Echt jetzt?!

Wird Wer­bung end­lich rich­tig au­then­tisch? Ist Schön­heit an­ders, als wir bis­her dach­ten? Has­sen jetzt al­le das In­ter­net? Ak­tu­el­le Trends in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bran­che, nicht nur für die Sai­son Früh­jahr/som­mer 2017

PAGE - - Signale -

● Han­nah Thal­ham­mer ist ei­ne hüb­sche jun­ge Frau, Mo­del­ma­ße hat sie aber nicht vor­zu­wei­sen. Für sie kein Pro­blem – die Youtube­rin be­geis­tert statt­des­sen die 177 000 Abon­nen­ten ih­res Chan­nels »Klein aber Han­nah« mit dem For­mat »Wer­bung vs. Rea­li­tät«. Da­für stellt sie Wer­be­fo­tos von Fa­shionmar­ken wie H&M, ZA­RA oder Hol­lis­ter nach, kauft die je­wei­li­gen Kla­mot­ten und be­wer­tet dann, wie trag­bar sie für ei­ne »nor­ma­le« Frau sind.

Die Ge­gen­über­stel­lung von Wer­beillu­si­on und schnö­der Wirk­lich­keit ist in den so­zia­len Me­di­en über­haupt ein be­lieb­tes Gen­re, das re­gel­mä­ßig im­mer wie­der High­lights her­vor­bringt. Setzt sich die in der Wer­be­bran­che ja be­reits ewig be­schwo­re­ne Au­then­ti­zi­tät auf Druck der Kon­su­men­ten et­wa doch noch durch?

Tat­säch­lich keh­ren im­mer mehr Mar­ken den Hei­le-welt­Bil­dern schö­ner und dau­er­fröh­li­cher Men­schen den Rü­cken. Neh­men wir zum Bei­spiel das La­bel The North Face, das mit sei­nem Wer­be­clip »Ques­ti­on Mad­ness« wie­der das Aben­teu­er in die von bie­de­ren Stadt­men­schen ge­zähm­te Out­door-mo­de zu­rück­ho­len will. In dem vom ka­li­for­ni­schen Ex-skate­boar­der und Do­ku­men­tar­fil­mer St­a­cy Pe­r­al­ta pro­du­zier­ten Film sind ech­te Kämp­fer, Trä­nen der Ver­zweif­lung, blu­ti­ge Schram­men und so­gar rich­tig un­ap­pe­tit­lich er­fro­re­ne Fin­ger­kup­pen zu se­hen.

• Ba­sie­rend auf Kun­den­kom­men­ta­ren von der Ama­zonWeb­site ent­stan­den über hun­dert 10-se­kün­di­ge Wer­be­vi­gnet­ten, die zei­gen, wel­che Fra­gen die User Ama­zons di­gi­ta­ler As­sis­ten­tin Ale­xa über die (bis­her aus­schließ­lich in den USA ver­füg­ba­re) Echo-box so stel­len. • Nach ei­nem Cas­ting auf ih­rer Web­site mach­te die bri­ti­sche Job­ver­mitt­lung To­tal­jobs ei­nen ech­ten Ar­beits­su­chen­den zur Haupt­fi­gur ih­rer ei­ne Mil­li­on Pfund teu­ren Kam­pa­gne. Nicht nur, dass sein Ge­sicht tau­send­fach auf Pla­ka­ten zu se­hen war, un­ter www.to­tal­jobs.com/get-you-no­ti­ced konn­te auch je­der mit­er­le­ben, wie Ja­mie Mud­le sei­nen Le­bens­lauf über­ar­bei­te­te, ein neu­es Be­wer­bungs­fo­to mach­te und Vor­stel­lungs­ge­sprä­che üb­te. • DDB Reme­dy aus Lon­don ent­wi­ckel­te fürs Schmerz­mit­tel Ex­cedrin ei­nen Vir­tu­al-rea­li­ty-si­mu­la­tor, mit dem je­der Ge­sun­de aus­pro­bie­ren kann, wie sich Mi­grä­ne »wirk­lich« an­fühlt. Ge­fühl­vol­le Film­chen ver­an­schau­li­chen, wie An­ge­hö­ri­ge und Freun­de von Mi­grä­ne­pa­ti­en­ten dies er­le­ben. Das Tool lässt sich so­gar als App für IOS und An­dro­id her­un­ter­la­den.

Wer­bung vs. Jour­na­lis­mus

Das na­tür­li­che Ha­bi­tat au­then­tisch an­mu­ten­der Kom­mu­ni­ka­ti­on heißt aber na­tür­lich Con­tent Mar­ke­ting. Im­mer öf­ter kommt Wer­bung im Re­por­ta­ges­til da­her, wo­für man Fil­me­ma­cher und Fo­to­gra­fen braucht, die nicht die üb­li­che, ge­lack­te Wer­be­optik pfle­gen. Get­ty Images hat dar­auf jüngst re­agiert. »Im­mer häu­fi­ger wer­den un­se­re Fo­to­jour­na­lis­ten für kom­mer­zi­el­le Auf­trä­ge ge­bucht«, er­klärt Ai­dan Sul­li­van, CEO der Get­ty-neu­grün­dung Ver­ba­tim. Die­se sei dar­auf spe­zia­li­siert, Vi­deo- und Fo­to­jour­na­lis­ten an Kun­den zu ver­mit­teln, die »au­then­ti­sches Sto­ry­tel­ling für ih­re Mar­ke« wün­schen. Da­mit die von Ver­ba­tim ver­tre­te­nen Vi­deo- und Fo­to­gra­fen ih­re Cre­di­bi­li­ty be­wah­ren, steht so­gar Geld für ih­re per­sön­li­chen, frei­en Pro­jek­te be­reit.

Denn mit der Glaub­wür­dig­keit auf Be­stel­lung ist es halt so ei­ne Sa­che. Wenn No­bel­la­bel Dol­ce & Gab­ba­na für sei­ne Herbst­kam­pa­gne den Kriegs­re­por­ter Fran­co Pa­get­ti die Mo­dels auf den Stra­ßen von Nea­pel in In­ter­ak­ti­on mit »ech­ten« Men­schen fo­to­gra­fie­ren lässt, ist das noch lan­ge nicht rea­lis­tisch. Eben­so frag­wür­dig: die Kam­pa­gne »Die Re­kru­ten«, mit der die Bun­des­wehr »Dei­ne Gr­und­aus­bil­dung als Web­se­rie« prä­sen­tiert. Zwölf Re­kru­tin­nen und Re­kru­ten wer­den über drei Mo­na­te mit der Ka­me­ra be­glei­tet, al­ler­dings eher im Rtl-ii-do­kuso­ap-style. Die Kom­men­ta­re reich­ten von »pein­li­che Pro­pa­gan­da« bis »Re­al­sa­ti­re«.

ging wei­ter und gip­fel­te in der An­schul­di­gung, all die­se Rea­li­tä­ten wür­den zu­guns­ten all­ge­gen­wär­ti­ger Mo­dels wie Claudia Schif­fer aus­ge­blen­det, die doch bloß »voll­kom­me­ne ari­sche Schön­heit« re­prä­sen­tie­re . . .

Was zu je­ner Zeit skan­da­lös ra­di­kal klang, wird jetzt Stück für Stück ein­ge­löst – nicht im­mer ganz frei­wil­lig. We­gen ei­ner an­geb­lich se­xis­ti­schen Wer­be­kam­pa­gne hat­te der spa­ni­sche Bril­len­an­bie­ter Mul­tióp­ti­cas 2015 nach ei­ner Ak­ti­on der Künst­le­rin und Ak­ti­vis­tin Yo­lan­da Domín­guez ei­nen ve­ri­ta­blen Shits­torm ge­ern­tet. Die Fir­ma voll­zog ei­ne 180- Gra­dWen­de und prä­sen­tier­te 2016 ei­nen char­man­ten Spot mit fül­li­gen Mäd­chen, pi­cke­li­gen Jüng­lin­gen so­wie weiß­haa­ri­gen Män­nern und Frau­en. Von Domín­guez kam prompt Lob per Face­book.

Mu­ti­ge Wer­bung

Und so fällt der­zeit ein Ta­bu nach dem an­de­ren. Die Hips­terSe­nio­ren Fried­rich Liech­ten­stein und Gün­ther Kr­ab­ben­höft wur­den mit Spots für Ede­ka be­zie­hungs­wei­se De­ka zu Kult­fi­gu­ren. Dry­korn, das Mo­de­la­bel aus dem frän­ki­schen Kit­zin­gen, ließ für die Herbst-win­ter-kam­pa­gne in Los An­ge­les aus­schließ­lich schwar­ze Mo­dels fo­to­gra­fie­ren – die AFDWäh­ler un­ter sei­nen Kun­den dürf­te das nicht an­spre­chen.

Weg­wei­sen­de Wer­be­fil­me ent­stan­den zu­dem im Rah­men der Pa­ralym­pics. Be­son­ders frech war in Groß­bri­tan­ni­en aus­ge­rech­net der Me­ga­kon­zern Mars mit drei Spots für Mal­te­sers Scho­ko­ku­geln. In ei­nem Clip er­zählt ei­ne Spas­ti­ke­rin im Roll­stuhl ih­ren Freun­din­nen, wie sie beim Sex mit ih­rem neu­en Kerl plötz­lich ei­nen An­fall be­kam, was die­ser aber als be­son­de­re Er­re­gung miss­ver­stand . . . Al­les gar nicht so un­ge­wöhn­lich in Zei­ten, wo je­mand wie die durch ei­nen Au­to­un­fall ge­lähm­te Jor­dan Bo­ne als Ma­ke-up-ar­tis­tin zum YouTube-star wer­den kann. Die Bri­tin sitzt im Roll­stuhl, kann ih­re Hän­de beim Schmin­ken nur ein­ge­schränkt nut­zen. Zur­zeit ar­bei­tet sie an ih­rem Buch »My Be­au­ti­ful Strugg­le«, das nächs­tes Jahr er­schei­nen soll.

Er­war­tet uns al­so ei­ne groß­ar­ti­ge Zu­kunft der Viel­falt im Mar­ke­ting, weil das In­ter­net die­se Rich­tung vor­gibt? Spä­tes­tens seit Br­ex­it und Us-wahl wis­sen wir, dass »Vol­kes Stim­me« nicht im­mer nach vor­ne weist. In Spa­ni­en gab es auf der Pe­ti­ti­ons­platt­form Haz­teoir.org Pro­tes­te ge­gen ei­nen Wer­be­spot von El Cor­te In­glés, weil er ein schwu­les El­tern­paar zeig­te. Der Spot wur­de ab­ge­setzt, wo­bei die Kauf­haus­ket­te ver­si­cher­te, es ha­be nur an feh­len­den Rech­ten für die ver­wen­de­te Mu­sik ge­le­gen.

Ze­ro to He­ro: Ein ech­ter Ar­beits­su­chen­der ist Haupt­fi­gur der Kam­pa­gne der bri­ti­schen Job­ver­mitt­lung To­tal­jobs

Äu­ßerst be­liebt: die Se­rie »Wer­bung vs. Rea­li­tät« von Youtube­rin Han­nah Thal­ham­mer ali­as Klein aber Han­nah

Das frän­ki­sche La­bel Dry­korn ließ die ak­tu­el­le Kol­lek­ti­on von Da­ni­el Wo­el­ler mit schwar­zen Mo­dels in Los An­ge­les fo­to­gra­fie­ren

Wa­xing bei Früch­ten ist Schwach­sinn, oder? Bei­trag von Metz+ Ra­ci­ne zur »De­fi­ne Be­au­ty«-se­rie von Now­ness.com

An­läss­lich der Pa­ralym­pics mach­te der bri­ti­sche Tv-sen­der Chan­nel 4 mit der coo­len »We’re The Su­per­hu­mans«Kam­pa­gne Fu­ro­re

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.