­ner die­ser Ver­la­ge sei­nen Ka­ta­log ver­sieht: »Ge­stal­te dei­ne Welt!«. Das Co­ver­mo­tiv ver­rät, was ge­meint ist: Ver­zie­re Gar­de­ro­ben­ha­ken mit den Buch­sta­ben H, O, M, E, be­ma­le Tas­sen mit Blu­men, zeich­ne Eu­len auf Post­kar­ten und ver­se­he die­se noch mit ei­nem wit­zi­gen phi­lo­so­phi­schen Spruch, nä­he Ku­schel­mons­ter und Ta­schen aus Stof­fen mit selbst ge­druck­ten Man­da­las! Schöööööön!

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